(stm) 50 neue Arbeitsplätze, 28 Prozent mehr Produktion und künftig 2,3 Milliarden Kaffeekapseln pro Jahr: Nestlé baut sein Werk im Schweriner Süden massiv aus. Für den Wirtschaftsstandort ist das zunächst eine gute Nachricht. Doch hinter der Erfolgsmeldung steckt eine andere Geschichte: Milliarden Einwegkapseln, Verpackungsmüll, hoher Kaffeepreis und ein Geschäftsmodell, das Umweltverbände seit Jahren kritisieren.
50 neue Jobs – und 500 Millionen Kapseln mehr
Nestlé baut das Kaffeekapselwerk im Schweriner Süden weiter aus. Ab Oktober sollen rund 50 neue Beschäftigte eingestellt werden. Drei der insgesamt zehn Produktionslinien werden vom Drei- auf den Vier-Schicht-Betrieb umgestellt.
Ab 2027 sollen am Standort jährlich mehr als 2,3 Milliarden Kapseln produziert werden – rund 500 Millionen mehr als bisher. Aktuell arbeiten nach Angaben von Werkleiter Thomas Kolodzinsky etwa 350 Menschen im Schweriner Werk. Der Standort wurde 2014 eröffnet und produziert Kapseln für das Nescafé-Dolce-Gusto-System. Nach Angaben von Nestlé wurden dort seit dem Produktionsstart bereits rund 20 Milliarden Kapseln hergestellt. Für Schwerin sind zusätzliche Arbeitsplätze und Investitionen grundsätzlich eine gute Nachricht. Doch die Größenordnung der geplanten Produktion ist bemerkenswert. 2,3 Milliarden Kapseln bedeuten nicht einfach 2,3 Milliarden Portionen Kaffee. Es bedeutet auch 2,3 Milliarden einzelne Verpackungseinheiten. Und gegenüber der bisherigen Produktion kommen jedes Jahr weitere 500 Millionen hinzu.
Kaffee für Minuten – die Verpackung bleibt
Das Geschäftsmodell der Kaffeekapsel ist einfach: Der Kaffee wird portioniert und luftdicht verpackt, kommt in die Maschine und landet wenige Minuten später in der Tasse. Die Kapsel selbst ist anschließend Abfall. Genau dieses Einwegprinzip steht seit Jahren in der Kritik von Umweltverbänden.
Die Deutsche Umwelthilfe verweist auf die gewaltigen Mengen an Kapselabfällen und fordert einen stärkeren Einsatz von Mehrweg- und wiederbefüllbaren Systemen. Für Deutschland errechnete die Organisation für 2022 rund 2,8 Milliarden verbrauchte Kaffeekapseln und fast 9.700 Tonnen daraus entstehenden Müll aus Kunststoff, Aluminium und Pappe. Auch wenn diese Zahlen nicht allein Nestlé betreffen, zeigen sie die Dimension des gesamten Marktes. Nestlé kann darauf verweisen, dass der Materialeinsatz seiner Kapseln reduziert wurde und die Verpackungen über den Gelben Sack beziehungsweise die Gelbe Tonne entsorgt werden können.
Das grundsätzliche Problem verschwindet dadurch allerdings nicht. Recycling kann verhindern, dass Wertstoffe vollständig verloren gehen. Es macht aus einer Einwegverpackung aber noch kein Mehrwegprodukt. Für die nächste Tasse Kaffee braucht es wieder eine neue Kapsel. Und genau deshalb kritisieren Umweltverbände nicht nur das Material einzelner Kapseln, sondern das dahinterstehende Prinzip: möglichst viele einzelne Portionen zu verkaufen, die jeweils eine eigene Verpackung benötigen.
Der kleine Kaffee zum großen Preis
Auch beim Preis zeigt sich, wie lukrativ das Kapselgeschäft sein kann. Verbraucher zahlen nicht nur für Kaffee, sondern für ein komplettes System aus Maschine, Portionierung und Verpackung. Die Verbraucherzentrale untersuchte 2025 mehr als 100 Kaffeeprodukte und kam zu dem Ergebnis, dass Kapselkaffee mit Abstand die teuerste Darreichungsform war.
In ihrem Marktcheck wurden für Kapsel-Espresso bis zu 92,26 Euro pro Kilogramm festgestellt. Zum Vergleich: Bei klassischem Kaffeepulver lagen die Preise teilweise deutlich niedriger. Bei einem aktuellen Nescafé-Dolce-Gusto-Espresso mit 16 Kapseln und insgesamt 88 Gramm Kaffee enthält eine einzelne Kapsel gerade einmal 5,5 Gramm Kaffee. Kostet die Packung 5,99 Euro, entspricht das rechnerisch rund 68 Euro pro Kilogramm Kaffee. Bei anderen Sorten und kleineren Packungen kann der Kilopreis noch deutlich höher liegen. Bei Getränken wie Cappuccino oder Latte Macchiato kommt hinzu, dass teilweise zwei Kapseln für ein Getränk benötigt werden – eine mit Kaffee und eine mit Milch beziehungsweise Milchbestandteilen.
