Er hat Schwerin gegründet, alles aufgebaut — und dann alles verloren. Und der Mann, den er besiegte, grüßt uns noch heute vom Schlossportal.
(stm/red)
Im Landeshauptarchiv Schwerin, wenige Gehminuten vom Schloss entfernt, liegt ein Stück Pergament aus Kalbshaut. Es ist über 850 Jahre alt, beschrieben mit einer winzigen lateinischen Schrift in brauner Tinte, versehen mit einem Wachssiegel an roter Seidenschnur. Die meisten Schweriner wissen nicht, dass es existiert. Dabei ist es so etwas wie die Geburtsurkunde ihrer Stadt.
Wer Schwerin heute kennt, der fragt sich vielleicht manchmal: Wie hat das alles angefangen? Die Antwort liegt in einer Geschichte, die vor fast neun Jahrhunderten begann. Mit einem Krieg, einem toten Fürsten, einem ehrgeizigen Herzog — und einem Blatt Pergament.
Bevor Schwerin Schwerin war
Der Ort, an dem heute die Landeshauptstadt steht, war schon lange vor der deutschen Besiedlung bewohnt. Die Slawen, genauer gesagt die Obodriten, siedelten hier seit dem 9. Jahrhundert. Sie nannten ihren Ort „Zverini“ — was so viel bedeutet wie „Wildtierort“, ein Hinweis auf die wildreiche Naturlandschaft rund um die Seen.
Die Lage war ideal: Eine Insel im See, ein sandiger Höhenzug, umgeben von Sümpfen und Wasser — schwer zu nehmen, leicht zu verteidigen. Die Obodriten bauten hier eine Burg auf der Insel und eine Siedlung auf dem Hügel. Im Jahr 1018 erscheint der Name „Zuarin“ erstmals in deutschen Schriftquellen.
Fürst der Obodriten war im 12. Jahrhundert ein Mann namens Niklot. Sein Bildnis grüßt die Besucher noch heute vom Hauptportal des Schweriner Schlosses — eine späte Ehrung des Mannes, dessen Volk sein Land verlor.
Dieser Mann hat Schwerin gegründet, aufgebaut — und dann alles verloren
Heinrich der Löwe war kein gewöhnlicher Fürst. Als Herzog von Bayern und Sachsen zugleich kontrollierte er ein Gebiet, das sich von den Alpen bis zur Ostsee erstreckte. Er war der mächtigste weltliche Herr im Deutschen Reich nach dem Kaiser selbst — und der Cousin von Kaiser Friedrich Barbarossa.
1160 zog Heinrich mit einem großen Heer ins Obodritenland. Die Kämpfe waren brutal. Niklot fiel im Kampf. Sein Sohn Pribislaw floh in die Wälder. Die Obodriten, die jahrhundertelang ihr eigenes Reich gehabt hatten, waren besiegt.
Der zeitgenössische Chronist Helmold von Bosau schreibt: „Danach begann der Sachsenherzog Schwerin zu erbauen und die Burg zu befestigen.“
Heinrich ließ sofort bauen. Die zerstörte slawische Burg auf der Insel wurde neu errichtet. Die Siedlung auf dem Hügel bekam Stadtrechte — und damit auch das Versprechen: Wer hierher zieht, ist frei. „Stadtluft macht frei“ war damals kein Slogan, sondern Gesetz: Jeder Leibeigene, der ein Jahr und einen Tag in der Stadt lebte, war ein freier Mann.
Als Statthalter setzte Heinrich seinen treuen Ritter Gunzelin von Hagen ein — der erste Graf von Schwerin. Den Bischofssitz verlegte er nach Schwerin. Die Stadt war von Anfang an dreierlei zugleich: Militärstützpunkt, Verwaltungszentrum und Kirchensitz.
Und dann? 1180 stürzte ihn Kaiser Barbarossa. Heinrich der Löwe, der Gründer Schwerins, Lübecks und Münchens, verlor alles und ging ins Exil. Die Stadt, die er gebaut hatte, blieb. Er selbst kam nie wieder.
Was auf dem Pergament steht — Schwerins älteste Urkunde, erklärt
Von diesem Gründungsakt existiert eine außergewöhnliche Quelle: die sogenannte Bewidmungsurkunde des Bistums Schwerin. Sie liegt heute im Landeshauptarchiv — das Original auf echtem Pergament, beschrieben in mittelalterlicher Minuskelschrift, mit dem Reitersiegel Heinrichs des Löwen daran.
