(Kommentar/stm)
Schwerin hat ein Problem mit seiner Jugend. Oder genauer: Schwerin hat ein Problem damit, dass und wo seine Jugend sichtbar ist.
Am Alten Garten – weg. An den Schwimmenden Wiesen – weg. Am Lankower See – weg. Am Schlachtermarkt – bald weg? Schritt für Schritt werden die Orte beseitigt, an denen junge Menschen kostenlos existieren dürfen. Was bleibt, ist eine Innenstadt für Touristen, für Postkartenmotive, für das UNESCO-Welterbe-Bild, das Schwerin nach außen verkaufen will.
Die Jugend der Stadt passt da nicht rein. Zu laut. Zu sichtbar. Zu wenig zahlungskräftig. Sie machen zuviel Müll.
Der Antrag
Seit Januar 2026 liegt der Stadtvertretung die Drucksache Nr. 01684/2026 vor: „Begrenzung weiterer Ansiedlungen von Spätverkaufsstellen in der historischen Altstadt.“ Eingereicht von der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP, unterstützt von der AfD mit einem Ergänzungsantrag und im OB Wahlkampf inhaltlich mitgetragen von beispielsweise OB Kandidat Ehlers.
Spätverkaufsstellen – Spätis. Kleine Läden, oft abends geöffnet, wenn alles andere längst zu hat. Nahversorger. Treffpunkte. Überwiegend von Menschen mit Migrationsgeschichte betrieben. Und: beliebt bei jungen Menschen, die sich den Restaurantbesuch nicht leisten können oder wollen und Spätabend gemeinsam abhängen wollen.
Genau das ist das Problem. Nicht für die Jugendlichen. Für die Teile der Schweriner Politik.
Der Doppelstandard – schwarz auf weiß
Die Verwaltung stimmt dem Antrag zu. Aber sie hat eine Anmerkung, die alles sagt.
In der internen Stellungnahme vom 19. März 2026 heißt es: Gut sortierte Weinhandlungen und Spirituosengeschäfte sollen weiterhin möglich sein – namentlich genannt werden das Wein-Depot Schwerin und BRINKMANNfinest. So steht es im offiziellen Dokument. Schwarz auf weiß.
Alkohol ist also kein Problem. Wer, wann Alkohol kauft, ist das Problem. Eine Flasche Rioja aus dem Weindepot – kein Thema. Ein Dosenbier vom Späti – gesellschaftliche Bedrohung. Dieselbe Stadt, dieselbe Altstadt, derselbe Alkohol. Anderes Milieu, andere Herkunft des Betreibers, anderes Urteil.
Rassistisch? Jugendfeindlich? Schwerin sagt: Ja.
Die Anträge sind formal neutral formuliert. Kein Wort über Herkunft, kein Wort über Jugendliche. Aber Regelungen müssen nicht explizit diskriminieren, um zu diskriminieren. Es reicht, wenn sie in der Praxis systematisch bestimmte Gruppen treffen. Das nennt sich mittelbare Diskriminierung – und ist in der Rechtswissenschaft längst anerkannt.
Wer betreibt die Spätis in der Schweriner Altstadt? Überwiegend migrantische Unternehmer. In den Kommantarspalten ein Konstruckt aus kriminellen Steuerhinterziehern, die mit Barbershos, Shishabars und Spätig Gelder waschen. Belge dafür? Keine. Vorurteile und Rassismus – anscheinend ja.
Wer trifft sich dort abends? Überwiegend junge Menschen ohne Restaurantbudget. Gelegentlich sind dort weit über 100 Jugendliche vor Ort. Eine Anzahl von Jugendlichen die theoretisch bestens geeignt wäre niederschwellig auf sie zuzugehen.
Wer wird durch diesen Antrag getroffen? Genau diese jungen Menschen, die überwiegend friedlich und gelegentlich laut den öffentlichen Marktplatz für einige Stunden nutzen.
Und wer wird ausdrücklich geschützt? Das Weindepot. BRINKMANNfinest.
Die Stadt hat die Frage beantwortet. Nicht laut, nicht explizit. Aber unmissverständlich.
Ein Muster, das Schwerin kennt
Der Alte Garten. Die Schwimmenden Wiesen. Lankower Norufer. Der Schlachtermarkt.
Wer in Schwerin aufgewachsen ist, kennt das Muster. Immer dann, wenn Jugendliche sich einen öffentlichen Raum aneignen – wenn sie dort sitzen, lachen, Musik hören, einfach da sind – beginnt irgendwann die Regulierung. Ordnungsamt. Verbotsschilder. Anwohnerbeschwerden, die politisch gehört werden.
Was nie kommt: ein Angebot. Ein Konzept. Eine Antwort auf die Frage, wo die Jugend dieser Stadt eigentlich sein darf was sie ist, jugendlich. In keinem der vorliegenden Anträge, in keiner Verwaltungsstellungnahme taucht diese Frage auf. Nicht einmal als Randnotiz.
Wessen Unbehagen zählt?
Anwohner beschweren sich über Lärm. Über Müll. Über Menschen, die nachts draußen sind. Diese Beschwerden landen in Drucksachen, werden politisch bearbeitet, münden in Anträge und Verwaltungsstellungnahmen.
Jugendliche, die keinen Platz mehr haben, landen nirgendwo.
Dabei ist öffentlicher Raum nicht per Definition sauber, leise und ordentlich. Er ist öffentlich. Er gehört dem Rentner genauso wie dem 17-Jährigen. Der Touristin genauso wie dem Jugendlichen, der sich keinen Eintritt, kein Getränk, kein Ticket leisten kann oder will. Lärm, Müll, nächtliches Treiben – das ist nicht das Gegenteil von öffentlichem Leben. Das ist öffentliches Leben.
Die Frage ist nicht, ob Müll schlimm ist, das erledigen theoretisch einige Mülltonnen mehr und der Reinigungsdienst. Die Frage ist: Warum hat das Unbehagen eines Anwohners in der Schweriner Innenstadt politisches Gewicht – und das Bedürfnis junger Menschen, einfach da zu sein, keines?
Die Antwort steckt in den Dokumenten. In den Drucksachen. In den Stellungnahmen. Die einen schreiben Briefe, die gehört werden. Die anderen trinken Dosenbier auf dem Schlachtermarkt – und werden wegreguliert.
Was das bedeutet
Eine Stadt, die ihre Jugend systematisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt, ohne ihr eine Alternative zu bieten, hat keine Ordnungspolitik. Sie hat eine Botschaft. Die Botschaft lautet: Du bist hier nicht willkommen. Nicht so, wie du bist. Nicht mit deinem wenigen Geld, deiner Herkunft, deinem Alter.
Schwerin sendet diese Botschaft seit Jahren. Jetzt steht sie in einer Drucksache.
Hier können die entsprechenden Anträge eingesehen und heruntergeladen werden:














