(stm/Kommentar)
Wenn man via WhatsApp & Co eine Nachricht versendet, kann man die eigene Nachricht bearbeiten – korrigieren, aber nur solange, bis der Empfänger sie gelesen hat. Ist logisch. Und sinnvoll. Aber was wäre wenn man die Nachricht Stunden später nachdem der Empfänger sie erhalten und gelesen, drauf reagiert hat, ohne das dann da „bearbeitet“ steht, völlig verändern könnte. Wäre frech, unlogisch und würde zu Verwirrung führen. Genau das hat im Prinzip der NDR am Donnerstag getan.
—
Wer am Donnerstag nur einmal kurz aufs Handy geschaut hat, hat sehr wahrscheinlich nur eine Version der Strandhotel-Geschichte des NDR mitbekommen.
Und genau darum geht es: Der NDR hatt am Donnerstag einen Artikel zum Strandhotel in Schwerin im Laufe des Tages sichtbar neu gerahmt – ohne dass diese Korrektur/Neugewichtung für alle, die die erste Welle gesehen haben, zwangsläufig erkennbar wurde/wird. Und nicht etwa den einen Artikel offline genommen und nen neuen hochgeladen – sonder unter der gleichen Verlinkung, einfach ne andere Meldung platziert. Warum das problematisch ist – ein Kommentar:
Der Nachweis steckt ausgerechnet im Detail, das online nie verschwindet: in der Adresse selbst. Unter der URL, die weiterhin „…soll-abgerissen-werden…“ trägt, landet man inzwischen auf einem Beitrag mit der Überschrift „Schweriner Stadtverwaltung sieht keine Gründe für Abriss des Strandhotels“ – Stand 12.02.2026, 21:04 Uhr (wie im Beitrag ausgewiesen). (Link: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/westmecklenburg/schwerin-strandhotel-in-zippendorf-soll-abgerissen-werden,mvregioschwerin-3146.html)
Hatte man den Link angeklickt, sah es am Donnerstag bis zum Abend so aus:

Klickt man allerdings aktuell auf exakt ein und denselben Link sieht man jetzt folgende Headline, und einen anderen Artikelinhalt.

Aus „soll abgerissen werden“ und „alternativlos“ wird plötzlich Stadtverwaltung „sieht keine Gründe“…
Inhaltlich ist die aktuelle NDR-Version – nach allem, was öffentlich vorliegt – gar nicht der Skandal. Im Gegenteil: Sie bildet nun den Verwaltungsstand ab. Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum (CDU) wird im Kontext des Hauptausschusses damit zitiert, dass der Stadt eine umfangreiche Abriss-Begründung vorliege, inklusive eines von Eigentümern/Investoren beauftragten Gutachtens (rund 800 Seiten), das den Abriss als „alternativlos“ darstellt. Gleichzeitig heißt es, Stadtverwaltung und Denkmalschutzbehörde sähen nach erster Prüfung „keinerlei Anhaltspunkte“ dafür – es werde weiter geprüft, weitere Unterlagen seien angekündigt. Genau diese Spannung – Gutachtenbehauptung vs. Behördenbewertung – beschreiben auch andere Medien, die seit Wochen über das 800-Seiten-Paket und die laufende Prüfung berichten.
http://www.schwerin.news berichtete übrigens bereits vor Wochen dazu. Im Dezember 2025 als vor weniger als 3 Monaten gab es das Gutachten noch nicht. Aber schon zu dem Zeitpunkt stellte die Stadtverwaltung klar, dass sie einem Erhalt des Strandhotels zugeneigt sind:
Der Punkt ist ein anderer: Wie diese Geschichte beim Publikum ankommt.
Denn der NDR hat die Abriss-Erzählung zunächst selbst kräftig angeschoben – auch über Social. In der NDR-MV-Ausspielung war der Ton eindeutig alarmig („…jetzt droht … der Abriss“, „Alternativlos“ ). Wer nur diese erste Welle wahrnimmt, bleibt mit einem Abriss-Eindruck zurück. Wer später nicht erneut EIN UND DENSELBEN LINK klickt – und das tun die meisten nicht –, bekommt die entscheidende Einordnung („keine Gründe“) schlicht nicht mehr mit.
Und das ist journalistisch sehr unsauber. Statt eine Korrekturmeldung zu bringen, wird der Beitrag einfach mal nachträglich in einen nicht unerheblichen Umfang angepasst und verändert.
Das ist kein Nebenschauplatz, sondern online das Herzstück von Verantwortung. Nachrichten werden heute über Überschrift, Snippet und Teilen-Buttons konsumiert. Wenn sich die Kernaussage eines Beitrags spürbar verschiebt, reicht „still umbauen“ nicht, weil es die Realität der Nutzung ignoriert.
Und ja: Hier darf man den NDR als öffentlich-rechtliches Medium beim Namen nennen. Nicht, weil Updates an sich falsch wären – Updates sind normal. Sondern weil Transparenz bei so einem Richtungswechsel zur Pflicht wird. Der Pressekodex fordert, dass sich als falsch erweisende Nachrichten „unverzüglich“ und „in angemessener Weise“ richtiggestellt werden.
Das ist nicht nur eine juristische Fußnote, sondern ein Qualitätsversprechen: Wenn sich beim Publikum ein Eindruck festsetzen konnte, muss eine Korrektur sichtbar sein – nicht versteckt im nachträglich geglätteten Text.
Gerade beim Strandhotel ist diese Sichtbarkeit entscheidend. Das Gebäude steht seit über 20 Jahren leer, ist emotional aufgeladen, und der Denkmalschutz ist das Nadelöhr. Schwerin.news hatte bereits im Dezember darauf hingewiesen, dass der Denkmalschutz nach Angaben der Stadtverwaltung Bestand hat und die Stadt damals keine akute Einsturzgefahr sah – also genau die „Bremse“, die jetzt im aktuellen Stand wieder zentral ist.
Was wäre sauber gewesen? Ein klarer Hinweis im überarbeiteten NDR-Beitrag: „Update/Korrektur: Überschrift und Gewichtung geändert, weil …“ Oder ein eigener kurzer Folgebeitrag „Das ist der aktuelle Stand“. Das wäre nicht peinlich, sondern professionell. Peinlich ist nur, wenn die erste Welle Wirkung entfaltet – und die zweite für viele unsichtbar bleibt.
Unterm Strich ist der Strandhotel-Fall damit nicht nur eine neue Runde im Streit um ein (teils) marodes Denkmal am See. Er ist auch ein Lehrstück in der Frage. Wie viel Vertrauen kann dem öffentlich rechtlichen Rundfunk entgegen gebracht werden? War dies einmalig, oder wird öfters so verfahren? Ist eine „Meldung“ eine Meldung, oder muss man damit rechnen, dass wenn man den „Link“ die News an Freunde weiterleitet, sich der Inhalt inzwischen geändert hat?

















