Barrierefreiheit ist kein Gefallen: Warum am 5. Mai in Schwerin demonstriert wird

Am Dienstag, dem 5. Mai 2026, ziehen Menschen mit Behinderung, Angehörige und Unterstützende vom Bertha-Klingberg-Platz zur Siegessäule am Alten Garten. Treffpunkt ist um 12:30 Uhr, ab 13 Uhr soll der Demozug starten. Das Motto: „Menschenrechte sind nicht verhandelbar.“

Dieser Beitrag richtet sich nicht an betroffene Menschen, sondern an jene denen es aktuell „Gut“ geht.

Menschenrechte sind nicht verhandelbar.

Dieser Satz klingt groß. In Schwerin ist er aber sehr konkret. Denn Barrierefreiheit scheitert nicht nur an fehlendem Geld. Sie scheitert oft daran, dass sie zu spät mitgedacht wird.

Beispiele gibt es genug. Schon einigen Jahren stellte die Stadt selbst fest, dass nur 44 Prozent der Schweriner Wahllokale vollständig barrierefrei waren. Weitere 42 Prozent waren lediglich „mit Einschränkungen“ barrierefrei. Ausgerechnet der Zugang zur demokratischen Wahl war also für viele Menschen nicht selbstverständlich. Über Jahre hinweg musste für Barrierefreiheit zur aktiven Teilnahme an Demokratie gekämpft werden.

Auch an der Treppe „Am Werder“ in den Waisengärten musste der Behindertenbeirat erst aktiv werden. In einem Bericht schrieb er, dort seien Familien mit Kinderwagen, Kleinkinder mit Laufrädern und Senioren mit Rollatoren durch eine nicht barrierefreie Treppe vom Zugang ausgegrenzt worden. Barrierefreiheit wurde hier nicht von Anfang an als Standard behandelt, sondern musste politisch eingefordert werden.

Ein weiteres Beispiel war die Sonderausstellung „Schwerin. Die Stadt der Großherzöge“ in der Puschkinstraße. Eien andere Ausstellung fand im Säulengebäude statt, wider für viele nicht erreichbar. Trotz öffentlicher Förderung stand die Ausstellung wegen mangelnder Barrierefreiheit in der Kritik. Der Eingang hatte Stufen, zunächst waren nur mobile Rampen vorgesehen, und für blinde oder sehbehinderte Menschen fehlten umfassende Angebote wie Audiobeschreibungen.

Der Behindertenbeirat formulierte 2023 zudem eine grundsätzliche Kritik an der städtischen Baupraxis. Wenn bei der Sanierung von Fußwegen ein Blindenleitsystem gefordert werde, komme laut Bericht sinngemäß die Antwort, dies solle erst gelegt werden, wenn die Straße angefasst werde. Das Problem: Fußwege würden später eben nicht noch einmal angefasst. Der Beirat fasste es knapp zusammen: „Es passiert also nichts!“

Nicht zu vergessen, der jahrelang stillgelegte Fahrstuhl in der Lübecker Straße, die Rampe des Todes direkt gegenübert vom Dom und so vieles weitere.

In Lankow werden Fußwege so eng gepfalstert, dass ein Auto mit seinem Heck, den halben Weg versperrt. Noch immer sind außerhalb der Innenstadt Kreuzungen mit Bordsteinkanten versehen, die für Rollatoren, Rollstuhlfahrend und gar mit Menschen mit Blindenstock kaum überwindbar sind.

Warum werden die öffentlichen Sitzungen der Stadtvertretung, die zwar im nachhinein abrufbar sind, noch nicht standarmäßig mit Untertiel und Gebärtdendoltmetscherei verstärkt?

Genau deshalb ist die Demonstration am 5. Mai kein symbolischer Spaziergang. Sie ist eine Erinnerung an Politik und Verwaltung: Barrierefreiheit ist kein Extra, das man nachträglich anschraubt, wenn jemand laut genug protestiert. Sie gehört an den Anfang jeder Planung.

Schwerin hat Fortschritte gemacht. Aber solange Menschen erst bitten, mahnen, beantragen und kämpfen müssen, damit sie überhaupt mitgedacht werden, ist Inklusion noch nicht Realität.

Dienstag, 5. Mai 2026. 12:30 Uhr. Bertha-Klingberg-Platz.


Wer Barrierefreiheit ernst meint, sollte dort nicht fehlen. Und wer berufsbedingt keine Zeit hat, sei bitte so nett, den Demonstrationhinweis zu teilen.


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