(stm)

Vor rund 14 Jahren, im Frühjahr 2012, herrschte in Schwerin eine angespannte Stimmung. Dem Mecklenburgischen Staatstheater drohte der finanzielle Kollaps. Ein millionenschweres Haushaltsloch zwang die Verantwortlichen zu drastischen Sparplänen: Bis zu 60 Entlassungen standen im Raum, ganze Sparten wie die traditionsreiche Niederdeutsche Fritz-Reuter-Bühne waren akut von der Schließung bedroht. Für viele in der Stadt war das kein bloßes Rechenbeispiel mehr, sondern ein offener Angriff auf die kulturelle Seele Schwerins. Das Theater startete die X Kampagne. Ein rotes X in eckigen Klammern. Es folgten vom Theater bis heute einigen in Erinnerung gebliebende Aktionen. Eine Kilometerlange Ballonkette um das Schloß, Kultur geht Baden (der Sprung von der Schloßbrücke), die „Stürmung des Schlosses“ durch das Biberpelz Orchester und weitere.

Zelten als solidarischer Protest

Aus dieser Sorge heraus entstand ein Protest, der zunächst völlig unscheinbar begann. Zwei junge Schweriner ohne Kontakt zu Kultur oder Theater entschieden sich, den Frust nicht nur in Worte zu fassen, sondern physisch Präsenz zu zeigen. Sie bauten ein einzelnes Zelt auf dem Platz an der Siegessäule auf – direkt unter den wachsamen Augen der Megalopolis und in Sichtweite von Schloss und Theater. Eigentlich sollte die Aktion nur drei Tage dauern.

Tag eins des Kulturschutz Camp

Doch es kam anders. In einer Zeit, in der weltweit die Occupy-Bewegung öffentliche Plätze besetzte, traf das kleine Zelt in Schwerin genau den lokalen Nerv. Innerhalb kürzester Zeit wuchs das kleine Zeichen des Widerstands zu einer echten Bewegung heran. Aus einem Zelt wurden dutzende. Am Ende standen mehr als 50 Zelte auf dem Platz rund um die Siegessäule. Das sogenannte „Kulturschutz-Camp“ war geboren, getragen vor allem von jungen Menschen aus der Stadt und dem Umland.

Aus drei Tagen wurden über 30

Aus den geplanten drei Tagen wurde mehr als ein Monat. Der Platz an der Siegessäule verwandelte sich in dieser Zeit in einen pulsierenden sozialen und politischen Raum. Man trotzte gemeinsam dem Wetter, diskutierte, stritt und vernetzte sich mitten im Herzen der Landeshauptstadt. Rückblickend zählt das Camp für viele zu den eindrücklichsten Protestaktionen der jüngeren Schweriner Stadtgeschichte.

Und die Hartnäckigkeit zeigte Wirkung. Die anhaltende Aufmerksamkeit und der massive zivilgesellschaftliche Druck zwangen die Landes- und Kommunalpolitik zum Handeln. Um die drohende Insolvenz abzuwenden, wurde in einem längeren Prozess die Finanzierung neu strukturiert. Das Land Mecklenburg-Vorpommern übernahm schließlich die Hauptträgerschaft. Die befürchteten Massenentlassungen konnten verhindert und die Spartenvielfalt nach damaliger Sicht gerettet werden.

Nachwirkungen bis heute

Wer nun aber dachte, die Aktivisten würden nach diesem Erfolg einfach ihre Zelte abbrechen und lautlos wieder in den Alltag verschwinden, irrte sich. Die Wochen im Camp hatten feste Netzwerke und tiefe Freundschaften geschmiedet, aus denen eine völlig neue politische Kraft erwuchs. Aus dem harten Kern der Organisatoren heraus gründete sich die Wählergruppe ASK (Aktionsgruppe Stadt- und Kulturschutz). Es war der fließende Übergang vom Straßenprotest in die institutionelle Politik.

Mit der ASK schaffte die Bewegung schließlich den Sprung in die Schweriner Stadtvertretung, wo sie bis heute vertreten ist. Rein zahlenmäßig mag sie dort eine kleine Kraft sein, doch sie hat sich als hartnäckige und oft unbequeme Stimme etabliert. Sie brachte den Bürgerentscheid von Januar auf den Weg, hakt nach und sorgt immer wieder dafür, dass man sie in der Lokalpolitik deutlich spürt.

Viele der damaligen Camper sind heute in ganz unterschiedlichen Lebensphasen angekommen – als Eltern, im Beruf oder eben im Rathaus. Auch diesen Newsblog hätte es ohne den Protest seinerzeit wahrscheinlich nicht in dieser Form gegeben.

Doch die Verbindung aus dem Frühjahr 2012 ist geblieben. Man kennt sich, und man grüßt sich noch immer. Was einst mit einem einzelnen Zelt unter der Megalopolis begann, ist heute ein lebendiges kommunales Stück Schwerin.



Werbung:



Werbung:





Entdecke mehr von schwerin.news

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Auch interessant: