(stm/ KOMMENTAR)
Wenn die Benzin- und Dieselpreise steigen, ist das auch in Schwerin sofort spürbar. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer. Wer hier morgens aus Wickendorf, Warnitz, Medewege, Neumühle, Krebsförden oder vom Stadtrand Richtung Innenstadt, zur Arbeit, zum Arzt, zum Einkauf oder mit Kindern durch den Alltag muss, braucht keine Sonntagsrede über Verkehrswende. Er braucht ein System, das im echten Leben funktioniert. Und genau daran hapert es seit Jahren.
Schwerin hat einen Nahverkehr, Straßenbahnen, Buslinien und ein gewachsenes Netz. Aber zwischen „es gibt ein Angebot“ und „das Angebot passt zu meinem Alltag“ liegt ein großer Unterschied. Viele Schwerinerinnen und Schweriner erleben Mobilität nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Komme ich pünktlich zur Frühschicht? Hole ich mein Kind noch rechtzeitig ab? Erreiche ich nach Feierabend ohne lange Wartezeiten meinen Stadtteil? Kann ich Einkäufe, Arzttermin und Arbeit vernünftig miteinander verbinden? Wer dafür auf das Auto angewiesen bleibt, den trifft jeder Preissprung an der Zapfsäule unmittelbar. Gibt es einen Streik bein NVS fehlen die Alternativen – Rad und Fußweg sind teiils unsicher.
Besonders deutlich wird das beim Blick auf Park-and-Ride. Schwerin organisiert das Parken in und an der Innenstadt durchaus recht konkret. Aber ein wirklich offensives, alltagstaugliches P&R-System als Standard für Pendler und Innenstadtbesucher steht bis heute viel zu wenig im Mittelpunkt. Dabei wäre genau das nötig: Außen das Auto abstellen, innen bequem und verlässlich weiterkommen. Stattdessen bleibt oft der Eindruck, dass der Autoverkehr zwar verwaltet wird, aber echte Alternativen nicht mit der gleichen Entschlossenheit aufgebaut wurden.
Dabei hätte Schwerin eigentlich gute Voraussetzungen. Die Wege in der Stadt sind oft kurz. Viele Strecken ließen sich mit dem Fahrrad schnell zurücklegen. Auch für den Ausbau des Radverkehrs gibt es seit Jahren Konzepte und bekannte Handlungsfelder. Das Problem ist also nicht, dass niemand wüsste, was zu tun wäre. Das Problem ist, dass viele Schweriner den Ausbau sicherer, bequemer und selbstverständlicher Alternativen bis heute eher als Ankündigung denn als Alltag erleben.
Und genau deshalb ist auch die Debatte um eine autofreie oder zumindest autoärmere Innenstadt oft falsch gestellt. Weniger Autoverkehr in der Innenstadt wäre für Schwerin kein Nachteil, wenn Anwohner, Lieferverkehr, Handwerk und Gewerbe vernünftig berücksichtigt würden und zugleich Stadtteile und Umland zuverlässig angebunden wären. Dann wäre eine autoärmere Innenstadt ein Gewinn: für Aufenthaltsqualität, Sicherheit, Luft, Lärm und Stadtbild. Aber solange viele Menschen das Gefühl haben, dass man ihnen das Auto madig machen will, ohne vorher echte Alternativen geschaffen zu haben, wird jede solche Debatte als Angriff wahrgenommen.
Es fehlt in Schwerin ein Konzept – das alles miteinander verbindet. Fuß – Rad- PKW- NVS. Es harmoniert nicht. Und vertreter von Fuß e.V., Radentscheid, ADFC, Autofreunde bekämpfen sich gegenseitig. Eine Moderation zwischen den Interessengruppen findet nicht statt.
Schwerin hat zu lange so getan, als reiche ein bisschen Bus, ein bisschen Radweg und ein bisschen Parkraummanagement aus. Reichen tut das nicht. Wer steigende Spritpreise hier in Schwerin, VOR ORT sozial abfedern will, muss Mobilität neu ordnen: mit einem konsequenten P&R-System an den Einfallstraßen, dichteren und alltagstauglicheren NVS Taktungen, besseren Umstiegen, sicheren Radverbindungen, Radverleich in die Innenstadt und Angeboten, die sich an den Lebenslagen der Menschen orientieren – nicht an Verwaltungslogiken.
Am Ende ist die Wahrheit ziemlich einfach: Nicht der hohe Benzinpreis allein macht Mobilität in Schwerin zum Problem. Das Problem ist, dass die Stadt noch immer nicht genug dafür getan hat, damit das Auto für mehr Menschen wirklich verzichtbar wird.
Wer heute als PKW Nutzender an der Zapfsäule schluckt, bezahlt deshalb auch für verpasste Verkehrspolitik der vergangenen Jahre. Wer mit dem NVS fährt, hat aufgrund von Streik oder Personalmangel mit Verspätungen zu kämpfen, wer mit dem Rad fährt wird auf dem Obotritenring fast überfahren, und Fußgänger – die können ja noch immer zur Seite springen – meistens.
Es gibt ein Konzept für Fußweg, eines für PKW, eines für NVS, eines für den Radverkehr. Vielleicht sollte man mal eine kostenintensive KI mit all den Daten füttern um ein vernünftiges Verkehrkonzept zu entwickeln, dass allen zugute kommt. Und zur Finanzierung – könnte Stadtpräsident Ehlers ja einen Spendenaufruf starten.




















