(stm/red)
Wer wird der neue „CEO“ für das „Unternehmen Landeshauptstadt“ mit seinen knapp 100.000 Anteilseignern und rund 1.100 Angestellten? Das „Unternehmen Stadt“ hat sich inzwischen als Gedanke festgesetzt. Egal ob man diesen Gedaken begrüßt oder nicht – die OB Kandidatinnen und Kandidaten trafen am Mittwochabend untzer dieser betrachtung zusammen.
Die Wirtschaftsjunioren und die IHK zu Schwerin machten aus der klassischen Podiumsdiskussion ein echtes Assessment Center. In verschiedenen Modulen – vom persönlichen Kurz-Pitch über ein Stadtteil-Glücksrad bis hin zum „Heißen Stuhl“ für Wirtschaftsthemen – mussten die Kandidierenden beweisen, wie gut sie Schwerin wirklich kennen.
Hier sind die spannendsten Erkenntnisse, Pläne und Streichlisten aus den einzelnen Prüfungs-Modulen:
Dr. Aileen Wosniak (ASK Schwerin)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Zippendorf): Wosniak kritisierte die soziale Segregation und das Strandhotel als gescheitertes Prestigeprojekt. Ihre Vision: Die Stadt kauft das Hotel zurück und etabliert dort einen Bürgertreff, ein Frauenhaus und Jugendangebote. Zudem forderte sie günstige Mieten, um junge, diverse Start-ups anzulocken.
- Auf dem Heißen Stuhl (Wirtschaft & Bildung): Sie will regionale Unternehmen stärker in die Schulen holen, damit Jugendliche alltagsnahes Wissen (z. B. Steuern, Verträge) erlernen. Für den Wirtschaftsverkehr fordert sie eine datenbasierte Steuerung mittels GPS und Sensoren.
- Prioritäten & Streichliste: Wosniak setzt auf „feministische Stadtentwicklung“, Barrierearmut und die Förderung weiblich gelesener Unternehmen. Im Gegenzug würde sie Prestigeprojekte wie die Landesgartenschau oder die Radsporthalle konsequent streichen.
Mandy Pfeifer (SPD / Die Linke)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Mueßer Holz): Pfeifer lenkte den Blick auf den ärmsten Stadtteil Schwerins. Sie will das Mueßer Holz entstigmatisieren und die Jugendarbeitslosigkeit durch den „Jobturbo“ der Bundesagentur für Arbeit bekämpfen, um den Menschen dort ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
- Auf dem Heißen Stuhl (Fachkräfte & Ansiedlung): Die Kandidatin betonte, dass man junge Menschen wertschätzen und nicht als Problem definieren dürfe. Sie fordert eine echte „Willkommensstruktur“ mit festen städtischen Ansprechpartnern für Kitas, Schulen und Jobs für die Partner von zuziehenden Fachkräften.
- Ihre Vision: Pfeifer setzt auf Dialog. Ein regelmäßiger Austausch mit Unternehmern sei essenziell, denn „eine gute Wirtschaftspolitik ist die beste Sozialpolitik für diese Stadt“.
Petra Federau (AfD)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Werdervorstadt): Federau sieht in der Werdervorstadt riesiges touristisches Potenzial. Sie will die Marina stärken und forderte nachdrücklich die lang ersehnte „Wassertankstelle“, damit Schwerin für Wassertouristen florieren kann.
- Auf dem Heißen Stuhl (Wirtschaftsstandort): Ihr wichtigstes Versprechen an die Wirtschaft: Mit ihr werde es keine Steuererhöhungen geben. Perspektivisch müsse die Gewerbesteuer sogar gesenkt werden, damit Schwerin gegenüber dem Umland nicht weiter an Attraktivität verliert.
- Prioritäten & Streichliste: Sie will den „Bauturbo“ voll ausnutzen, um Familien den Bau von Eigenheimen (z. B. auf elterlichen Grundstücken) zu erleichtern. Die Landesgartenschau befürwortet sie. Sparen würde sie stattdessen beim Kauf des Stadthauses, bei Elektro-Bussen und bei Fahrradbrücken.
Lars Schubert (Einzelbewerber)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Lankow): Schubert, der in Lankow aufgewachsen ist, betonte die Bedeutung des Naherholungsgebiets und der Wohnraumqualität, die es im Bestand zu sichern gelte.
- Auf dem Heißen Stuhl (Finanzen): Er forderte, dass alle Genehmigungsgebühren und städtischen Abgaben auf den Prüfstand müssen. Das werde Teil seiner „100-Tage-Agenda“.
- Prioritäten & Streichliste: Schubert mahnte die kollabierenden öffentlichen Haushalte an. Er fordert eine „Kehrtwende mit Vernunft“ und den Verzicht auf teure Symbolpolitik, wie die Anschaffung von E-Bussen für Millionenbeträge. Stattdessen plant er ein globales „Investoren-Headhunting“ auf Basis eines neu zu definierenden Schwerin-Leitbildes.
Sebastian Ehlers (CDU)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Lewenberg): Ehlers sieht im Lewenberg enorme wirtschaftliche (Helios, Stolle) und kulturelle (Pappelpark/Zenit) Potenziale. Besonderes Augenmerk legt er auf das neue Baugebiet der ehemaligen Möbelwerke.
- Auf dem Heißen Stuhl (Verkehr & Bestand): Er kritisierte die mangelhafte Baustellenkoordination der Stadt („Stadt, Land, bauen – keiner weiß voneinander“) und forderte ein kluges Miteinander aller Verkehrsteilnehmer statt ideologischer Verbote.
- Prioritäten & Streichliste: Um junge Familien in der Stadt zu halten und nicht ans Umland zu verlieren, müssen neue Baugebiete her. Zudem priorisiert er die Erweiterung des Industrieparks samt Autobahnzubringer. Sparen will er vor allem innerhalb der Verwaltung durch den konsequenten Einsatz von Digitalisierung und KI.
Massimo De Matteis (Volt)
- Am Stadtteil-Glücksrad (Göhrener Tannen): De Matteis sieht hier den idealen Ort für ein städtisches „Welcome Center“ für Bestands- und Neuunternehmen. Er fordert den Blick über den Tellerrand nach Skandinavien und Polen sowie die Einführung von KPIs (Leistungskennzahlen) für die städtische Verwaltung, um Abläufe zu beschleunigen.
- Auf dem Heißen Stuhl (Fachkräfte & Bürokratie): Eine kreative Idee gegen den Fachkräftemangel: Er möchte die „Boomer-Generation“ dafür gewinnen, junge Menschen als Mentoren zu coachen. Bürokratie will er durch eine zentrale App vereinfachen.
- Prioritäten & Streichliste: Sein klares Nein gilt dem Kauf des Stadthauses. Er argumentiert, dass die Stadt durch die fortschreitende Digitalisierung in zehn Jahren ohnehin viel weniger physische Büroflächen benötigen werde. Das gesparte Geld soll der Haushaltskonsolidierung dienen.
(Heiko Steinmüller, der als siebter Kandidat zur Wahl zugelassen ist, hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt.)
Wer von diesen Kandidaten am Ende auf dem Chefsessel im Rathaus Platz nehmen darf, entscheiden die Schwerinerinnen und Schweriner. Klar ist nach diesem Abend: Die Werkzeuge und Herangehensweisen, mit denen sie das „Unternehmen Schwerin“ führen wollen, könnten unterschiedlicher kaum sein.
Die vollständige Veranstaltung kann hier ab Minute 45 angesehen werden:
Wer schauen möchte, welche der Kandidierenden am ehsten zu den eigenen Ansichten passt, kann hier mal nachschauen:
















