(stm)
Wer an einer der großen Schweriner Verkehrsachsen wohnt, braucht keine Messstation, um zu wissen: Hier ist es oft zu laut – tagsüber, aber vor allem nachts. Genau diese Belastung hat die Stadt jetzt im „Lärmaktionsplan Stufe IV“ erneut vermessen und bewertet. Grundlage ist die strategische Lärmkartierung für Hauptverkehrsstraßen mit hohem Verkehrsaufkommen; einige weitere innerstädtische Strecken wurden zusätzlich freiwillig mit betrachtet.
Die Betroffenheit ist nicht kleinzureden. Laut Plan sind 22.662 Einwohnerinnen und Einwohner einem dauerhaften Lärm von mindestens 60 dB(A) ausgesetzt – die Stadt nennt diesen Bereich bereits gesundheitsrelevant. 9.839 Menschen liegen sogar bei über 70 dB(A), was im Plan ausdrücklich als kritisch eingeordnet wird.
Die lautesten Strecken: Wismarsche vor Wittenburger – und die Hamburger Allee wegen der vielen Anwohner
Neben den reinen Pegeln arbeitet der Plan mit einer Hotspot-Auswertung: Nicht nur „wo ist es laut?“, sondern „wo trifft Lärm nachts auf viele Anwohner – und zwar auf engem Raum?“. Dafür wurde eine Kennzahl „Hotspot pro Meter“ gebildet. Ganz oben steht dabei die Wismarsche Straße – im Abschnitt Obotritenring bis Stillfriedstraße. Danach folgen die Wittenburger Straße (Bereich Nr. 43–97/58–102), die Lübecker Straße (Bereich Nr. 15–29/16–36), die Hamburger Allee (Bereich Nr. 2–66), die Pilaer Straße (Nr. 9–39) und die Hagenower Straße (Bereich 13a–31/14–44).
Die Hamburger Allee landet nicht nur wegen „Spitzenpegeln“ weit oben, sondern weil dort besonders viele Menschen direkt an der Achse wohnen (im genannten Abschnitt mehr als tausend). Die Hotspot-Liste ist damit keine reine „Lärm-Landkarte“, sondern eine Mischung aus Belastung und Wohnlage.
Was die Stadt plant – und warum das nicht nach Großoffensive klingt
Die Maßnahmenplanung für 2025 bis 2029 setzt laut Papier vor allem auf Dinge, die schnell umsetzbar sind: vor allem Temporeduzierungen in der Nacht, lärmarmer Asphalt statt Pflaster, bessere Ampel-Koordination, punktuell auch verkehrslenkende Lösungen – und flankierend Maßnahmen für Rad, Fuß und ÖPNV. Der Plan sagt ziemlich offen: Vorrang sollen „niedrigschwellige“ Schritte haben.
Das klingt erstmal pragmatisch. Es erklärt aber auch, warum der Plan bei viele wahrscheinlich den Eindruck hinterlässt: Da passiert nicht wahnsinnig viel. Denn an mehreren Stellen geht es weniger um „wir machen“, sondern um „wir prüfen“ oder „wir nehmen es in laufenden Projekten mit“.
Die alte Baustelle: Vieles aus 2019 blieb liegen
Der vielleicht wichtigste Satz steht nicht in einer Tabelle, sondern in der Bewertung der letzten Planstufe: Im Lärmaktionsplan 2019 waren 27 Maßnahmen benannt – ein Teil wurde bislang nicht oder nur teilweise umgesetzt. Besonders häufig seien Geschwindigkeitsreduzierungen ausgeblieben, weil Hauptachsen leistungsfähig bleiben müssten, Querschnitte und Randbedingungen dagegenstünden.
Genau da liegt der wunde Punkt: Erkenntnis ist seit Jahren da – die Umsetzung hakt.