Die Urkunde beginnt auf Lateinisch, wie damals alle offiziellen Dokumente verfasst wurden:
„In nomine sancte et indiuidue trinitatis. Heinricus dei gratia Bawarie atque Saxonie dux.“ → „Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit. Heinrich, von Gottes Gnaden Herzog von Bayern und Sachsen.“
Dann kommt die eigentliche Schenkung:
„…tres episcopatus construximus, allodiis et reditibus mense nostre dotauimus…“ → „…drei Bistümer haben wir errichtet und mit Eigengut und Einkünften ausgestattet…“
Und konkret für Schwerin:
„…episcopatum Zverinensem… trecentis mansis et duabus uillis ac duabus curiis allodii nostri dotauimus.“ → „Das Bistum Schwerin haben wir mit dreihundert Hufen und zwei Dörfern und zwei Höfen aus unserem Eigengut ausgestattet.“
Was folgt, liest sich wie ein mittelalterlicher Immobilienkatalog. Das Bistum bekommt Dörfer, Felder, Fischereirechte, Zolleinnahmen auf dem Wasser bei Schwerin, Zehntenrechte aus einem Dutzend Regionen. Namentlich erwähnte Orte, die man heute noch kennt: Bützow, Ilow, Warnow, Moriz — und immer wieder: Schwerin.

Was das Bistum Schwerin konkret bekam:
- 300 Hufen Land (eine Hufe = ca. 7–15 Hektar — tausende Hektar insgesamt)
- 10 Dörfer in der Region Ilow
- Das Land um Bützow
- Die Insel im Schweriner See bis zum Bach
- Zollrechte auf dem Wasser bei Schwerin
- Zehntenrechte aus Mecklenburg, Ilow, Warnow, Moriz und weiteren Regionen
- Die Pfarrei Schwerin mit allen Einnahmen
Am Ende der Urkunde hängt an einer geflochtenen roten Seidenschnur das Reitersiegel Heinrichs des Löwen. Es zeigt ihn zu Pferd, in Rüstung. Die Umschrift lautet: ✝ HEINRIC · · DVX · · · · · · ET · SAXONIE
Ein Datum, zwei Pergamente — die kleine Detektivgeschichte dahinter
Im Mecklenburgischen Urkundenbuch, dem wissenschaftlichen Standardwerk für mittelalterliche Quellen aus Mecklenburg, ist die Urkunde sowohl mit dem Datum 1171 als auch mit 1221 überliefert. Zwei Pergamente, derselbe Text.
Warum? Wahrscheinlich gibt es zwei Ausfertigungen: eine erste von 1171, als der Dom geweiht wurde, und eine erneuerte Bestätigung von 1221, als die Rechte des Bistums nach 50 Jahren nochmals feierlich bekräftigt werden sollten. Beide liegen im Archiv. Beide erzählen dieselbe Geschichte.
Der Verlierer gewinnt am Ende doch — die irre Pointe der Geschichte
Schwerins Aufstieg verlief nicht geradlinig. Heinrich der Löwe selbst wurde 1180 von Barbarossa gestürzt und ins Exil gezwungen. Doch die Strukturen, die er geschaffen hatte — die Stadt, das Bistum, die Grafschaft Schwerin — blieben.
Und dann passiert etwas, das man sich kaum ausdenken könnte: Die Nachfahren des besiegten Obodriten-Fürsten Niklot — jenes Mannes, der 1160 im Kampf gegen Heinrich fiel — übernahmen schließlich die Herrschaft über Mecklenburg und wurden 1348 zu Herzögen erhoben. Niklot, der Verlierer des Krieges von 1160, ist der Stammvater aller mecklenburgischen Herzöge.
Das Bistum Schwerin existierte als katholisches Bistum bis zur Reformation im 16. Jahrhundert. Der Dom steht noch. Und das kleine Pergament im Landeshauptarchiv liegt still in seiner Schachtel, fast neun Jahrhunderte alt. Eine Urkunde, die eine Stadt ins Leben rief.
Schwerin — die ersten 400 Jahre auf einen Blick
- 973 — Erste Erwähnung einer slawischen Fürstenburg
- 1018 — „Zuarin“ erscheint erstmals in deutschen Schriftquellen
- 1160 — Heinrich der Löwe gründet die Stadt, verleiht Stadtrechte
- 1160 — Gunzelin von Hagen wird erster Graf von Schwerin
- 1171 — Erste Urkunde, Weihe des ersten Doms
- 1180 — Heinrich der Löwe verliert alles, geht ins Exil
- 1221 — Erneuerung der Urkunde, zweite Domweihe am 5. September
- 1255 — Erstes bekanntes Stadtsiegel Schwerins
- 1348 — Niklots Nachfahren werden Herzöge von Mecklenburg
- 1358 — Sie kaufen auch die Grafschaft Schwerin zurück
Quellen: Mecklenburgisches Urkundenbuch (MUB I, Nr. 100) · Helmold von Bosau, Cronica Slavorum · Landeshauptarchiv Schwerin; Geschichte der Stadt Schwerin, Wilhelm Jesse; Schwerin, Manfred Kriek; Chronik der Stadt Schwerin, Udo Brinker














