(stm/Kommentar)
Die Schweriner Stadtpolitik hält aktuell weiterhin ununterbrochen am neuen Feindbild fest: den Späti. Unter dem noblen Deckmantel des UNESCO-Welterbes wird in der Stadtvertretung aktuell eine Debatte geführt, die bei genauerem Hinsehen vor Widersprüchen und politischer Doppelmoral nur so strotzt. Offiziell geht es um den Schutz historischer Fassaden und die öffentliche Ordnung. Inoffiziell geht es um etwas ganz anderes: die systematische Verdrängung einer urbanen, jungen Ausgehkultur – und um einen strukturellen, verdeckten Rassismus gegen diejenigen, die diese Geschäfte betreiben.
Der Elefant im Raum: Verdeckter Rassismus und Generalverdacht
Werfen wir einen ehrlichen Blick auf die Realität: Wer steht in Schwerin und anderen deutschen Städten bis spät in die Nacht hinter der Kasse dieser Läden? Es sind in den allermeisten Fällen Menschen mit Migrationshintergrund, die sich hier durch harte Arbeit und extrem lange Öffnungszeiten eine eigene Existenz aufbauen. Wenn nun mit bürokratischer Härte und politischem Eifer gegen genau dieses Geschäftsmodell vorgegangen wird, hat das einen bitteren Beigeschmack. Es steht ALLEN Menschen frei ein Gewerbe zu starten.
Gäldwäsche? Keine Beweise – dennoch schwingt es mit
Oft genug schwingt in der Kritik an den Spätis eine unappetitliche, unterschwellige Kriminalisierung mit. Da wird hinter vorgehaltener Hand geraunt, ob das nicht alles bloß „Geldwäsche“ sei. Es werden unbewiesene Vorwürfe gestreut und Misstrauen gesät. Während dem alteingesessenen Einzelhändler wirtschaftlicher Scharfsinn attestiert wird, stehen die migrantischen Betreiber der Spätverkaufsstellen unter einem permanenten, unausgesprochenen Generalverdacht. Der Kampf gegen den Späti ist damit allzu oft auch ein Instrument der Ausgrenzung unerwünschter Gewerbetreibender aus dem „sauberen“ Stadtbild.
Die Heuchelei der „Partyzone“
Liest man die Anträge der Lokalpolitik, fällt schnell der Kampfbegriff der „informellen Partyzone“ auf, die sich angeblich rund um Orte wie den Schlachtermarkt bilde. Hier offenbart sich eine bemerkenswerte selektive Wahrnehmung: Wenn bei Musikklub-Konzerten, kommerziellen Events oder großen Stadtfesten die Bässe wummern, die Massen feiern und das Bier in Strömen fließt, wird das als „Kultur“, „Belebung“ und erfolgreiches Stadtmarketing gefeiert. Treffen sich jedoch junge Erwachsene in den Abendstunden einfach so auf dem zentralen Marktplatz, um den Tag mit einem günstigen Späti-Bier ausklingen zu lassen, ist das plötzlich eine Bedrohung für das Abendland.
Es wird mit zweierlei Maß gemessen: Die organisierte, zahlungskräftige Event-Kultur ist hochwillkommen, die unkommerzielle, selbstorganisierte Jugendkultur auf der Straße ist ein Dorn im Auge.
Zwei Klassen von Alkohol
Das Alkohol ein generelles Problem darstellt ist nicht die Frage. Doch, dass es in Wahrheit weder um den Schutz von Steinen noch um pauschale Alkoholprävention geht, entlarvt die Schweriner Stadtverwaltung praktischerweise selbst. Während die Spätis wegen ihres alkoholgeprägten Sortiments und der nächtlichen Öffnungszeiten als „störendes Gewerbe“ gebrandmarkt werden, hält die Verwaltung in ihren Akten pflichtschuldig fest: Gehobene Wein- und Spirituosenhandlungen sollen von den neuen Regulierungen selbstverständlich ausgenommen bleiben.
http://www.schwerin.news war in den vergangenen Wochen mehrfach vor Ort. Dabei fiel auf, dass die überwiegend über 18 Jährigen jungen Erwachsenen sich die Getränke im Vorfeld in anderen Geschäften besorgen. Rewe der bis 22 Uhr geöffnet hat, oder sogar noch früher und diese mitbringen.
