(Kommentar | red)
Der Marienplatz ist nicht nur „ein bisschen“ überwacht. Er ist die maximale Ausbaustufe dessen, was man in einer offenen Innenstadt überhaupt noch „öffentlichen Raum“ nennen kann: Kameras, polizeiliche Präsenz, Streifen, Anlaufpunkt – perspektivisch sogar eine feste Polizeiwache in unmittelbarer Nähe. Kurz: Wenn irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern staatliche Kontrolle sichtbar ist, dann hier.
Und gerade deshalb ist die Behauptung, der Marienplatz sei „nicht sicher“ oder gar „der gefährlichste Ort“, so entlarvend. Denn sie ist nicht der Ausgangspunkt für Problemlösung – sie ist der Rohstoff für ein politisches Geschäftsmodell: Angst behaupten, damit man noch mehr Kontrolle fordern kann.
Wer hier noch „Unsicherheit“ ruft, muss eine einfache Frage beantworten: Wie soll „mehr Sicherheit“ konkret aussehen, wenn die Sicherheitsgrenze am Marienplatz faktisch längst erreicht ist? Wollen wir Schranken? Zugangskontrollen? Drehkreuze? Eine Stadt wie ein Flughafen? KI-Alarm mit Selbstschussanlage nach Gesichtserkennung und Nationalität, wenn jemand „nicht ins Bild passt“? Wer „mehr“ sagt, ohne das Ende mitzudenken, betreibt keine Sicherheitspolitik, sondern eine Ideologie der Kontrolle.
Der Punkt ist nicht „Marienplatz sichern“ – der Punkt ist „Narrativ sichern“
Denn der Marienplatz dient in dieser Debatte oft nicht als Ort, den man besser machen will, sondern als Bühne, auf der man etwas beweisen will: Dass „alles schlimmer wird“, dass „der Staat versagt“, dass „die Innenstadt kippt“. Und weil der Platz sichtbar vielfältig ist, wird diese Erzählung schnell aufgeladen: Viele Menschen, unterschiedliche Herkunft, verschiedene Sprachen – und schon wird aus „Innenstadt“ ein „Problem“. Nicht wegen belegter Taten, sondern wegen der Bilder, die manchen gefallen – oder eben nicht.
Und weil es vielen nicht um konkrete Delikte geht, sondern um das „Stadtbild“, klingt die Debatte oft absichtlich schwammig: „Man fühlt sich nicht mehr wohl“, „da hängen Gruppen rum“, „das Publikum ist schwierig“. Das sind selten präzise Aussagen über Straftaten – es sind Codes. Gemeint ist häufig nicht „mehr Sicherheit“, sondern „weniger Sichtbarkeit“: weniger Jugendliche, weniger Arme, weniger Migrantinnen und Migranten. Wer Sicherheit so definiert, macht aus öffentlichem Raum eine Bühne für Ausgrenzung – und genau dafür wird der Marienplatz als Symbol missbraucht.
Die Statistik ist kein Beweis für den Mythos
Zahlen wirken schnell wie ein Urteil, sind aber oft vor allem eins: eine Sammlung ganz unterschiedlicher Fälle. Ein großer Teil dessen, was „am Marienplatz“ statistisch auftaucht, entsteht im Umfeld von Einkaufszentren und Nahverkehr – typische Innenstadt-Phänomene wie Eigentumsdelikte, Ladendiebstähle, Ordnungswidrigkeiten und das, was an einem Verkehrsknotenpunkt eben anfällt. Das ist ärgerlich, klar. Aber das ist etwas anderes als eine „Gefahrenzone“, in der man „nicht mehr sicher“ sein könne.
Genau diese Einordnung wurde in der Debatte auch von Ex-OB Rico Badenschier sinngemäß gemacht: Viele Fälle, die die Zahlen nach oben treiben, sind keine Gewaltakte auf der Platzfläche, sondern klassische Delikte im Umfeld von Handel und Mobilität – und diese Mischung relativiert das Bild, das manche aus reinen Summen basteln.
„Messerthema“: Der Trick mit dem Ort – und der Trick mit dem Täterbild
Beim Reizwort „Messer“ zeigt sich die Mechanik besonders deutlich. Der Fall, der überregional Schlagzeilen machte, wird gern sprachlich „auf den Marienplatz“ gezogen, obwohl er sich nicht am Marienplatz abspielte sondern hunderte Meter entfernt. Das ist bequem, weil es das Bedrohungsbild verdichtet – und weil sich ein Ort dann leichter stigmatisieren lässt.
