(stm)
Zwei Standorte, viele Fragen: Wo ist der richtige Ort für eine neue Unterkunft für Geflüchtete? Was läuft falsch bei der Standortsuche?
Zusammenfassung in „Einfache Sprache“ als Audio:
Schwerin steht vor einer großen Herausforderung. Eine zweite Unterkunft für Geflüchtete muss her – nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich. Sagt die Stadtverwaltung. Doch die Diskussion um den passenden Standort ist längst mehr als eine technische Frage. Es geht um Ängste, um Chancen und um die Verantwortung, die eine Stadtgesellschaft trägt. Zwei Orte stehen im Mittelpunkt: ein zu 70 % leerstehender Plattenbau in Krebsförden und eine bebaubare Freifläche in Neumühle. Doch was spricht für und was gegen diese Standorte? Und warum wird nicht über andere Alternativen gesprochen?
Die Ausgangslage
Der Druck auf die Stadt ist groß. Schwerin muss mehr Menschen aufnehmen, als es aktuell Kapazitäten hat. Eine zweite Gemeinschaftsunterkunft ist daher nicht nur sinnvoll, sondern gesetzlich vorgeschrieben. Die Verwaltung schlägt vor, eine Unterkunft für bis zu 210 Menschen zu schaffen – schnell, effizient und, wenn möglich, mit einer Perspektive für die Nachnutzung. Doch die Frage, wo diese Unterkunft entstehen soll, hat die Stadt gespalten. Im Fokus stehen zwei Standorte. Krebsförden, ein Plattenbaugebiet im Norden der Stadt und der Stadtteil Neumühle, geprägt von Einfamilienhäusern. Die Segregation in Schwerin zeigt sich im vergleich beider Stadtteile exemplarisch.
Krebsförden: Die günstige Lösung?
Ein leerstehender Wohnblock in der Benno-Völkner-Straße in Krebsförden ist derzeit der Favorit der Verwaltung. 6,5 Millionen Euro sollen in die Sanierung fließen. Danach könnten bis zu 210 Menschen einziehen. Und wenn die Unterkunft nicht mehr gebraucht wird, könnte das Gebäude wieder regulär vermietet werden. Klingt praktisch, oder?
Nicht für alle. Der Ortsbeirat Krebsförden sieht die Pläne kritisch: „Unsere Infrastruktur ist dafür nicht ausgelegt. Es gibt hier kaum Kitas, keine Grundschule und auch keinen richtigen Spielplatz.“ Auch Anwohner äußern sich skeptisch. „Die Verwaltung redet nur von Kosten. Aber was ist mit den Menschen, die hier leben? Was ist mit den Familien, die schon jetzt kämpfen, sich hier wohlzufühlen?“, fragt ein Anwohner in einem Protestschreiben.
Dabei hat der Standort auch Vorteile. Die Benno-Völkner-Straße ist relativ gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, und die Sanierung könnte schneller umgesetzt werden als ein kompletter Neubau. Doch für viele bleibt das Gefühl, dass Krebsförden zum Sammelbecken für soziale Probleme wird.
Neumühle: Ein Modell für die Zukunft?
Eine ganz andere Idee hat die SPD: Tiny Houses in Neumühle. Bis zu 300 Menschen könnten hier ein neues Zuhause finden – verteilt auf knapp 70 kleine, individuelle Häuschen. Die Idee dahinter: weniger Druck auf die Anwohner, mehr Chancen auf Integration. „Neumühle hat eine starke Gemeinschaft. Hier könnten die Geflüchteten ein Teil davon werden“, sagt Mandy Pfeifer, Fraktionsvorsitzende der SPD.
Doch auch dieser Plan hat Tücken. Die Fläche müsste vollständig erschlossen werden, was die Kosten auf 9 Millionen Euro treibt. Außerdem fragen sich Kritiker, ob Tiny Houses wirklich eine langfristige Lösung sein können. „Was passiert in zehn Jahren? Dann stehen die Häuschen leer, und die Fläche ist versiegelt“, bemerkt ein Experte aus der Verwaltungg.
Die „vergessenen“ Alternativen
Während Krebsförden und Neumühle heiß diskutiert werden, gibt es andere Standorte, die bereits geprüft, aber nicht weiter diskutiert wurden:
- Paulshöhe: Hier sollten Tiny Houses für bis zu 400 Menschen entstehen. Doch die Kosten für den Betrieb und die problematische Lage haben diesen Plan scheitern lassen.
- Mittelweg: Ein Ersatzneubau mit Platz für 194 Menschen hätte entstehen können. Doch die geschätzten 14,56 Millionen Euro machten dieses Projekt zur teuersten Option.