Die Botschaft an die Bürger ist laut und deutlich: Der teure Rotwein des gut situierten Bürgers ist ein Kulturgut. Das Feierabendbier der jungen Generation – verkauft vom migrantischen Kioskbetreiber – ist Schmutz. Das ist keine ehrliche Stadtentwicklung, das ist reinster Klassismus, gepaart mit rassistischen Ressentiments.
Das absurde Anwohner-Argument: Wer an den Bahnhof zieht…
Natürlich werden als ultimatives Argument immer wieder die Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern ins Feld geführt, die sich durch abendliche Gespräche, Müll und feiernede junge Menschen gestört fühlen. Doch hier drängt sich eine denkbar einfache Frage auf: Wer sich bewusst dazu entscheidet, in das historische Zentrum einer Landeshauptstadt zu ziehen – direkt an den Marktplatz oder den Schlachtermarkt! –, der entscheidet sich für das pulsierende Herz der Stadt.
Sich dort im Nachhinein über städtisches Leben zu beschweren, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Niemand zieht freiwillig direkt neben einen Bahnhof und beschwert sich im Nachhinein beim Bürgermeister über den Zuglärm. Eine Innenstadt ist nun mal keine Gated Community und kein reines Wohngebiet für Ruhestandssuchende. Sie ist ein Begegnungsraum für alle Generationen und Milieus.
Das „Alarmzeichen“ im Wahlkampf
Den endgültigen politischen Ritterschlag erhält die Späti-Regulierung durch den Oberbürgermeisterkandidaten Sebastian Ehlers. Im Endspurt zur Stichwahl Ende April 2026 macht er die Läden zum Symbol für den vermeintlichen Niedergang der City. Für Ehlers ist der Einzug eines Spätis in die Räume eines ehemaligen Einrichtungsgeschäfts „keine gute Entwicklung“.
Hier schließt sich der Kreis: Der Späti wird zum Sündenbock für einen komplexen Strukturwandel im Einzelhandel erklärt. Statt sich zu fragen, warum Traditionsgeschäfte aufgeben müssen, bekämpft man lieber das neue Leben, das in die Leerstände einzieht. Es ist das letzte Puzzleteil einer Politik, die den Wandel nicht gestalten, sondern ihn schlichtweg verbieten will.
Die Quittung wird kommen: Wer nimmt eigentlich das Paket an?
Zu guter Letzt wird diese Politik der Verdrängung auch ganz praktische, spürbare Konsequenzen für den Alltag haben – die Quittung wird kommen. Wie die meisten Schwerinerinnen und Schweriner längst aus eigener Erfahrung wissen, fahren die klassische Post und große Paketdienstleister ihren Service und ihre Filialnetze zunehmend zurück. In genau diese Versorgungslücke sind die Spätis gesprungen. Sie sind mittlerweile zu unverzichtbaren Anlaufstellen für die Paketannahme und -ausgabe geworden, flexibel und kundenfreundlich bis spät in die Nacht.
Wenn die Lokalpolitik diese Betriebe nun aus der Altstadt vertreibt, bricht diese logistische Grundversorgung weg. Da stellt sich abschließend eine überaus spannende Frage: Werden dann künftig die von jeglicher Regulierung ausdrücklich ausgenommenen Premium-Weinhandlungen wie Jacques’ Wein-Depot in die Bresche springen?
Man darf gespannt sein, ob dort zwischen edlen Tropfen und Feinkost künftig abends um 21 Uhr die Amazon-Retouren und Zalando-Pakete der Nachbarschaft gestapelt werden. Wohl kaum. Die Zeche für diese städtische Verbotspolitik zahlt am Ende der normale Bürger – der nicht nur sein Feierabendbier verliert, sondern künftig auch seinen Paketen hinterherlaufen darf.
Alle Dokumente und Anträge können hier eingesehen und heruntergleaden werden:
















