(stm)
Studien bescheinigen Schwerin eine besonders starke soziale Segregation. Also eine räumliche Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen Stadtteilen, Lebenswelten und Chancen. Wer mit Blick auf die Toteninsel im Ostorfer See nun schmunzeln möchte, könnte sagen: Ganz neu ist das Nebeneinander unterschiedlicher Welten in Schwerin offenbar nicht.
Natürlich wäre es Unsinn, heutige soziale Spaltung einfach in die Steinzeit zurückzuprojizieren. Aber die Funde von Tannenwerder zeigen tatsächlich etwas Erstaunliches: Vor rund 5.000 Jahren existierten in der Region offenbar verschiedene Lebensweisen zeitgleich nebeneinander. Während frühe bäuerliche Gruppen bereits Landschaften veränderten und monumentale Grabanlagen errichteten, wurden auf der kleinen Insel im Ostorfer See Menschen bestattet, deren Lebensweise noch stark an ältere Fischer-, Jäger- und Sammlertraditionen erinnerte.
Viele Schweriner kennen Tannenwerder nur als Legende oder Gruselgeschichte. Die kleine Insel mitten im Ostorfer See trägt nicht zufällig den Beinamen „Toteninsel“. Was dort gefunden wurde, ist aber keine Schauergeschichte, sondern einer der spannendsten archäologischen Fundorte Norddeutschlands.
70 Tote aus einer Welt im Wandel
Bereits im 19. Jahrhundert stieß man auf der Insel auf menschliche Überreste. Später folgten wissenschaftliche Untersuchungen. Insgesamt wurden dort die Überreste von rund 70 Menschen gefunden. Das Besondere ist nicht nur ihr Alter, sondern die Zeit, in die sie gehören.
Nach neueren Untersuchungen wird das Gräberfeld überwiegend in die Zeit zwischen etwa 3300 und 2700 vor Christus datiert. Es liegt damit in einer Phase, in der sich in Mecklenburg und Norddeutschland tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Menschen wurden sesshafter, betrieben Landwirtschaft, hielten Tiere, legten Felder an und errichteten die Großsteingräber, die bis heute in der Landschaft sichtbar sind.
Doch die Toteninsel erzählt eine andere, kompliziertere Geschichte.
Fischer, Jäger und Sammler neben frühen Bauern
Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben die auf Tannenwerder bestatteten Menschen als eine frühneolithische Fischergesellschaft mit deutlich mesolithischem Gepräge. Vereinfacht gesagt: Während sich in der Umgebung bereits bäuerliche Lebensweisen ausbreiteten, hielten Menschen am Ostorfer See offenbar an älteren Traditionen fest.
Moderne Isotopenanalysen der Knochen deuten darauf hin, dass Fisch weiterhin eine zentrale Rolle in ihrer Ernährung spielte. Auch anthropologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass diese Gruppe eher mit älteren, vorneolithischen Bevölkerungen verbunden war als mit den frühen Bauernkulturen der Region.
Das macht den Fund so spannend. Er zeigt nicht einfach „alte Gräber“. Er zeigt eine Gesellschaft im Übergang.
Eine steinzeitliche Parallelwelt mitten in Schwerin
Die Toteninsel stellt ein sehr schlichtes Geschichtsbild infrage: erst Jäger und Sammler, dann Bauern; erst die alte Welt, dann die neue. So sauber lief Geschichte offenbar nicht. Die Funde vom Ostorfer See zeigen vielmehr, dass unterschiedliche Lebensweisen über längere Zeit nebeneinander existieren konnten.
Während in der Region bereits monumentale Grabanlagen der bäuerlichen Trichterbecherkultur entstanden, wurden auf Tannenwerder Menschen nach anderen Traditionen bestattet. Es war also keine abrupte Ablösung einer Epoche durch die nächste, sondern ein Nebeneinander, vielleicht auch ein Miteinander, vielleicht eine bewusste Abgrenzung. Sicher ist vor allem: Der Wandel zur bäuerlichen Lebensweise verlief nicht überall gleich schnell und nicht überall gleich.
Warum die Menschen am Ostorfer See an ihrer Lebensweise festhielten, bleibt offen. War es Anpassung an eine fischreiche Umwelt? Kulturelle Tradition? Abstand zu den neuen bäuerlichen Gruppen? Oder schlicht ein Hinweis darauf, dass unsere Vorstellung von klar getrennten Epochen zu bequem ist?
Gerade diese offenen Fragen machen Tannenwerder (die Toteninsel) so besonders. Die kleine Insel mitten in Schwerin ist nicht nur ein archäologischer Fundort. Sie ist ein Fenster in eine Zeit, in der alte und neue Lebensweisen gleichzeitig existierten.
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