(stm)
Schwerin gehört beim aktuellen Nahverkehrs-Ranking 2025 weiter zur bundesweiten Spitzengruppe. Das Vergleichsportal Testberichte.de sieht die Landeshauptstadt hinter Münster und Potsdam auf Platz drei der günstigsten ÖPNV-Städte in Deutschland. Doch während die Tabelle Schwerin als Preis-Vorbild ausweist, arbeitet die Stadt parallel an einem Haushaltssicherungskonzept, das ausgerechnet beim Nahverkehr spürbare Einschnitte prüfen lässt. Die Frage liegt auf der Hand: Kann Schwerin seinen Spitzenplatz halten, wenn ab 2026 Fahrpreise steigen, Takte ausgedünnt und Privilegien wie die Schülerfreifahrt in Frage gestellt werden?
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Schwerin im Vergleich mit 200.000er Städten
Die Auswertung von Testberichte.de umfasst 42 Städte – alle Landeshauptstädte und alle Kommunen mit mehr als 200.000 Einwohnern, Schwerin wurde als kleinere Landeshauptstadt zusätzlich mit aufgenommen. Entscheidend sind dabei ausschließlich Tarife: Einzelfahrscheine für Erwachsene und Kinder, Kurzstrecken, Tageskarten, Monatskarten für Erwachsene und Schüler sowie Zuschläge für Hunde und Fahrräder. Zudem wird berücksichtigt, wie stark eine Einzelfahrt das durchschnittlich verfügbare Einkommen in einer Stadt belastet. Auf dieser Grundlage liegt Münster mit einem sehr günstigen 31-Euro-Abo auf Platz eins, Potsdam folgt auf Platz zwei – und Schwerin belegt Rang drei mit einem Durchschnitt aus allen Einzelkriterien von 10,3.
Die aktuellen Schweriner Tarife, mit denen die Stadt in das Ranking gestartet ist, lesen sich aus Sicht der Fahrgäste attraktiv. Eine einfache Fahrt im Stadtnetz kostet 2,50 Euro, der bundesweite Durchschnitt liegt bei 3,47 Euro. Tageskarten sind mit 5 Euro die günstigsten im gesamten Vergleich – in Berlin werden 10,60 Euro fällig, in vielen anderen Städten liegen die Preise deutlich über acht Euro. Eine Abo-Monatskarte für Erwachsene im Stadtnetz Schwerin schlägt mit 45,83 Euro zu Buche und liegt damit klar unter dem bundesweit gültigen Deutschlandticket, das 2025 bereits 58 Euro kostet. Für Kinder liegt der Einzelfahrschein bei 1 Euro, und Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 fahren in Schwerin derzeit komplett kostenlos: Der Schülerausweis gilt als Fahrausweis. All das spiegelt sich im Ranking wider: In der Kategorie „Preis der Einzelfahrt im Verhältnis zum Einkommen“ steht Schwerin deutschlandweit auf Platz eins.
NVS drohen deutliche Kostensteigerungen
Diese gute Position ist allerdings eine Momentaufnahme – gemessen am Tarifstand, der im Erhebungszeitraum Ende August bis Ende Oktober 2025 galt. Parallel dazu arbeitet die Stadt an einem verschärften Haushaltssicherungskonzept. In dem Papier wird der kommunale Verkehrsbetrieb NVS als Risiko mit rund drei Millionen Euro pro Jahr ausgewiesen. Begründet wird das mit gestiegenen Energie-, Personal- und Sachkosten, die sich trotz wieder anziehender Fahrgastzahlen nicht durch höhere Erlöse ausgleichen lassen. Zusätzlich belastet die Fortführung des Deutschlandtickets das Ergebnis, obwohl der Bund einen Teil kompensiert.
Das Haushaltsrisiko der Stadt ist deutlich größer: Schwerin rechnet bis 2033 mit einem aufgelaufenen Defizit von rund 308 Millionen Euro, bereits 2026 ist ein Minus von etwa 33 Millionen Euro im Finanzhaushalt eingeplant. Die Kämmerei hält im Konzept fest, das Papier zeige derzeit „keine Perspektive“ für einen künftigen Haushaltsausgleich. In dieser Lage geraten freiwillige Leistungen und teure Pflichtaufgaben gleichermaßen unter Druck – der ÖPNV gehört ausdrücklich dazu.