Konkrete Beispiele aus dem Plan: Tempo 30 nachts bleibt „Prüfauftrag“
Bei den priorisierten Abschnitten wird das sehr greifbar. Für die Wismarsche Straße wird Tempo 30 nachts ausdrücklich als Prüfauftrag weitergeführt – geeignet ja, aber nur, wenn die Verkehrsverträglichkeit gesichert ist. In der Arsenalstraße geht es vor allem ums Pflaster: Eine Umstellung auf Asphalt wird grundsätzlich begrüßt, soll aber im Zusammenhang mit einer geplanten Leitungserneuerung geprüft werden; zudem sollen denkmalrechtliche Belange einbezogen werden. Für die Hagenower Straße ist im relevanten Abschnitt in der laufenden Vorplanung eine Ausführung in Asphalt vorgesehen – Lärmdetails sollen „im Projekt mitgenommen“ werden. Und bei der Pilaer Straße ist zwar eine Instandsetzung vorgesehen, der Plan dämpft aber gleich die Erwartungen: Die lokale Lärmsituation werde zusätzlich stark von der nahegelegenen Crivitzer Chaussee beeinflusst, ein reiner Belagswechsel in der Pilaer Straße sei deshalb nur begrenzt wirksam.
A14-Zubringer als Entlastung – vor allem für Lkw-Verkehr
Ein größerer Entlastungseffekt wird im Plan ausgerechnet über ein anderes Thema verbunden: den umstrittenen Autobahnzubringer zum A14-Anschluss Schwerin-Süd. Das städtische Verkehrsmodell rechnet für die Hamburger Allee mit Rückgängen im Leichtverkehr je nach Abschnitt um 12,9 bis 16,7 Prozent, beim Schwerverkehr sogar um 50 bis 60 Prozent. Für „An der Crivitzer Chaussee“ werden 18,2 Prozent weniger Leichtverkehr und beim Schwerverkehr rund 48 bis 50 Prozent weniger prognostiziert.
Der Plan ordnet Maßnahmen an diesen Achsen deshalb eher als „mitlaufend“ ein – also zeitlich gekoppelt an die Zubringer-Meilensteine.
Extrem geringe Beteiligung: Nur sieben Rückmeldungen
Die Öffentlichkeitsbeteiligung lief vom 15. bis 29. November 2023. Eingegangen seien sieben Rückmeldungen – darunter mehrere ordnungsrechtliche Hinweise (die nicht Gegenstand der Lärmaktionsplanung seien) sowie Hinweise, die vor allem Tempo in der Nacht und Ampelsteuerung betreffen.
Zeitplan: ab Mitte 2026 die schnellen Dinge, danach Beläge und Umbauten
Die Stadt plant die Umsetzung in Etappen: 2026–2027 sollen Machbarkeitsprüfungen und Entwurfsplanungen laufen, ab Mitte 2026 können kurzfristige, nicht bauliche Schritte (wie Temporeduktionen) starten; 2027–2029 sind dann mittel- bis langfristige Maßnahmen wie Belagserneuerungen oder Umbauten vorgesehen.
Und die „ruhigen Gebiete“? Lankower See Westufer bleibt Schutzraum
Neben den lauten Achsen bestätigt der Plan die bereits früher festgelegten „ruhigen Gebiete“. Darunter ist ausdrücklich auch der Lankower See als Naherholungsgebiet am Westufer mit angrenzenden Ausgleichsflächen zwischen Neumühle und Lankow (Mühlenberg). Eine Erweiterung dieser ruhigen Zonen sei in der aktuellen Fortschreibung nicht erforderlich gewesen.
Kommentar:
Der Lärmaktionsplan zeigt sehr klar, wo Schwerin nachts und tagsüber am meisten dröhnt – und wie viele Menschen davon betroffen sind. Die Maßnahmen wirken dagegen eher wie ein Werkzeugkasten für kleinere Eingriffe: Tempo nachts prüfen, Beläge verbessern, Ampeln schlauer schalten. Das kann helfen, aber es ist kein radikaler Schnitt. Entscheidend wird deshalb nicht sein, wie gut die Tabellen aussehen – sondern ob die Stadt diesmal das umsetzt, was sie seit Jahren schon auf dem Zettel hat, seit 2019 ist wenig passiert und der neue Plan macht ebenfalls wenig Hoffnung. Noch wird er allerding in den Fachausschüssen beraten – wer weiß was sich dort noch ergibt.
Hier kann der aktuell in den Fachgremien beratende Plan eingesehen und heruntergeladen werden:

















