(stm/Kommentar)
Schwerin ist eine Stadt, die sich soziale Entmischung eigentlich nicht mehr leisten kann. Wer hier über Jahre zusieht, wie Armut sich in bestimmten Quartieren verdichtet, wie Bildungswege auseinanderdriften und wie „die einen“ und „die anderen“ immer seltener überhaupt noch miteinander zu tun haben, der sollte bei jedem ernsthaften Ansatz, diese Trennung aufzubrechen, hellwach werden. Genau deshalb wirkt eine aktuelle Absage aus dem Stadthaus nicht nur wie eine Verwaltungsentscheidung – sie wirkt wie ein Wegducken. Und zwar eines, das man sich hinter Zuständigkeiten, Paragrafen und Haushaltsfloskeln bequem macht.
Die Stadtvertretung hatte der Stadtverwaltung im November 2025 einen klaren Prüfauftrag gegeben: Kann das Kölner Modell „4 Veedel – 1 Stadt“ nach Schwerin übertragen werden? Bei dem Modell handeltb es sich um ein Austauschprojekt über ein ganzes Schuljahr, in dem Jugendliche aus unterschiedlichen Stadtteilen und Schulformen sich nicht nur einmal kurz begegnen, sondern sich gegenseitig besuchen, zusammen arbeiten, zusammen streiten, zusammen lachen – und dadurch lernen, dass „die anderen“ keine Schablonen, oder sind.
Das ist kein bunter Wohlfühl-Workshop für Pressefotos, sondern ein Konzept, das genau dort ansetzt, wo Städte wie Schwerin am meisten bluten: an der unsichtbaren Grenze zwischen Lebenswelten.
Und was kommt zurück? Unterzeichnet von Bernd Nottebaum, der bis zur Neuwahl der amtierende Oberbürgermeister ist, landet im Kern eine Absage: Das sei in Köln ein „Schulprojekt“, das würden die Schulen dort selbst organisieren und finanzieren, das Jugendamt sei nicht beteiligt. In Schwerin gebe es dafür keine freien Personal- und Finanzressourcen. Außerdem: keine Weisungsbefugnis gegenüber Schulen. Und schließlich der Satz, der die Sache endgültig entlarvt: Es gebe „punktuell“ schon Vergleichbares – deshalb bestehe „kein Bedarf“. Damit wird aus einem Problem, das in Schwerin längst strukturell ist, eine Randnotiz gemacht, die man mit Verweis auf ein paar Einzelaktionen abhaken möchte.
„Kein Bedarf“ – das ist der Moment, in dem die Vorlage kippt. Denn wenn Schwerin eines hat, dann Bedarf. Schwerin zählt seit Jahren zu den Städten, die besonders stark von Segregation betroffen sind – also davon, dass sich Armut und soziale Benachteiligung räumlich konzentrieren und dadurch immer weiter vererben, während in anderen Stadtteilen die Menschen aus guten Hause davon nichts mitbekommen. Wer das weiß, kann nicht ernsthaft behaupten, es reiche, wenn hier und da mal ein Projekt stattfindet, ein Kochduell, ein Fair-Play-Tag oder ein Jugendclub-Battle. Solche Aktionen können nett sein. Sie ersetzen aber kein verbindliches, längerfristiges Format, das Jugendliche systematisch aus der eigenen Bubblee holt. Wer beides gleichsetzt, macht sich entweder etwas vor – oder versucht bewusst, die Latte niedrig zu hängen, damit man bequemer drunter durchkommt.
Noch ärgerlicher ist die argumentative Nummer „Schule – also nicht unser Problem“. Natürlich kann die Stadt Schulen nicht wie eine Abteilung des Rathauses steuern. Aber daraus zu folgern, man könne nichts tun, ist nicht nur falsch – es ist eine Ausrede. Die Stadt kann sehr wohl ermöglichen, vernetzen, Räume organisieren, Partner aus Kultur und Jugendhilfe an Bord holen, einen Träger finden, Fördermittel akquirieren, eine Anschubfinanzierung darstellen oder zumindest als Motor auftreten, damit Schulen nicht allein im Regen stehen. Wer wirklich will, findet Wege. Wer nicht will, schreibt „Zuständigkeit“ drauf und nennt das Ergebnis „Prüfung“.
Und dann ist da noch die haushaltsrechtliche Nebelkerze: freiwillige Leistung, vorläufige Haushaltsführung, unzulässig. Ja, kommunale Haushaltsregeln sind strikt.
Aber sie sind kein Naturgesetz, das jede Idee erschlägt, bevor sie überhaupt atmen darf. Gerade in Feldern wie Jugend, Demokratiebildung, kulturelle Bildung, sozialer Zusammenhalt gibt es regelmäßig Förderprogramme und Drittmittelmöglichkeiten. Es braucht dafür Arbeit, Kontakte, Beharrlichkeit – genau das, was eine Stadtverwaltung leisten sollte, wenn sie den Ernst der Lage verstanden hat. Wer stattdessen sofort die rote Karte „geht nicht“ hochhält, signalisiert vor allem eins: Wir haben nicht mal vor, ernsthaft zu suchen.
Unterm Strich liest sich diese Ablehnung wie das klassische Schweriner Problem in Kurzform: Wenn es unbequem wird, wird es administriert. Wenn es politisch werden müsste, wird es technisch gemacht. Wenn eine Chance da ist, strukturell etwas zu verändern, wird sie auf „punktuell“ kleingerechnet, bis sie in eine Schublade passt. Und genau so zementiert man Segregation: nicht durch offene Böswilligkeit, sondern durch konsequentes Unterlassen.
Nottebaum hätte aus dem Prüfauftrag eine Vorlage machen können, die Schwerin nach vorn bringt: Welche Schulen? Welche Stadtteile? Welche Partner? Welche Finanzierungsmöglichkeiten? Welche Zeitschiene? Welche Hürden – und wie räumt man sie aus?
Stattdessen kommt eine Absage, die sich liest wie: zu teuer, nicht zuständig, zu aufwendig, zu egal, kein Bock drauf – verkaufen wir erstmal weiter bauland und boxen paar Bauprojekte durch – soziale Entmischung – kann ja die oder der nächste Oberbürgermeister machen. Das ist nicht sachlich nüchtern – das ist politisch unerquicklich. Denn die Botschaft ist klar: Wer in dieser Stadt soziale Gräben schließen will, soll’s bitte alleine machen. Rathaus sagt: kein Bedarf.
Und genau das ist der Punkt, an dem man es nicht mehr höflich formulieren muss. Eine Stadt, die weiß, wie stark sie von sozialer Entmischung betroffen ist, kann sich solche Sätze nicht erlauben, ohne unglaubwürdig zu werden. Wer „kein Bedarf“ schreibt, beschreibt nicht die Lage in Schwerin. Er beschreibt die Prioritäten im Stadthaus.
Hier kann das „Ergebnis“ der Prüfung eingesehen und heruntergeladen werden:

















