(red/stm) Schwerin will bei öffentlichen Toiletten kassieren. Die Stadtvertretung soll am 23. März über eine Entgeltordnung abstimmen, nach der an mehreren Standorten künftig 50 Cent pro Nutzung fällig werden. Der Hauptausschuss hat die Vorlage bereits empfohlen.
Die Begründung der Verwaltung klingt zunächst sachlich: steigende Betriebskosten, hoher Zuschussbedarf, Entlastung des Haushalts. Doch genau an diesem Punkt wird die Vorlage politisch unerquicklich. Denn öffentliche Toiletten sind keine Luxusleistung. Sie sind Teil der Daseinsvorsorge.
Die Stadt beschreibt selbst, dass öffentliche Toiletten für bestimmte Gruppen essenziell sind – etwa für ältere Menschen, Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Mit anderen Worten: Hier geht es nicht um irgendeinen Zusatzservice, sondern um grundlegende Infrastruktur, die ein funktionierendes Stadtleben überhaupt erst möglich macht.
Und trotzdem soll ausgerechnet an dieser Stelle eine Bezahlschranke eingezogen werden.
Das ist der falsche Weg.
Toiletten sind kein Komfort, kein Extra und kein Nebenthema. Sie sind ein Grundbedürfnis. Wer an dieser Stelle kassieren will, spart nicht am Überfluss, sondern an Würde, Teilhabe und Alltagstauglichkeit. Eine Stadt, die Menschen willkommen heißen will, sollte ihnen nicht beim Toilettengang die Hand aufhalten.
Besonders absurd wirkt das Vorhaben vor dem Hintergrund, dass Schwerin mit seinem Welterbe-Titel noch mehr Gäste anziehen will. Mehr Tourismus, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Menschen in der Innenstadt – und als Antwort darauf sollen öffentliche Toiletten teurer werden oder erstmals überhaupt Geld kosten. Das ist kein Fortschritt, sondern Kassenhäuschen-Denken aus der Vergangenheit.
Gerade in einer Stadt, die sich als offen, modern und gastfreundlich präsentieren will, ist das ein fatales Signal. Wer eine historische Altstadt, Veranstaltungsorte und touristische Hotspots belebt sehen möchte, muss auch dafür sorgen, dass die notwendige Infrastruktur frei, verlässlich und unkompliziert zugänglich ist. Niemand fährt wegen einer kostenpflichtigen Toilette nach Schwerin. Aber sehr wohl bleibt hängen, wenn in einer Welterbestadt selbst das Nötigste nur gegen Geld verfügbar ist.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den die Vorlage politisch kaum auflöst: Viele Menschen tragen im Alltag längst kaum noch Bargeld bei sich. Natürlich kann man argumentieren, dass heute auch digitale Zahlungen möglich sind. Aber genau darin zeigt sich bereits die Absurdität des Vorhabens. Wer plötzlich für ein Grundbedürfnis erst Münzen suchen, die Karte zücken oder einen QR-Code scannen muss, erlebt genau das, was öffentliche Daseinsvorsorge eigentlich nicht sein sollte: eine zusätzliche Hürde im Alltag.
Besonders problematisch ist das für Kinder und Jugendliche. Sie verfügen in der Regel nicht über ein eigenes Einkommen, oft auch nicht über flexible digitale Zahlungsmöglichkeiten. Wer dann schon für den Toilettengang zahlen soll, wird faktisch aus dem öffentlichen Raum benachteiligt. Das ist sozialpolitisch schief und stadtpolitisch ein Armutszeugnis.
Noch deutlicher wird die Schieflage beim Thema Inklusion. Gerade Menschen mit Behinderung sind in besonderem Maße auf verlässlich zugängliche, funktionierende und barrierefreie Toiletten angewiesen. Wenn selbst dort Entgeltpflicht vorgesehen ist, zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis davon, was Teilhabe im Alltag bedeutet. Ein freier und würdiger Zugang zu sanitärer Infrastruktur ist keine freundliche Zugabe, sondern eine Selbstverständlichkeit, wenn eine Stadt Inklusion ernst nehmen will.
Männer gehen mal eben um die Ecke, alle anderen?
Auch aus Sicht moderner Stadtplanung ist das Vorhaben rückwärtsgewandt. Wer über lebenswerte Innenstädte, Aufenthaltsqualität und feministische Stadtentwicklung spricht, darf das Thema Toiletten nicht abtun. Gerade Frauen, Familien, Schwangere, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Personen, die Kinder begleiten, sind häufiger und dringlicher auf erreichbare sanitäre Infrastruktur angewiesen. Eine Stadt, die diesen Alltag nicht mitdenkt, plant an den realen Bedürfnissen ihrer Menschen vorbei.
Oft verschlossen
Dazu kommt: Schon jetzt gibt es immer wieder Beschwerden darüber, dass öffentliche Toiletten in Schwerin verschlossen, defekt oder nur eingeschränkt nutzbar sind. Genau deshalb wirkt die Debatte um zusätzliche Entgelte so verkehrt. Bevor überhaupt über neue Zahlhürden gesprochen wird, müsste die Stadt erst einmal sicherstellen, dass die vorhandenen Anlagen zuverlässig geöffnet, sauber, gepflegt und barrierefrei nutzbar sind. Wer für etwas kassieren will, das vielerorts nicht einmal verlässlich verfügbar ist, verschärft den Frust nur noch weiter.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob 50 Cent viel oder wenig sind. Die eigentliche Frage lautet, welches Verständnis von Stadt hinter dieser Entscheidung steht. Ist die öffentliche Toilette eine lästige Kostenstelle, bei der man jeden Euro zurückholen will? Oder ist sie ein selbstverständlicher Teil urbaner Infrastruktur – so normal wie ein Gehweg, eine Parkbank oder eine Straßenlaterne?
Die Antwort sollte in einer modernen Stadt klar sein.
Schwerin braucht nicht mehr Bezahlschranken vor Grundbedürfnissen. Schwerin braucht mehr funktionierende, offene und kostenfrei nutzbare öffentliche Toiletten. Gerade wenn die Stadt mehr Gäste anziehen, die Innenstadt stärken und den öffentlichen Raum für alle nutzbar machen will, wäre alles andere ein Schritt in die falsche Richtung.
Wer öffentliche Toiletten zur Einnahmequelle macht, verkennt, worum es hier wirklich geht: nicht um Komfort, sondern um Daseinsvorsorge.















