(stm/red)

Es klingt zunächst nach Blumen, Wegen, Bänken und ein paar schönen Monaten im Grünen. Tatsächlich aber steckt hinter der geplanten Landesgartenschau Schwerin 2035 ein deutlich größeres Vorhaben: Die Stadt will mit dem Projekt zentrale Brachflächen entwickeln, das frühere KIW „Vorwärts“ und den alten Güterbahnhof neu ordnen, die Schwimmende Wiese ertüchtigen und den ehemaligen Küchengarten denkmalgerecht wiederbeleben. Es geht also nicht nur um eine Gartenschau. Es geht um Stadtumbau im großen Maßstab. (Dokument am Ende des Artikel verlinkt)

Die entsprechende Beschlussvorlage liegt nun vor. Sie trägt die Drucksachennummer 01757/2026 und datiert vom 21. April 2026. Die Stadtvertretung soll die Projektskizze zur Landesgartenschau Schwerin 2035 zunächst zur Kenntnis nehmen. Zugleich soll der Oberbürgermeister ermächtigt werden, gemeinsam mit der Landesregierung einen Letter of Intent zu unterzeichnen. Außerdem soll die Verwaltung eine Machbarkeitsstudie als Planungsleistung ausschreiben. Die Kosten dafür sollen in die Haushaltsberatungen 2027/28 eingebracht werden.

Das Motto lautet: „Miteinander – Erbe bewahren – Wandel gestalten“. Dahinter steht ein Konzept, das Schwerins neuen UNESCO-Welterbe-Status mit Stadtentwicklung, Wohnungsbau, Klimaanpassung und Tourismus verbinden soll. Die Projektskizze verweist ausdrücklich auf die Bundesgartenschau 2009. Damals sei es gelungen, die Stadt stärker zum Wasser zu öffnen und zentrale Innenstadtbereiche zu erneuern. Nun soll ein ähnlicher Effekt erneut ausgelöst werden – diesmal allerdings mit Schwerpunkt auf bislang schwierigen Flächen.

Drei Hauptflächen im Blick

Im Zentrum der Planung stehen drei Ausstellungsflächen. Haupt-Aktionsraum soll das Areal ehemaliger Güterbahnhof/KIW „Vorwärts“ werden. Hinzu kommen die Schwimmende Wiese mit dem Bertha-Klingberg-Platz sowie die Brachfläche des ehemaligen Küchengartens am Franzosenweg. Diese drei Bereiche greifen laut Projektskizze frühere Planungen beziehungsweise realisierte Vorhaben der BUGA 2009 auf und sollen dauerhaft weiterentwickelt werden. Die Gartenschau wäre dabei nur der sichtbare Zwischenpunkt. Die eigentliche Wirkung soll danach entstehen.

Besonders groß ist der Hebel am Güterbahnhof und beim KIW. Das Gebiet gilt seit Jahren als eines der wichtigsten innerstädtischen Entwicklungspotenziale Schwerins. Die Stadt hat dort bereits 2022 etwa sieben Hektar nicht mehr betriebener Güterbahnhofsflächen im Vorkaufsrecht erworben. Das KIW „Vorwärts“, einst größter Betrieb zur Instandhaltung von Nutzfahrzeugen in der DDR, ist seit 1996 nicht mehr in Nutzung. Die denkmalgeschützte Halle ist rund 1,4 Hektar groß. Verschiedene Reaktivierungsversuche waren bislang nicht erfolgreich.

Nach den Vorstellungen der Verwaltung soll dort ein gemischtes Wohn- und Kulturquartier entstehen. Das KIW soll zum Kulturquartier „Vorwärts“ entwickelt werden. Vorgesehen sind unter anderem Kultur-, Bildungs- und Tagungsstätten, die Einbindung des Schaumagazins, Gastronomie, Hallenschauen und Serviceangebote. Auch soziale Infrastruktur wie Obdachlosenunterkunft, Kita oder Begegnungszentrum wird in der Projektskizze ausdrücklich genannt.

Der teuerste Brocken: Güterbahnhof/KIW

Die finanziellen Dimensionen sind erheblich. Die Investitionskosten werden in der Beschlussvorlage auf rund 73 Millionen Euro geschätzt. Hinzu kommen überschlägig 10 Millionen Euro für die Durchführung der Ausstellung. In der detaillierteren Projektskizze werden die Investitionskosten mit 72,845 Millionen Euro angegeben. Davon entfallen allein 66,2 Millionen Euro auf das Areal Güterbahnhof/KIW. Für die Schwimmende Wiese werden 2,48 Millionen Euro angesetzt, für den Küchengarten 4,165 Millionen Euro.

