(stm/red)

Schwerin – die Stadt der sieben Seen. Während im Winter die Luft auf minus zehn Grad sinkt, bleibt das Wasser in tieferen Bereichen der Seen oft bei stabilen vier Grad Celsius. Diese „Restwärme“ nutzen, mit Wärmepumpen auf Heiztemperatur bringen und ins Fernwärmenetz einspeisen – das ist das Konzept der Seethermie. Und es ist längst keine Science-Fiction mehr.

In der kommunalen Wärmeplanung Schwerins taucht Seethermie mit einem Potenzial von 60 GWh auf – das entspricht grob der jährlichen Heizwärme für rund 7.500 Wohnungen. Doch die Bewertung ernüchtert: „Eignung: niedrig“, etwa acht Prozent mögliche Deckung des Fernwärmebedarfs.

Der Kontext: Schwerin heizt bereits mit Erdwärme

Was in der Debatte über Seewärme oft fehlt: Schwerin nutzt seit April 2023 bereits Geothermie – allerdings nicht aus den Seen, sondern aus 1.300 Metern Tiefe. Die Geothermie-Anlage in Lankow fördert 56 Grad Celsius warmes Thermalwasser und deckt damit bereits 15 Prozent des städtischen Fernwärmebedarfs.

Die Anlage, eingeweiht im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, sei „deutschlandweit einzigartig durch die Kombination aus mitteltiefer Geothermie und Wärmepumpen“, so die Stadtwerke Schwerin. Jährlich werden dadurch 7.500 Tonnen CO2 eingespart.

Die zentrale Frage lautet also nicht: Kann Schwerin mit Wärme aus dem Untergrund heizen? Sondern: Warum nicht auch aus den Seen?

Die technische Hürde: Temperatur

Der Knackpunkt liegt in den Grad Celsius. Seewasser hat im Winter typischerweise etwa vier Grad, während das Schweriner Fernwärmenetz – je nach Außentemperatur – zwischen 80 und 130 Grad benötigt. Zum Vergleich: Das Thermalwasser aus der Geothermie-Anlage Lankow kommt bereits mit 56 Grad aus der Tiefe.

Je größer der Temperatursprung, desto mehr Strom brauchen die Wärmepumpen – und desto teurer wird das System. Hinzu kommen Leitungswege, Standorte für Wärmepumpen-Anlagen am Seeufer, Genehmigungsverfahren und nicht zuletzt: die Frage nach Umweltverträglichkeit und Akzeptanz.

Anderswo funktioniert es bereits

Während Schwerin zögert, werden am Bodensee Tatsachen geschaffen. In Meersburg entsteht das erste Seethermie-Projekt am deutschen Bodenseeufer, weitere Kommunen wie Konstanz, Friedrichshafen, Radolfzell und Überlingen planen ähnliche Vorhaben.

Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker sieht ein „enormes und bisher weitgehend ungenutztes Potenzial“ in der Seethermie. Am Bodensee würden bereits seit Jahrzehnten kleinere Anlagen betrieben – etwa die Universität Konstanz, die seit 1972 Seewasser zum Kühlen nutzt.

In der Schweiz gilt die Technologie sogar als Vorreiter: Im Kanton Thurgau sind fünf Seethermie-Kraftwerke geplant, die über zehn Prozent des gesamten kantonalen Wärmebedarfs decken sollen.

Was in Schwerin dagegen spricht

Die kommunale Wärmeplanung Schwerins, deren Endergebnisse im ersten Halbjahr 2026 vorgestellt werden sollen, bewertet andere Optionen deutlich besser. Eine Wärmepumpe am Klärwerk (Klarwasser) mit ähnlicher Größenordnung (ca. 66 GWh) erhält die Bewertung „gut“.

Der Grund: Klarwasser ist temperaturstabiler, liegt näher an bestehender Infrastruktur und erfordert weniger aufwendige Bauarbeiten. Pragmatismus statt Romantik.

Die offenen Fragen

Genau hier liegt das Problem der aktuellen Debatte. Was bedeutet „Eignung: niedrig“ konkret? Sind es die nötigen Fernwärme-Temperaturen? Investitionskosten? Genehmigungsfragen? Oder ist es ein „noch nicht“, weil das Fernwärmenetz erst kühler werden muss?

Ohne transparente Antworten bleibt Seewärme eine dieser Ideen, die logisch klingt – und dann in Planungsunterlagen versandet.

Was wäre der Effekt?

Würde Seewärme in der geplanten Größenordnung genutzt, könnte sie rechnerisch etwa acht Prozent der heutigen Fernwärme ersetzen. Das klingt überschaubar – wäre aber ein spürbarer Beitrag zur Reduktion fossiler Brennstoffe. Gas runter, Strombedarf für Wärmepumpen rauf, der See liefert den Rest als Umweltwärme.

Die Schweriner Geothermie-Anlage Lankow zeigt bereits, dass solche Umstellungen machbar sind: 15 Prozent der Fernwärme werden klimaschonend erzeugt. Die Frage ist: Warum nicht mehr?

Was nun passieren muss

Die Stadt Schwerin schuldet ihren Bürgerinnen und Bürgern eine verständliche Erklärung. Nicht in Planungsfloskeln, sondern in konkreten Zahlen: Was würde eine Seewärme-Anlage kosten? Welche technischen Herausforderungen gibt es wirklich? Und vor allem: Ist das Thema vom Tisch – oder nur aufgeschoben?

Im ersten Halbjahr 2026 soll eine zweite öffentliche Informationsveranstaltung die Endergebnisse der Wärmeplanung vorstellen. Dann wird sich zeigen, ob Seewärme eine echte Option bleibt – oder endgültig zur Fußnote wird.


Hintergrund: So funktioniert Seethermie in der Theorie

Bei der Seethermie wird Wasser aus 20 bis 40 Metern Tiefe entnommen, wo es das ganze Jahr über konstant zwischen vier und zehn Grad Celsius hat. Über einen Wärmetauscher wird die Energie ausgekoppelt, ohne dass das Seewasser direkt mit dem Heizsystem in Kontakt kommt. Wärmepumpen erhöhen die Temperatur auf Heizungsniveau, das abgekühlte Seewasser fließt zurück in den See.

Der Vorteil: Der See als nahezu unbegrenzte, lokale Energiequelle. Die Herausforderung: Hohe Anfangsinvestitionen, strenge Umweltauflagen und die Notwendigkeit leistungsstarker Wärmepumpen.


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