(KOMMENTAR/stm)
Die Stadtvertretung hat am vergangenen beschlossen, den Namen „Michael Timm“ in die Vorschlagsliste für künftige Straßenbenennungen aufzunehmen. Das ist ein richtiger Schritt – und trotzdem fühlt er sich an wie typisch Schwerin: Anerkennung gibt’s gern, aber häufig erst posthum. Wenn jemand nicht mehr da ist, wird plötzlich sichtbar, was er dieser Stadt bedeutet hat.
Michael Timm war nicht irgendein „Sportler von früher“. Er hat den Boxsport in Deutschland geprägt – als Trainer, als Mentor, als Integrationsfigur. Der Deutsche Boxsport-Verband schreibt, sein Tod habe „nach kurzer, schwerer Krankheit“ eine Lücke hinterlassen; Timm war u. a. Leiter des Bundesstützpunkts in Schwerin und hat über Jahrzehnte Menschen und Karrieren geformt. (Deutscher Boxsport-Verband e.V.) Wer Schwerin als Boxstadt sagt, meint auch ihn.
Und dann dieser Satz, der einem im Hals stecken bleibt: Bei der Sportlerehrung der Stadt am 9. September 2025 wurde zu Beginn seines Todes gedacht – und es heißt dort ausdrücklich, ihm sollte eigentlich der Titel „Trainer des Jahres“ verliehen werden. Eigentlich. Ein Wort wie ein Schlag. Als hätte die Stadt noch schnell die Urkunde in der Hand, aber den Menschen dahinter zu spät erreicht.
Jetzt also die Vorschlagsliste. Das ist wohlgemerkt noch keine konkrete Benennung, sondern erstmal die formale Aufnahme – die spätere Ehrung hängt außerdem an Regeln: Nach der Benennungssatzung ist eine Benennung frühestens fünf Jahre nach dem Tod zulässig; genau darauf verweist auch die Vorlage. Heißt: Selbst wenn alle wollen, bleibt es erstmal beim „Irgendwann“. Das ist sauber, juristisch, ordentlich – aber es hat auch diese kühle Verwaltungssprache von Anerkennung: Wir sehen dich. Später.
Dabei ist die Frage doch nicht, ob Michael Timm diese Ehre verdient. Die Frage ist: Warum sind wir in Schwerin oft so schlecht darin, unseren Besten zu Lebzeiten sichtbar Danke zu sagen? Nicht mit warmen Worten im Nachhinein, nicht mit Kondolenzbüchern, nicht mit feierlichen Gedenkabenden – so wichtig das alles ist. (Auch ein Benefiz-Gedenkturnier, wie es im Dezember 2025 in Schwerin angekündigt wurde, zeigt ja gerade, wie groß der Wunsch nach würdiger Erinnerung ist.) Sondern mit Anerkennung, die ankommt, solange jemand sie noch hören kann.
Vielleicht wäre das der eigentliche Auftrag, der aus diesem Beschluss folgt: Schwerin braucht eine Kultur, die nicht erst dann Denkmäler baut, wenn die Stimme längst verstummt ist. Ein Michael-Timm-Preis für Nachwuchsarbeit, ein dauerhaftes Stipendium für junge Sportlerinnen und Sportler, eine fest verankerte Würdigung von Trainerinnen und Trainern – nicht als Randnotiz, sondern als Zeichen, dass diese Stadt verstanden hat, was sie trägt: Menschen, die über Jahre im Hintergrund arbeiten, ohne großes Aufhebens, aber mit riesiger Wirkung. Und nicht zuletzt, Schwerin nutzt viel zu selten die Möglichkeit Bürgerinnen und Bürger bereits zu Lebzeiten zu Ehrenbürger zu machen.
Die Aufnahme des Namens „Michael Timm“ in die Vorschlagsliste ist sehr gut. Nur: Sie darf nicht das Ende der Geschichte sein – sondern der Anfang einer anderen Haltung. Einer, die nicht wartet, bis es zu spät ist, um „Legende“ zu sagen.
Die Sitzung der Schweriner Stadtvertretung, auf der der Beschluss einer Aufnahme des Herrn Timm in die zukünftigen Straßenbennenungen getroffen wurde, kann hier angesehen werden:


















