(stm/red)
28 Messingplatten von Kriegsgräbern gestohlen – Stadt baut die verbliebenen 202 Tafeln ab
Die Metalldiebe auf dem Alten Friedhof haben eine ungewöhnliche Konsequenz ausgelöst: Die Stadt lässt die noch vorhandenen 202 Metallplatten von Kriegsgräbern abbauen und einlagern. Vorausgegangen ist eine Serie von Diebstählen. Insgesamt wurden inzwischen 28 Messingplatten von den Granitsockeln entfernt und gestohlen.
Der jüngste Diebstahl wurde am 10. August festgestellt. Gleich fünf weitere Namenstafeln waren verschwunden. Nur wenige Tage zuvor waren bereits 23 Platten gestohlen worden. Die einzelnen Tafeln sind nicht nur schwer, sondern auch wertvoll: Eine Platte wiegt nach Angaben der Stadt bis zu 20 Kilogramm und hat einen materiellen Wert von rund 3.000 Euro. Rechnerisch summiert sich der reine Materialwert der inzwischen gestohlenen 28 Tafeln damit auf rund 84.000 Euro.
Doch hinter den Zahlen steckt mehr als ein gewöhnlicher Metalldiebstahl. Die Tafeln tragen die Namen von Menschen, die auf dem Kriegsgräberfeld bestattet wurden.
Mehr als 2.300 Gräber
Das betroffene Grabfeld ist ein großer Erinnerungsort. Dort befinden sich mehr als 2.300 Gräber. Bestattet wurden Soldaten, Heimkehrer, Zivilpersonen und Kinder, die zwischen Januar 1945 und Ende 1946 ums Leben kamen. 1999 wurde die Fläche als Kriegsgräberfeld wiederhergestellt. Damals wurden die Granit-Kissensteine mit den entsprechenden Namenstafeln aufgestellt. Die Messingplatten waren damit Bestandteil der Gedenkstätte und nicht lediglich dekorative Elemente.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge verurteilt die Diebstähle entsprechend scharf. Landesgeschäftsführer Philipp Schinschke spricht davon, dass bewusst Erinnerungszeichen von Kriegsgräbern entfernt und damit Orte des Gedenkens und der Trauer geschändet worden seien.
Auch Oberbürgermeister Sebastian Ehlers bezeichnete die Taten als einen „beschämenden Akt des Vandalismus und der Respektlosigkeit“. Kriegsgräber seien Orte der Trauer, aber zugleich eine Mahnung. Sie erinnerten an die brutalen Folgen von Krieg und Gewalt und seien ein Auftrag für Frieden und Völkerverständigung, so Ehlers.
Schon zuvor drei weitere Platten verschwunden
Die aktuellen Fälle sind offenbar nicht der erste Versuch, die Metalltafeln zu stehlen. Nach Angaben des Volksbundes hatten Unbekannte bereits rund zwei Wochen zuvor drei weitere Platten von Kriegsgräbern demontiert. Diese wurden später auf dem Friedhofsgelände wiedergefunden. Die zeitliche Abfolge macht deutlich, dass es sich nicht um einen einzelnen Vorfall handelt. Die Täter sind offenbar gezielt auf die Metalltafeln aus. Wann die 23 zunächst gemeldeten Platten genau verschwanden, ist bislang nicht bekannt. Die jeweiligen Diebstähle wurden bei der Polizei angezeigt.
Jetzt zieht die Stadt die Konsequenz
Nach dem erneuten Diebstahl von fünf Platten will die Friedhofsverwaltung nicht abwarten, bis weitere Namenstafeln verschwinden. In Abstimmung mit dem Volksbund wurde deshalb entschieden, die noch vorhandenen 202 Metallplatten vollständig abzubauen. Sie sollen gesichert und eingelagert werden.
Das bedeutet: Auch die Tafeln, die bisher noch an den Gräbern vorhanden waren, werden vorerst nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz zu sehen sein. Die Stadt prüft gleichzeitig eine dauerhafte Lösung. Im Gespräch ist, die Namenstafeln für das gesamte Gräberfeld auszutauschen und künftig ein Material einzusetzen, das für Metalldiebe deutlich weniger attraktiv ist. Wann neue Tafeln angebracht werden, steht allerdings noch nicht fest.
Die Reaktion ist damit weitreichend: Weil einzelne Täter die Gedenktafeln wegen ihres Metallwertes stehlen, werden nun vorsorglich auch diejenigen Tafeln entfernt, die bislang noch sicher an den Gräbern standen.
Bis zu 20 Kilogramm pro Platte
Dass die Täter nicht einfach ein paar kleine Metallstücke mitgenommen haben, zeigen die Angaben zu den Tafeln. Eine Platte ist etwa 50 mal 50 Zentimeter groß und wiegt bis zu 20 Kilogramm. Bei 28 gestohlenen Tafeln bedeutet das theoretisch bis zu rund 560 Kilogramm Metall.
Der angegebene Materialwert von etwa 3.000 Euro pro Platte macht die Dimension des Schadens deutlich. Für die Angehörigen und für den Volksbund ist allerdings der ideelle Schaden entscheidender. Denn mit jeder gestohlenen Platte verschwindet zunächst auch der Name eines Menschen aus dem sichtbaren Gedenken.
Volksbund: Es geht um mehr als Messing
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge macht deshalb deutlich, dass die Taten nicht als gewöhnlicher Metalldiebstahl betrachtet werden sollten. Kriegsgräberstätten seien keine gewöhnlichen Friedhöfe. Sie erinnerten an die Millionen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und hätten deshalb eine besondere Bedeutung. „Es geht nicht nur um Messingplatten und einen finanziellen Verlust“, betont der Volksbund. Es gehe um die Würde der Toten, die Erinnerung an die Opfer und die Verantwortung, diese Orte des Gedenkens zu erhalten.
Polizei sucht Hinweise
Die Polizei ermittelt zu den Diebstählen. Wer auf dem Alten Friedhof verdächtige Personen, Fahrzeuge oder andere auffällige Vorgänge beobachtet hat und möglicherweise Hinweise zu den Tätern geben kann, sollte sich direkt an die Polizei wenden.
Für Menschen, die nach Angehörigen oder anderen Personen suchen, die auf dem Grabfeld XIV a/b bestattet wurden, gibt es weiterhin die Möglichkeit, sich an die Friedhofsverwaltung zu wenden. Sie ist unter 0385/64108-0 oder per E-Mail unter friedhof@sds-schwerin.de erreichbar.
Fest steht bereits jetzt: Die Metalldiebstähle haben den Alten Friedhof nachhaltig verändert. Ausgerechnet der Versuch, aus Gedenktafeln wertvolles Metall zu machen, führt dazu, dass nun auch die übrigen Tafeln von den Gräbern verschwinden – zum Schutz vor denjenigen, die sie stehlen könnten.
Beitragsfoto: SDS Schwerin

















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