Stadt kauft das Stadthaus – trotz historischer Verschuldung und enger Kassen

(fab)

Die Stadt Schwerin steht vor einem enormen Schuldenberg. Während fast alle Gebühren und Abgaben für die Schwerinerinnen und Schweriner erhöht werden, tätigt die Stadt einen Kauf, der nur schwer zu vermitteln ist.

Die Stadtvertretung hat am Montagabend mehrheitlich den Ankauf des Stadthauses am Packhof beschlossen. Damit geht Schwerin eine der größten Immobilienentscheidungen der vergangenen Jahre ein. Der Kaufpreis liegt bei 42 Millionen Euro; zusätzlich fallen – wie bei Immobiliendeals üblich – rund sechs Prozent Nebenkosten an. So ist es in der Beschlussvorlage festgehalten, mit der zugleich der Weg für die spätere Sanierung des Gebäudes geebnet wurde.

Der Beschluss hat spürbare Folgen für den Haushalt 2026. Die Verwaltung beziffert den neuen Saldo aus Investitionsein- und -auszahlungen auf 94,01 Millionen Euro negativ; die Kreditermächtigung steigt um weitere 44,52 Millionen Euro auf insgesamt 99,01 Millionen Euro. Das geplante Jahresergebnis verschlechtert sich von bislang –16,35 Millionen Euro auf –44,31 Millionen Euro. Diese Kennzahlen stammen direkt aus der Vorlage, mit der der Ankauf politisch abgesichert wurde.

Warum kauft die Stadt – und mietet nicht weiter? Die Verwaltung verweist auf eine doppelte Prüfung: eine Nutzwertanalyse und einen strikt finanziellen Variantenvergleich. Demnach wurden fünf Wege gegenübergestellt: Mietvertrag am heutigen Standort für zehn oder zwanzig Jahre, Anmietung freier Flächen am Margaretenhof, Kauf und Sanierung des Stadthauses sowie ein Neubau. In der Nutzwertanalyse liegt „Kauf und Sanierung“ mit 470 Punkten vorn; ausschlaggebend waren neben der Innenstadtlage die Unabhängigkeit von zukünftigen Mietsteigerungen und die städtebaulichen Effekte eines kommunalen Eigentums am Packhof.

Auch rein finanziell landet der Kauf laut Verwaltung auf Platz 1. Im Wirtschaftlichkeitsvergleich, gerechnet über 50 Jahre und mit einem Mischzins von drei Prozent, ergeben sich durchschnittliche jährliche Gesamtaufwände von rund 2,87 Millionen Euro für „Kauf + Sanierung“. Die Miet-Varianten liegen darüber: etwa 3,06 Millionen Euro (Fortsetzung 10 Jahre), 3,77 Millionen Euro (20 Jahre) und 3,72 Millionen Euro (Margaretenhof, saniert). Ein Neubau käme demnach auf ca. 3,50 Millionen Euro jährlich. Bei den Mietmodellen wurde eine jährliche Dynamik nach Verbraucherpreisindex von zwei Prozent unterstellt; bei Eigentum entfällt diese.

Für die Sanierung kalkuliert die Stadtverwaltung – als Arbeitsgröße – mit 1.141,27 Euro je Quadratmeter auf eine Bestandsfläche von 16.469 Quadratmetern. Daraus ergibt sich überschlägig ein zweistelliger Millionenbetrag für die Baukosten nach dem Erwerb. Diese Parameter sind in den Anlagen dokumentiert; sie bilden die Grundlage für den Vergleich, konkrete Ausschreibungsergebnisse stehen naturgemäß noch aus.

Politisch strittig war nicht nur der Kauf, sondern auch die Frage, ob ein Teil des Hauses dauerhaft der Stadtgesellschaft offenstehen soll. Ein Ergänzungsantrag des Stadtvertreters Stephan Martini (ASK), mindestens zehn Prozent der künftig nutzbaren Flächen verbindlich für gemeinwohlorientierte, kulturelle oder zivilgesellschaftliche Nutzungen zu reservieren, fand keine Mehrheit. Der Antrag zielte darauf, einen sichtbaren Gegenwert für die hohe finanzielle Belastung festzuschreiben.

Dass Schwerin sich diesen Schritt in einer angespannten Lage auferlegt, verschweigt die Vorlage nicht: Mit dem Ergänzungsbeschluss werden zusätzliche Auszahlungen, eine ausgeweitete Kreditaufnahme und ein deutlich negativeres Jahresergebnis für 2026 veranschlagt. Gleichzeitig begründet die Verwaltung den Deal mit langfristigen Einsparungen gegenüber dem Weiter-Mieten und mit der vollständigen Handlungsfreiheit im eigenen Haus – vom Investitionszeitpunkt an bis zum Ende der Nutzungsdauer. Bis die Sanierung abgeschlossen ist, läuft das Mietverhältnis am aktuellen Standort weiter; der Kauf würde diese Abhängigkeit perspektivisch beenden.

Unterm Strich hat die Mehrheit der Stadtvertretung entschieden: Schwerin kauft das Stadthaus jetzt – in der Erwartung, dass sich Eigentum auf lange Sicht rechnet und die Verwaltung in der Innenstadt planbar verankert. Die Kehrseite sind höhere Schulden, zusätzliche Zinslasten und ein Haushalt, der 2026 tiefer ins Minus rutscht. Ob der finanzielle Kurs aufgeht, wird sich daran messen lassen, ob die Sanierung im Kostenrahmen bleibt und die kalkulierten Betriebsvorteile eintreten.


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