- Carl-Friedrich-Flemming-Straße: Ein Neubau für 150 Menschen war ebenfalls im Gespräch, wurde aber aufgrund geringer Kapazität und hoher Baukosten verworfen.
Warum diese Alternativen nicht intensiver diskutiert wurden, ist vielen unklar. Kritiker werfen der Verwaltung vor, sich zu sehr auf Kosten und Zeit zu konzentrieren und dabei mögliche langfristige Vorteile zu übersehen.
Die soziale Dimension
Hinter der Standortfrage steckt ein größerer Konflikt: Wie kann eine Stadt wie Schwerin soziale Verantwortung übernehmen, ohne bestehende Probleme zu verschärfen? Schwerin ist eine der am stärksten segregierten Städte in Deutschland. Die Konzentration von Armut in bestimmten Stadtteilen ist ein bekanntes Problem. „Es ist unsere Aufgabe, diese Ungleichheit nicht noch weiter zu verschärfen“, heißt es in einem Statement des Ortsbeirats.
Doch auch die Ängste der Anwohner müssen ernst genommen werden. „Es geht nicht darum, keine Hilfe leisten zu wollen. Es geht darum, dass man uns das Gefühl gibt, über unsere Köpfe hinweg zu entscheiden“, sagt eine Anwohnerin aus Krebsförden.
Was Integration braucht und nicht braucht – als würde man „über Tiere reden“
Egal, wo die Unterkunft entsteht, eines ist klar: Integration passiert nicht von allein. Die Stadt muss investieren – in Kitas, Schulen, Freizeitangebote und die Menschen. Sprachkurse, Arbeitsmöglichkeiten und Begegnungsräume sind genauso wichtig wie ein Dach über dem Kopf. „Nur wenn die Menschen hier eine Perspektive bekommen, wird diese Unterkunft ein Erfolg“, sagt ein Anwohner aus Krebsförden. Ein anderer Anwohner bringt eine weitere Perspektive ein: Es sei auffällig, wie menschenfeindlich aktuell diskutiert werde. Selbstverständlich bedeuten über 200 neue Stadtteilbewohner eine Umstellung, aber letztlich seien das auch Menschen – auf dessen Rücken Priviligierte aktuell Politik machen und einige gar Hetze befeuern.
Einige Reaktionen aus den beiden Stadteilen lassen einem erschaudern. So gibt es Graffitis in Neumühle die „Fuck SPD“ propagieren, was auf den Vorstoß der SDP anspielt, die Unterkunft in Neumühle anzusiedeln. Und ein CDU stadtvertreter verbreitet die Graffiti auf Instagramm. Kommenater in sozialen Medien bezeichnen die Geflüchteten generell als Vergewaltiger, Kriminelle. Auch in Krebsförden gibt es teils rassistische Äußerungen, wenn man auf die Pläne anspricht. „Die sollen weg“ hört man, und mehrere Aufkleber rechter und rechtsradikaler Gruppen verzieren in den letzten Tagen mehr und mehr Straßenlaternen.
Kommentar: Die Entscheidung naht
Bis Ende des Jahres muss die Stadtvertretung eine Entscheidung treffen. Am Montag soll theoretisch eine Entscheidung von der Stadtvertretung getroffen werden. Krebsförden oder Neumühle – oder vielleicht doch eine Alternative? Klar ist: Diese Entscheidung wird nicht nur über die Zukunft der Geflüchteten bestimmen, sondern auch darüber, wie Schwerin als Stadt zusammenwächst oder auseinanderdriftet. Vielleicht täte die Stadt gut daran, klarere Aussagen zu treffen, wer in die Unterkünfte einzieht, die Menschen in den Vordergrund zu stellen – sowohl die Anwohnenden der Stadtteil, als auch die Geflüchteten. Und das unabhängig vom sozialen Status.
(Ergänzung: Mit der Formulierung „Vielleicht täte die Stadt gut daran, klarere Aussagen zu treffen, wer in die Unterkünfte einzieht“ soll der menschliche Aspekt in den Blickpunkt gestellt werden. Denn in allen Stadtteilen und auch den Unterkünften leben in erster Linie Menschen. Und wenn Integration, eine Durchmischung der Stadtteile gelingen soll, auch mit Blick auf Segregation, muss der Mensch, egal ob aus Krebsförden, Neumühle oder einer Unterkunft für Geflüchtete wieder als das gesehen werden was er ist, ein Mensch.)
http://www.schwerin.news hat schon frühzeitig über das Thema informiert. Nachfolgend einige Artikel, in denen sich entsprechende Dokumente und Hintergrundinformationen befinden:
Segregation:
Zweite Unterkunft Hintergrundinformationen (mit Dokumenten):



















