(red)
Ein kleiner Blick in Schweriner Stadtgeschichte, die viele nicht mehr kennen.
Quellen:
Die einmalige Doppeldemonstration von Schwerin | dieschweriner.de
Es war der Tag, an dem die DDR-Staatsmacht in Schwerin endgültig die Kontrolle verlor. Der Versuch der Parteiführung, einen massiven Bürgerprotest auf dem Alten Garten durch eine inszenierte Propagandashow zu kapern, endete in einer historischen Demütigung für das Regime.
Als am 23. Oktober 1989 rund 40.000 Menschen dem Aufruf des „Neuen Forums“ zu einer friedlichen Kundgebung auf dem Alten Garten folgten, ahnten sie nicht, dass die SED-Bezirksleitung den Platz bereits für sich beansprucht hatte. Bezirkschef Heinz Ziegner wollte den Protest nicht mit Knüppeln zerschlagen, sondern ihn ersticken, indem er ihn vereinnahmte. Die Partei funktionierte die Demonstration kurzerhand zu einer eigenen „Dialogveranstaltung“ um. Mit brachialen Methoden sollte eine Pro-DDR-Stimmung erzwungen werden: Tausende linientreue Genossen wurden herangekarrt, um als bestellte Claqueure den Platz zu dominieren. Über mächtige NVA-Lautsprecherwagen wurde die Menge beschallt, teils wurde sogar künstlicher Applaus vom Band eingespielt. Den eigentlichen Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung hingegen wurde das Rederecht strikt verweigert.
Doch die staatliche Inszenierung kollabierte an der Arroganz der Macht. Als Ziegner ans Mikrofon trat und die Menge belehrend abkanzelte – die Partei dulde keine Ratschläge, die den Sozialismus beseitigen wollen –, kam es zur Abstimmung mit den Füßen. Die Vertreter des Neuen Forums verließen aus stillem Protest den Platz. Was dann geschah, brach der Schweriner SED das Rückgrat: Die überwältigende Mehrheit der 40.000 Demonstranten ließ sich nicht beirren, drehte dem Ersten Sekretär wörtlich den Rücken zu und folgte den Bürgerrechtlern.
Zehntausende zogen als gewaltiger, friedlicher Demonstrationszug durch die Schweriner Innenstadt und forderten lautstark echte demokratische Reformen. Zurück auf dem Alten Garten blieb eine isolierte, völlig konsternierte Parteiführung inmitten ihrer bestellten Gefolgschaft. Der perfide Plan, die Demokratiebewegung mit einer staatlichen Illusion zu unterwandern, hatte sich in sein Gegenteil verkehrt und die Ohnmacht der SED für alle sichtbar auf dem Schweriner Pflaster bloßgestellt.