Gleichzeitig wird ein anderer Messerangriff, der tatsächlich direkt am Marienplatz stattfand (deutscher Staatsbürger stach einem Algerier in Gesicht, kündigte die Tat an mit den Worten „will so viele Kanack töten…“ , in der politischen Empörung von CDU, AfD, FDP oft erstaunlich leise behandelt – obwohl er für die Debatte entscheidend ist. Über diesen Vorfall berichtet auch ein Unternehmer vor Ort.
Verhindert wurde keiner der beiden Messerangriffe. Der eine, weil er gar nicht im Sichtfeld der Kameras gewesen wäre, der andere obwohl Kameras vor Ort waren.
Er zeigt, wie unseriös es ist, „Messer“ reflexhaft mit „Ausländerkriminalität“ zu verknüpfen: Das Täterbild passt nicht immer zur Erzählung. Und genau deshalb wird in manchen Kampagnen nicht aufgeklärt, sondern sortiert: Was nicht passt, wird klein geredet. Was passt, wird groß gemacht – notfalls auch durch Ortsverschiebung.
Warum „Ausweitung“ die falsche Schlussfolgerung ist
Wer nach dem Marienplatz fordert, weitere Plätze zu überwachen, zieht die falsche Lehre. Der Marienplatz zeigt vor allem eines: Überwachung ist kein Ersatz für Ursachenpolitik. Sie verhindert keine soziale Schieflage, sie löst keine Suchtprobleme, sie ersetzt keine Streetworker, keine Jugendarbeit, keine kluge Präsenzstrategie und keine konsequente, schnelle Ahndung bei echten Gewalttätern. Kameras schaffen Material – aber sie schaffen keine Stadt, und im Fall des Marienplatzes anscheinend keinen Platz auf dem man sich automatisch wohler fühlt.
Genau deshalb taugt der Marienplatz nicht als Blaupause für „mehr Überwachung überall“. Er ist das Gegenteil: der Beweis, dass sich mit Technik allein kein Gefühl von Ordnung herstellen lässt – weil diejenigen, die am lautesten „Unsicherheit“ rufen, die Messlatte jedes Mal verschieben. Heute Kameras, morgen mehr Kameras, übermorgen Zugangskontrollen. Das Ende ist nie Sicherheit, sondern ein Dauer-Ausnahmezustand. Wer ausgerechnet aus diesem Beispiel die Forderung nach Ausweitung ableitet, hat den Mechanismus nicht verstanden – oder er will ihn.
Und deshalb darf man auch eine zugespitzte Frage stellen, ohne etwas zu behaupten: Wenn die Antwort auf jedes Sicherheitsgefühl immer nur „mehr Technik, mehr Daten, mehr Überwachung“ lautet – wessen Interessen werden dann mitbedient? Wird hier Sicherheit hergestellt – oder ein Dauerzustand, der politisch in Wahlzeiten nützt und wirtschaftlich (Gruß an Palantier) einen Markt füttert?
Der Marienplatz ist heute so überwacht und so präsent abgesichert, wie man einen öffentlichen Platz eben absichern kann, ohne ihn in eine Kontrollzone zu verwandeln. Wer trotzdem weiter „gefährlichster Ort“ ruft, sagt damit vor allem etwas über die eigene Absicht: Er will kein präzises Bild – er will ein Gefühl. Und dieses Gefühl fällt auffällig oft zusammen mit alten Ressentiments.
Die ehrliche Frage ist deshalb nicht: „Wie gefährlich ist der Marienplatz?“
Die ehrliche Frage ist: Wer braucht den Marienplatz als Gefahrenkulisse – und warum?
Selbst der NDR war in einer Reportage auf „Nebenstraßen“ und andere Stadtteile angewiesen, die vom dem Marienplatz aus gar nicht erfasst werden, um ihre Dokumentation mit Inhalt zu füllen.
(1122) Wie gefährlich ist Schwerins Marienplatz wirklich? | Die Nordreportage | NDR Doku – YouTube




















