(stm/ Kommentar)
Auf der Sondersitzung der Stadtvertreterversammlung im Januar 2025 wurde die geplante Erweiterung einer Unterkunft für Geflüchtete in Mueßer Holz diskutiert. Mandy Pfeiffer (SPD) verwies auf die Segregationsstudie, die Schwerin als eine der Städte mit der höchsten sozialen Segregation in Deutschland ausweist. Sie zitierte dazu den Wissenschaftler Professor Marcel Helbig, der maßgeblich an dieser Studie beteiligt war. Er betont, dass Mueßer Holz bei vielen Indikatoren negativ auffällt und eine neue / erweiterete Flüchtlingsunterkunft in diesem Bereich die bereits bestehende Segregation weiter verstärken würde. Im Vergleich zu anderen ostdeutschen Großstädten sei nur noch Halle-Neustadt Süd ähnlich stark von der sozialen Trennung betroffen. (Helbigs Studie ist unten verlinkt).
Sozialdezernentin Trauths verzerrte Wahrnehmung
Die Sozialdezernentin Martina Trauth (zugezogen, seit Ende 2022 im Amt) reagierte auf dieses Zitat und zeichnete ein Bild des Stadtteils, das mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht übereinstimmt. Sie sagte, dass Mueßer Holz viele soziale Angebote habe und die Menschen sich dort wohlfühlten. Dabei verkennt sie jedoch, dass diese Strukturen keine Errungenschaft sind, sondern eine Reaktion auf jahrzehntelange Vernachlässigung und massive Segregation. Die vorhandenen Hilfsangebote sind das Symptom einer tief verwurzelten sozialen Spaltung, nicht der Beweis für ein funktionierendes Stadtquartier. Natürlich leisten die Stadteilmanagerinnen und die Sozailen Angebote eine gute Arbeit, doch die Arbeit federt lediglich das städteplanerische Versagen der letzten Jahrzehnte ab.
Trauth erklärte, die Menschen dort würden sich gar nicht so abgehängt fühlen, wie es oft dargestellt werde. Die niedrigen Mieten seien ein Grund, weshalb viele dort wohnen, und die Vielzahl an sozialen Einrichtungen sei ein großer Vorteil. Doch diese Aussagen ignorieren die eigentlichen Ursachen. Die Infrastruktur und sozialen Programme existieren nicht aus Wohlstand, sondern als Notwendigkeit, um die tiefgreifenden sozialen Probleme des Stadtteils abzufedern. Wer dies als Erfolg darstellt, stellt die Realität auf den Kopf.
Was die Studien wirklich zeigen: Die Perspektive der Betroffenen
Trauth irrt oder kennt nicht alle relevanten Studien. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2023 mit dem Titel „Bewohner*innenschaft und Migration – Ankommensprozesse von Geflüchteten in ostdeutschen Großwohnsiedlungen“ der Humbold Universität zu Berlin zeigt deutlich, dass Migrantinnen und Migranten selbst die größten Probleme im Dreesch sehen. Sie berichten über Isolation, fehlende soziale Durchmischung und geringe Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft. Sprachbarrieren und Arbeitslosigkeit verschärfen die Situation zusätzlich. Viele Geflüchtete haben Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, was die Abhängigkeit von Transferleistungen erhöht.
Besonders problematisch ist die Lage für Kinder und Jugendliche. Durch die hohe Konzentration sozialer Problemlagen sind sie mit schlechteren Bildungs- und Zukunftschancen konfrontiert. Viele empfinden das Quartier als unsicher und vermeiden bestimmte Gegenden, weil soziale Spannungen und Kriminalität ihr Sicherheitsgefühl beeinträchtigen. Die Studie macht deutlich, dass die Realität im Stadtteil nicht dem Bild entspricht, das Trauth zeichnet.
Auch die Segregationsstudie von Helbig und Jähnen mit dem Titel „Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte?“ belegt diese Problematik. Sie zeigt, dass Schwerin zu den Städten gehört, in denen sich der Anteil von SGB-II-Beziehern besonders stark auf bestimmte Quartiere konzentriert. In einigen Stadtteilen leben über die Hälfte der Kinder in Haushalten, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, was ihre Lebenschancen erheblich einschränkt. Während in Westdeutschland eine gewisse Durchmischung ärmerer und wohlhabenderer Haushalte zu beobachten ist, verfestigt sich in ostdeutschen Städten wie Schwerin eine zunehmende soziale Trennung.
Einige der Maßnahmen und Sozialen Angebote in den nördlichen Stadtteilen existieren nur aufgrund der Studien und wissenschaftlichen Papiere. Man könnte fast behaupten, dass es so wirkt, als wenn Trauth den Studien nicht traut. Als Sozialdezernentin ist es aber ihre Aufgabe wissenschaftlichen Ergebnissen / Erkenntnissen Vorrang vor ihrer eigenen Wahrnehmung zu geben. Und wenn Sie dies nicht schafft, ist sie nicht die richtige für den Job.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse widerlegen das optimistische Bild, das Trauth zeichnet. Die aktuellen sozialen Angebote im Stadtteil sind keine Erfolgsgeschichte, sondern die Folge der Segregation, die über Jahre gewachsen ist. Wer dies nicht erkennt, ignoriert die tatsächlichen Probleme und riskiert, dass sich die Lage weiter verschärft. Die Standortwahl der Unterkunft im Mueßer Holz, ist unter diesen Gesichtspunkten durchaus nochmal diskussionswürdig.
Der Stadtteil braucht echte Veränderungen
Mueßer Holz braucht keine weitere Verharmlosung der bestehenden Probleme, sondern eine klare Strategie zur Überwindung der Segregation. Statt sich mit der bestehenden Situation abzufinden, braucht es gezielte Maßnahmen, um die soziale Durchmischung zu fördern. Investitionen in Bildung und Beschäftigung müssen Priorität haben, damit die Menschen echte Perspektiven erhalten. Die Stadtentwicklung muss sich an langfristigen Zielen orientieren, anstatt nur Symptome zu verwalten.
Es reicht nicht aus, den aktuellen Zustand als funktionierend darzustellen und so wie es die Sozialdezernentin Trauth tut. Die Menschen im Stadtteil brauchen mehr als nur gut gemeinte Worte – sie brauchen konkrete Verbesserungen und eine Politik, die sich den realen Herausforderungen stellt.
Quellen:
Befragung / Studie Migraten im Stadtteil der Humbold Universität Berlin:
Studie Segregation des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung:
Link zur Stadtvertretersitzung (Wortmeldung Dezernentin Trauth ab …):


