2026 könnte Schluss sein mit Schülerfreifahrt
Konkret hat die Stadtvertretung Prüfaufträge beschlossen, die den Charakter des Schweriner Nahverkehrs deutlich verändern könnten. Die Verwaltung soll Tariferhöhungen von fünf Prozent alle zwei Jahre vorbereiten. Die letzte Anpassung erfolgte zum 1. Juli 2023; angesichts steigender Kosten wird nun ein regelmäßiger Aufschlag geprüft. Außerdem steht eine Umstellung vom heutigen 15/30-Minuten-Takt auf einen 20/40-Minuten-Takt im Raum, also eine spürbare Ausdünnung des Angebots in weiten Teilen des Netzes. Ebenfalls auf der Liste steht der mögliche Ausstieg der NVS aus dem Deutschlandticket – ausdrücklich in Anlehnung an entsprechende Überlegungen im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Ziel dieser Schritte wäre es, den Zuschussbedarf aus dem Stadthaushalt zu senken. Ergänzend wird geprüft, ob Defizite der NVS künftig über einen Querverbund mit den Stadtwerken abgefedert werden können.
Besonders heikel ist der Blick auf die Schülerfreifahrt. Das Haushaltskonzept nennt ausdrücklich die Möglichkeit, die Entscheidung für die kostenfreie Nutzung des NVS durch Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 erneut zu überprüfen. Damit stünde ausgerechnet eine der Maßnahmen auf der Kippe, die Schwerin im Ranking von Testberichte.de ganz nach oben gebracht haben. Denn dort wird die Schüler-Monatskarte aktuell mit 0 Euro angesetzt. Fiele die Gratisregelung weg und würde durch ein reguläres Schülerticket ersetzt, würde sich Schwerins Wertung in dieser Kategorie zwangsläufig verschlechtern.
Hier kann das Testergebnis eingesehen werden: Nahverkehrs-Ranking 2025: So viel kosten Fahrkarten in Deutschland
Deutschlandticket wird teurer
Auch die geplanten Preisschritte würden sich unmittelbar in künftigen Auswertungen niederschlagen. Schon heute sind die Ticketpreise bundesweit in Bewegung. Das Deutschlandticket wurde Anfang 2025 von 49 auf 58 Euro angehoben und soll ab 1. Januar 2026 auf 63 Euro steigen. Bund und Länder haben diesen Preis auf der Verkehrsministerkonferenz beschlossen, ein weiterer Preismechanismus soll ab 2027 auf Basis eines Kostenindexes greifen.
Spitzenposition in Gefahr
Für Schwerin ergibt sich damit ein ambivalentes Bild. Einerseits könnten stärkere Preiserhöhungen anderswo dafür sorgen, dass die Stadt trotz eigener Anpassungen relativ günstig bleibt – gerade, wenn das Stadtnetz-Abo auch nach einem fünfprozentigen Aufschlag deutlich unterhalb des Deutschlandtickets läge. Andererseits sind es genau die Punkte, bei denen Schwerin heute heraussticht, die nun zur Disposition stehen: kostenlose Schülerbeförderung, die bundesweit niedrigste Tageskarte, ein insgesamt einfacher und sozialer Tarif. Wenn aus der jetzigen Prüfung politische Beschlüsse werden, die Preise regelmäßig steigen, der Takt gestreckt und Sonderleistungen gekappt werden, dürfte sich das im nächsten Nahverkehrs-Ranking bemerkbar machen.
Sicher ist bislang nur, dass noch keine der Maßnahmen endgültig beschlossen ist. Die Verwaltung wurde beauftragt, Varianten zu prüfen und zu hinterlegen; die politischen Gremien müssen zu gegebener Zeit entscheiden, welche Schritte tatsächlich gegangen werden. Klar ist aber auch: Schwerin hat sein gutes Abschneiden nicht geschenkt bekommen, sondern mit bewusst günstigen Tarifen erkauft – und dieser Kurs kollidiert zunehmend mit den Zwängen eines hoch defizitären Haushalts.
Ob die Landeshauptstadt ihren Platz unter den drei günstigsten Nahverkehrsstädten halten kann, hängt deshalb nicht nur von den Entscheidungen in Berlin zum Deutschlandticket ab, sondern vor allem von den Beschlüssen vor Ort. Sollte Schwerin Preisschraube, Takt und Schülerfreifahrt so anziehen, wie es das Haushaltssicherungskonzept derzeit als Option skizziert, wäre der Verlust des Spitzenpostens im nächsten Ranking mehr als wahrscheinlich. Bleibt es dagegen beim heutigen Kurs oder werden Einschnitte begrenzt, könnte die Stadt auch in den kommenden Jahren als „günstige Nahverkehrsstadt“ wahrgenommen werden – in einer Zeit, in der Mobilität für viele Menschen zum entscheidenden Kostenfaktor geworden ist.
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