(stm/red)

Das dürfte es in Schwerin so noch nicht gegeben haben: Gerade erst vereidigt – und schon wieder weg. Stephan Schrör (ASK), Nachrücker für den bisherigen Stadtvertreter Stephan Martini, hat der Stadtvertretung am Montagabend eine Szene geliefert, die im Rathaus noch länger Thema sein wird als mancher Tagesordnungspunkt. Schrör nahm die Vereidigung an, drehte sich um, ging nicht auf seinen „Platz“ – sondern verließ den Saal. 70 Sekunden – Mandat.

Kurz darauf schickte Schrör eine schriftliche Erklärung, die es in sich hat. Überschrift: „Stadtvertreter – Nein Danke…“ Darin beschreibt er, warum er den Schritt so bewusst gewählt hat – und warum er mit der Art, wie Schwerin Politik macht, offenkundig fertig ist.

„Seit acht Jahren lebe ich wieder in meiner Geburtsstadt Schwerin. Seit acht Jahren interessiere ich mich für Stadtpolitik“, schreibt Schrör. Er sei „immer erstaunt“, wie „lapidar“ mit Meinungspluralität, Andersdenkenden und „letztendlich auch mit Investoren“ umgegangen werde. Schrör erhebt schwere Vorwürfe: Sachkundige Bürger würden aus Ausschüssen gedrängt, Politik „verwalte nur – anstatt zu gestalten“.

Dann kommt der Punkt, der den Moment politisch auflädt: Schrör verweist ausdrücklich auf den Bürgerentscheid zum Stadtteilpark Lankow. Der sei für ihn „eindrucksvoll“ gewesen – „letzten Endes ein deutliches Misstrauensvotum gegen die Stadtvertretung“. Und am Ende der Erklärung folgt ein Satz, der den Abgang wie eine Trotzantwort klingen lässt: „Sorry: Ich wollte Sie nur mal von Vorne sehen.“ hierbei spielt Schrör offensichtlich auf einen alten Werbespot aus den 90ern an.

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Schrör mit klarer Botschaft

Nach der Aktion telefonierten wir mit Schrör. Er zeigt sich überzeugt, mit diesem „Ein-Minuten-Auftritt“ auch seine Wählerinnen und Wähler vertreten zu haben. Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen die Stadtvertretung, sondern auch gegen Teile der Verwaltungsspitze: Aus seiner Sicht würden Aufgaben „nicht mehr nach dem Willen der Bürgerinnen und Bürger“ ausgerichtet. Er habe die Stadtvertretung „mal von vorne sehen“ wollen – und das, was er gesehen habe, habe ihm nicht gefallen.

Damit macht Schrör aus einem ungewöhnlichen Abgang eine politische Erzählung: nicht Rückzug aus Bequemlichkeit, sondern demonstrative Verweigerung als Protestform. Ob man das für konsequent oder unerquicklich hält – ignorieren kann man es nicht. Denn dieser Abgang stellt eine Frage, die nach dem Lankow-Votum ohnehin in der Luft liegt: Wie groß ist inzwischen die Distanz zwischen Ratsmehrheiten, Verwaltungshandeln und dem, was viele Menschen in dieser Stadt tatsächlich wollen?

Fakt ist: Der Bürgerentscheid in Lankow fiel mit über 90 Prozent „Ja“ so deutlich aus, dass sich kaum noch wegmoderieren lässt, was die Botschaft war. Schrör deutet dieses Ergebnis als Misstrauensvotum – und setzt seine persönliche Konsequenz unmittelbar daneben. Symbolpolitik? Ja. Aber Symbolpolitik mit maximaler Wucht.

Und so steht am Ende eine Szene, die im Protokoll vermutlich nur eine Randnotiz ist – in der politischen Kultur der Stadt aber wie ein Schlaglicht wirkt: Schwerin hat möglicherweise gerade den kürzesten Mandatsauftritt seiner Geschichte gesehen.

Was jetzt folgt: Wenn Schrör sein Mandat tatsächlich niederlegt, läuft das Nachrückverfahren erneut an. Die ASK müsste den Sitz dann wieder besetzen – oder erneut ein Zeichen setzen. Sicher ist: Nach diesem Abend wird die Stadtvertretung nicht so tun können, als sei alles „wie immer“.



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