Der Kunde bezahlt damit nicht nur für wenige Gramm Kaffee, sondern auch für Verpackung, Portionierung und die Bequemlichkeit des Systems. Genau diese Kombination macht Kaffeekapseln für die Hersteller wirtschaftlich interessant. Je mehr einzelne Portionen verkauft werden, desto mehr Kapseln müssen produziert werden. Und Schwerin soll künftig genau an diesem Wachstum beteiligt sein.
2,3 Milliarden Kapseln treffen auf eine Welt voller Verpackungsmüll
Die Entwicklung passt allerdings nur schwer zu dem politischen Ziel, Verpackungsabfälle zu reduzieren. Seit dem 12. August 2026 gelten in der Europäischen Union neue Verpackungsregeln. Die Verpackungsverordnung PPWR soll unter anderem Abfälle vermeiden, Verpackungen besser recycelbar machen und die Kreislaufwirtschaft stärken. Kaffeekapseln werden dabei ausdrücklich als Verpackungen erfasst. Gleichzeitig erhöht Nestlé die Produktion in Schwerin um rund 28 Prozent. Der Konzern produziert damit künftig noch mehr Einwegportionen, während Politik und Umweltverbände versuchen, den Verpackungsverbrauch insgesamt zu reduzieren.
Dies ist ein grundsätzliches Problem unserer Konsumwelt: Verpackungen werden effizienter und teilweise leichter, während gleichzeitig immer mehr Produkte einzeln verpackt werden. Die Deutsche Umwelthilfe fordert deshalb nicht nur bessere Recyclinglösungen, sondern grundsätzlich weniger Einwegverpackungen und mehr Mehrwegsysteme. Nestlé setzt dagegen auf Materialeinsparungen, Recycling und eine möglichst effiziente Produktion. Für Schwerin bedeutet das vor allem eines: Der Standort wächst. 50 neue Arbeitsplätze kommen hinzu, die Produktion steigt auf mehr als zwei Milliarden Kapseln jährlich. Doch je größer diese Zahlen werden, desto schwieriger wird es, die Abfallfrage als nebensächliches Problem abzutun.
Denn selbst wenn jede Kapsel korrekt entsorgt und ein möglichst großer Teil ihrer Materialien wiederverwertet wird, bleibt die Tatsache bestehen, dass für jede neue Portion erneut eine Verpackung produziert werden muss. Die aktuelle Nestlé-Meldung ist deshalb nicht nur eine Nachricht über neue Jobs. Sie ist auch eine Nachricht darüber, wie groß das Geschäft mit dem Einwegkaffee inzwischen geworden ist.
INFOBOX: DIE ZAHLEN HINTER DEM SCHWERINER KAPSELGESCHÄFT
2,3 Milliarden Kapseln
So viele Kapseln sollen ab 2027 jährlich in Schwerin produziert werden.
500 Millionen mehr
Um rund 28 Prozent soll die Produktion gegenüber heute steigen.
Rund 2,5-mal um die Erde
Aneinandergereiht ergeben 2,3 Milliarden Kapseln – je nach Ausrichtung – grob 79.000 bis 110.000 Kilometer. Als Größenvergleich entspricht das etwa 2 bis 2,8 Erdumrundungen.
Rund 20 Milliarden seit 2014
So viele Kapseln wurden laut Nestlé seit dem Start des Schweriner Werks produziert.
Mehr als einmal Erde–Mond–Erde
Bei einer gedachten Aneinanderreihung der rund 20 Milliarden bisher produzierten Kapseln ergibt sich eine Strecke von ungefähr 960.000 Kilometern. Die mittlere Entfernung Erde–Mond und zurück beträgt rund 768.800 Kilometer.
Rund 9.700 Tonnen
So viel Kapselabfall errechnete die Deutsche Umwelthilfe für 2022 in Deutschland bei rund 2,8 Milliarden verbrauchten Kapseln. Überträgt man diesen Durchschnitt rein rechnerisch auf die künftig in Schwerin produzierten 2,3 Milliarden Kapseln, ergibt sich eine Größenordnung von rund 8.000 Tonnen. Das ist ausdrücklich eine Hochrechnung und keine Angabe über den tatsächlichen Abfall des Schweriner Werkes.
Bis zu 92,26 Euro pro Kilogramm
Auf diesen Preis kam die Verbraucherzentrale bei Kapsel-Espresso in ihrem Marktcheck. Kapselkaffee war damit die teuerste untersuchte Darreichungsform.















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