Damit ist klar: Die Landesgartenschau wäre vor allem ein Vehikel, um die schwierigsten und teuersten Stadtentwicklungsflächen endlich in Bewegung zu bringen. Genau das ist politisch der Reiz des Projekts. Genau darin liegt aber auch das Risiko.

Denn der Klärungsbedarf ist enorm. In der Projektskizze werden bei Güterbahnhof/KIW unter anderem die Flächenverfügbarkeit, die Freistellung von Güterbahnhofsflächen vom Eisenbahnrecht, der Erwerb weiterer Grundstücke, der Umfang der Altlastensanierung, mögliche Alternativen auf einzelnen Flächen, Nutzungs- und Betreiberkonzepte sowie Fragen der technischen Infrastruktur genannt.

Anders gesagt: Die schönste Vision steht und fällt mit sehr handfesten Fragen. Wem gehören die Flächen? Was liegt im Boden? Was kostet die Sanierung wirklich? Welche Gebäude können erhalten werden? Wer betreibt später welche Einrichtungen? Und wer bezahlt am Ende welchen Anteil?

Schwimmende Wiese: mehr Schatten, mehr Aufenthalt, mehr Nutzung

Der zweite wichtige Bereich ist die Schwimmende Wiese mit dem Bertha-Klingberg-Platz. Sie war 2009 als „Garten des 21. Jahrhunderts“ eines der Entrees der BUGA. Heute zeigen sich laut Projektskizze deutliche Spuren von Nutzungsdruck, Materialermüdung und veränderten Bedarfen. Genannt werden unter anderem nachgebender Baugrund, Schäden an Oberflächen, fehlende Schattenplätze und zu wenige barrierearme Aufenthaltsbereiche.

Künftig soll die Schwimmende Wiese zu einem „Park im Garten“ weiterentwickelt werden. Vorgesehen sind unter anderem zusätzliche Pflanzflächen, Aufenthaltsbereiche, Kinderspiel, Gastronomie und Veranstaltungen. Auch konsumfreie Sitzmöglichkeiten werden ausdrücklich genannt. Gleichzeitig muss die Planung Rücksicht auf Sichtbeziehungen zum Welterbe nehmen. Auch Urheberrechte am ursprünglichen BUGA-Entwurf werden als Klärungsbedarf aufgeführt.

Das ist ein wichtiger Punkt. Denn die Schwimmende Wiese ist nicht irgendeine Grünfläche. Sie liegt prominent am Wasser, mit Blick auf Schloss, Theater und Museum. Jede Veränderung wird an dieser Stelle sichtbar sein – städtebaulich, touristisch und denkmalpflegerisch.

Küchengarten: keine Wohnungen mehr, sondern Garten, Shop und Stützpunkt

Beim ehemaligen Küchengarten am Franzosenweg nimmt die Stadt eine deutliche Kurskorrektur gegenüber früheren Überlegungen vor. Zur BUGA 2009 sollte dort noch eine spätere Wohnnutzung vorbereitet werden. Aus denkmalpflegerischen Gründen wird dieses Ziel nun nicht mehr verfolgt. Stattdessen soll eine welterbeverträgliche Mischnutzung entstehen: Garten, Gastronomie, Shop und ein Gartenstützpunkt.

Die öffentliche Gartenfläche soll das historische Thema Küchengarten beziehungsweise Schlossgärtnerei neu interpretieren. Geplant sind Nutzgarten, Küchengarten, Baumschule, Gastronomie, Shop, Mitmachaktionen, Workshops und Seminare. Der Gartenstützpunkt selbst soll ein gesondertes Kooperationsprojekt von Landtag und Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen werden. Auch hier sind zentrale Fragen offen: Planungsrecht, Welterbeverträglichkeit, Betrieb von Gastronomie und Shop sowie Art und Umfang bürgerschaftlichen Engagements.

Die „Grüne Acht“: Schwerin schaut auch ins Umland

Die Landesgartenschau soll sich nicht nur auf die drei innerstädtischen Hauptflächen beschränken. Entlang der Fahrradroute der „Blauen Acht“ sollen acht Standorte zu einer „Grünen Acht“ verbunden werden: Zippendorfer Strand, Freilichtmuseum Mueß, Schloss und Landschaftspark Raben Steinfeld, Seeufer Leezen, Seeufer Bad Kleinen, Schloss und Park Wiligrad, Seeufer Wickendorf und das Nordufer des Lankower Sees.

