(stm/red)
Eines der umstrittensten Stadtentwicklungsprojekte Schwerins kommt unmittelbar nach der Oberbürgermeisterwahl auf die politische Tagesordnung. Bereits am Dienstag soll der Hauptausschuss über den Veröffentlichungsbeschluss für den Bebauungsplan Nr. 118 „Warnitzer Feld“ beraten.
Das Warnitzer Feld war nie nur irgendein Baugebiet. In der Schweriner Kommunalpolitik galt das Projekt seit Jahren als Reizthema. Beobachter sehen darin sogar einen der Konfliktpunkte, die den politischen Druck auf den früheren Oberbürgermeister Rico Badenschier erhöht haben sollen. Belegt ist aus den Planungsunterlagen vor allem eines: Die Stadt will das Verfahren nun weiterführen.
Nur wenige Tage nach der Wahl von Sebastian Ehlers zum neuen Oberbürgermeister landet das Projekt nun im Hauptausschuss. Ehlers galt in der Stadtpolitik als Befürworter der Entwicklung des Warnitzer Feldes. Damit dürfte das Vorhaben künftig eher Rückenwind als Bremsspuren bekommen.
Formal geht es zunächst „nur“ um die Veröffentlichung des Bebauungsplanentwurfs. Der Hauptausschuss soll beschließen, den Entwurf des Bebauungsplanes Nr. 118 „Warnitzer Feld“ samt Begründung gemäß § 3 Abs. 2 BauGB öffentlich auszulegen. Bürger, Behörden und Träger öffentlicher Belange könnten dann Stellung nehmen. Ein endgültiger Satzungsbeschluss wäre das noch nicht – aber ein wichtiger Schritt in Richtung Umsetzung.
Geplant ist ein neues Wohnquartier im Stadtteil Warnitz. Der Geltungsbereich umfasst rund 24,4 Hektar und liegt zwischen Grevesmühlener Chaussee, B 104, Kirschenhöfer Weg und Bahnhofstraße. Vorgesehen sind mehrere Quartiere mit Doppel-, Reihen-, Kettenhäusern und mehrgeschossigem Wohnungsbau sowie eine urbane Mitte mit Dienstleistungen, sozialer Infrastruktur, Wohnen und Quartiersplatz.
Die Stadt begründet das Projekt mit dem Bedarf an neuen Wohnungen. In der Begründung heißt es, die Möglichkeiten der Innenentwicklung durch Nachverdichtung, Aufstockung oder Umnutzung seien weitgehend ausgeschöpft. Deshalb seien zusätzliche Wohnbauflächen erforderlich.
Gleichzeitig liefert die Planung selbst die Ansatzpunkte für Kritik. Denn aus Ackerfläche soll ein großes neues Stadtquartier werden. Die Flächenbilanz nennt für den Bebauungsplan eine Gesamtgröße von 244.403 Quadratmetern. Davon entfallen unter anderem 96.884 Quadratmeter auf allgemeines Wohngebiet, 44.403 Quadratmeter auf Verkehrsflächen, 47.510 Quadratmeter auf öffentliche Grünflächen und 29.310 Quadratmeter auf private Grünflächen.
Auch der Verkehr dürfte ein zentraler Streitpunkt bleiben. Das neue Quartier soll über die Grevesmühlener Chaussee und zusätzlich über den Kirschenhöfer Weg angebunden werden. Die Planer setzen zwar auf Fuß- und Radwege, ÖPNV, Mobility-Hubs und Sharing-Angebote. Trotzdem geht die Verkehrsuntersuchung für das neue Wohngebiet von rund 1.050 Wohneinheiten aus – und damit von einer Größenordnung, die Warnitz spürbar verändern würde.
Brisant ist auch der Lärm. Die schalltechnische Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass im Plangebiet tags Beurteilungspegel zwischen 50 und 70 dB(A), nachts zwischen 48 und 62 dB(A) auftreten. Die Orientierungswerte für allgemeine Wohngebiete werden in straßennahen Bereichen deutlich überschritten – tags um bis zu 15 dB, nachts um bis zu 17 dB. Auch die Grenzwerte der 16. BImSchV werden in straßennahen Baufeldern überschritten.
Die Gutachter nennen deshalb aktive Lärmschutzmaßnahmen: größere Abstände zu den Straßen, abschirmende Bebauung oder einen Lärmschutzwall beziehungsweise eine Lärmschutzwand. Zugleich wird deutlich, wie eng die Planung kalkuliert ist: Ein Verzicht auf die östlichen, besonders belasteten Cluster würde laut schalltechnischer Stellungnahme etwa 50 Prozent des Plangebietes kosten.
Auch der Artenschutz ist kein Nebenthema. Im artenschutzrechtlichen Fachbeitrag werden unter anderem Bodenbrüter, Gehölzbrüter, Höhlenbrüter und Fledermäuse betrachtet. Bei den planungsrelevanten Vogelarten werden unter anderem Feldlerche, Goldammer und Kuckuck mit voraussichtlichem Revierverlust geführt.
Um artenschutzrechtliche Verbote zu vermeiden, sind vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen. Der Umweltbericht nennt ausdrücklich zwei CEF-Maßnahmen: die Umwandlung von Acker in extensive Mähwiese für die Feldlerche und eine Gehölzentwicklung für den Bluthänfling.
Besonders greifbar wird der Eingriff bei der Feldlerche
Für sie reicht es nach den Gutachten nicht, einfach ein paar Bäume zu pflanzen oder später irgendwo Grünflächen anzulegen. Vorgesehen ist eine eigene CEF-Maßnahme: Auf dem Flurstück 90/58 in der Gemarkung Warnitz soll mindestens 1,5 Hektar Acker in extensiv gepflegtes Grünland umgewandelt werden, zusätzlich ist ein zwölf Meter breiter Blühstreifen vorgesehen. Pflanzenschutz- und Düngemittel sollen dort ausgeschlossen sein, gemäht werden soll frühestens ab dem 20. August. Die Gutachter sprechen der Maßnahme zwar eine „sehr hohe Aussicht auf Erfolg“ zu – politisch bleibt aber die eigentliche Botschaft: Selbst die Planung geht davon aus, dass für das Mega-Quartier Ersatzlebensraum für die Feldlerche geschaffen werden muss.
Die Stadt und die Planer versuchen, das Projekt als nachhaltiges Quartier zu positionieren. Vorgesehen sind Grünzüge, Dachbegrünung, Regenrückhaltung, wasserdurchlässige Flächen, Mobility-Hubs und eine mögliche Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Für das Warnitzer Feld wird sogar ein Potenzial für die Stufe Gold gesehen.
Doch genau darin liegt der politische Kernkonflikt: Ist das Warnitzer Feld ein dringend benötigtes neues Wohnquartier – oder ein grün etikettierter Großangriff auf eine bislang offene Fläche am Stadtrand?
Mit der Beratung im Hauptausschuss beginnt diese Debatte nicht neu. Aber sie bekommt nach der OB-Wahl eine neue Dynamik. Das Warnitzer Feld dürfte damit zu einem der ersten großen Prüfsteine für die neue politische Phase in Schwerin werden.
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