Damit greift die Projektskizze einen polyzentralen Ansatz auf. Die Gartenschau soll also nicht nur Innenstadtprojekt sein, sondern auch in Stadtteile und Umland ausstrahlen. Allerdings ist genau dieser Teil finanziell noch besonders offen. Die Projektskizze stellt klar: Die polyzentralen Standorte sind in der bisherigen LAGA-Kostenschätzung nicht enthalten. Aufwand und Finanzierung müssen für diese Projekte noch geklärt werden.

Das ist politisch nicht nebensächlich. Denn aus den derzeit genannten rund 83 Millionen Euro können schnell mehr werden, sobald die zusätzlichen Standorte konkret beplant werden.

Besucherprognose: 440.000 Besuche

Für die Durchführung der Landesgartenschau rechnet die Projektskizze mit etwa 440.000 Besuchen. Ein Großteil der Erlöse soll über Ticketverkäufe erzielt werden. Außerdem werden Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung, Dienstleistungen, Führungen, Parken, Merchandising, Sponsoring, Spenden, Zuschüssen und einer möglichen Einlage der Stadt genannt. Ziel sei es, den Durchführungshaushalt über Erlöse ausgeglichen darzustellen.

Doch auch hier bleibt Vorsicht angebracht. Die Projektskizze selbst formuliert, dass eine genauere Prognose von der konkreten Ausgestaltung der Ausstellung, der touristischen Entwicklung und den Rahmenbedingungen im Veranstaltungsjahr abhängt. Besucherzahlen sind also keine Garantie, sondern eine Annahme.

Brisant ist ein weiterer Hinweis: Das Ausstellungsjahr 2035 sollte laut Projektskizze möglicherweise noch einmal überdacht werden, weil im selben Jahr die Bundesgartenschau Dessau-Roßlau stattfinden soll und für Schwerin relevante Besucherpotenziale abziehen könnte.

Der Beschluss ist formal klein – politisch aber groß

Die Verwaltung betont in der Beschlussvorlage, dass der aktuelle Beschluss selbst nicht haushaltsrelevant sei. Weitere relevante Beschlüsse über Planungskosten sollen nach Abschluss des Letter of Intent der Stadtvertretung vorgelegt werden.

Formal ist das nachvollziehbar: Noch wird nicht der Bau beschlossen, sondern zunächst eine Projektskizze, ein Letter of Intent und die Vorbereitung einer Machbarkeitsstudie. Politisch ist der Schritt trotzdem bedeutend. Denn wer jetzt zustimmt, öffnet die Tür für ein Projekt, das über Jahre Personal, Planungskapazitäten, Fördermittel, Haushaltsmittel und politische Aufmerksamkeit binden wird.

Die entscheidenden Fragen werden daher nicht allein lauten: Wollen wir eine Landesgartenschau? Sondern: Wollen wir dieses Stadtentwicklungsprojekt? Zu welchen Kosten? Mit welchem Eigenanteil? Mit welchen verbindlichen sozialen Zielen beim Wohnungsbau? Mit welcher Bürgerbeteiligung? Und mit welchem Schutz vor Kostensteigerungen?

Chance und Risiko liegen eng beieinander

Die Chance ist offensichtlich. Schwerin könnte Brachflächen aktivieren, Industriekultur sichern, neue Grünräume schaffen, Wohnungsbau vorbereiten und den Welterbe-Titel mit konkreter Stadtentwicklung verbinden. Gerade das Gelände Güterbahnhof/KIW schreit seit Jahren nach einer Lösung. Ohne politischen und finanziellen Kraftakt dürfte dort wenig passieren.

Aber die Risiken sind ebenso deutlich. Die größten Kosten liegen auf den schwierigsten Flächen. Eigentumsfragen sind offen. Altlasten und Kampfmittel können Kosten treiben. Die polyzentralen Standorte sind noch nicht eingepreist. Die Finanzierung hängt wesentlich von Fördermitteln ab. Die Besucherprognose ist eine Annahme. Und das Jahr 2035 ist wegen der parallel geplanten BUGA Dessau-Roßlau nicht ohne Konkurrenz.

Die Landesgartenschau 2035 wäre damit kein Blümchenprojekt. Sie wäre ein Stadtumbauprojekt mit Veranstaltungsetikett. Genau deshalb braucht Schwerin jetzt eine öffentliche Debatte, die nicht bei hübschen Visualisierungen stehen bleibt. Es geht um die Frage, wie die Stadt in zehn Jahren aussehen soll – und wer am Ende die Rechnung trägt.

Hier kann die Projektskizze die am Dienstag im Hauptausschuss beraten werden soll eingesehen und heruntergeladen werden:



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