(stm/Kommentar)
Erst wollten vier Fraktionen einen Konzertsaal prüfen lassen. Jetzt setzen Grüne und Die PARTEI noch einen drauf: Es soll gleich ein Konzert- UND Kongresssaal werden. Die Stadtverwaltung reagiert ungewöhnlich ehrlich: Ablehnung. Nicht machbar. Keine Leute. Kein Geld. Man muss es den Grünen lassen: Sie haben den Antrag DS 01826/2026 verstanden – und dann konsequent verschlimmbessert.
Der Original-Antrag von Linke, CDU, SPD und FDP war schon fernab jeder Schweriner Realität. Während Gebühren und Abgaben quer durch die Stadt erhöht werden, das vor Jahren beschlossene Museum für Stadtgeschichte weiter als Phantom durch die Ausschüsse geistert, Jugendangebote auf den Prüfstand kommen und freiwillige Leistungen reihenweise verschoben werden, Tafeln nach bezahlbaren Räumen suchen, das Tierheim weitgehend unterfinanziert kaum noch geöffnet hat, die kostenfreien Schülerfahrkarten in Wanken geraten soll ein neuer Konzertsaal für 550-750 Plätze her. Stichwort Radsporthalle – das letzte Prestigeobjekt, das als Leuchtturm verkauft wurde und heute als Millionen-Mahnmal vor sich hin rostet. Der Gedanke war immerhin ehrlich: Eine externe Machbarkeitsstudie, bezahlt von Land und Dritten. Teuer, aber wenigstens nicht aus dem städtischen Haushalt.
Jetzt kommt der Ersetzungsantrag von B90/Grüne / Die PARTEI. Und der ist an Chuzpe kaum zu überbieten. Aus dem Konzertsaal wird mal eben ein Konzert- und Kongresssaal. Wenn schon größenwahnsinnig, dann richtig. Ein Saal reicht nicht, es muss ein Kongresspalast mit „überregionaler Ausstrahlung“ sein. Schwerin als neues Davos, nur ohne dauerhafte IC Bahn-Anbindung.
Und das Beste: Geprüft werden soll das nicht mehr von externen Gutachtern, sondern von der eigenen, chronisch überlasteten Stadtverwaltung. Und zwar bis zum 30.08.2026. Also formal bis gestern. Aufgaben: Sämtliche Kapazitäten der Stadt bewerten, Standorte finden, Nutzungskonzepte entwickeln, überregionalen Bedarf ermitteln, finanzielle, organisatorische und städtebauliche Rahmenbedingungen skizzieren.
Die Stellungnahme der Verwaltung dazu ist ein Dokument der Verzweiflung und liest sich wie eine schallende Ohrfeige. Im Amtsdeutsch heißt das so:
„erheblichen Verwaltungsaufwand“
„mit den vorhandenen personellen Ressourcen kurzfristig nicht leistbar“
„Berichtsfrist bis zum 30.08.2026 ist daher nicht realistisch“
„müsste hinter den vorrangig zu erfüllenden Pflichtaufgaben zurückstehen“
Übersetzt: Seid ihr eigentlich irre? Wir kriegen die Pflichtaufgaben kaum hin und ihr wollt, dass wir für euch Luftschlösser planen? Und weiter: Art der Aufgabe: „Freiwillige Aufgabe (neu)“. Kostendeckungsvorschlag: „Im Antrag nicht enthalten.“ Kosten: „Im Antrag nicht enthalten.“ Empfehlung: „Ablehnung“.
Wenn selbst eine Verwaltung, die sonst jeden Prüfauftrag brav abnickt, „Ablehnung“ draufschreibt, dann ist das ein Warnsignal. Der einzige vernünftige Gedanke im grünen Antrag – endlich mal den Bestand zu prüfen, also Sport- und Kongresshalle, Palmberg-Arena – verkommt zur Satire. Wer ernsthaft die Palmberg-Arena, eine Volleyball-Halle mit Blechdach, als Alternative für sinfonische Konzerte ins Spiel bringt, hat noch nie ein Cello gehört.
Dabei liegt die Lösung in städtischer Hand und ist weitgehend verschlossen: das Perzinahaus. Die ehemalige Bibliothek. Mit einem vergessenen Konzertsaal. In kommunalem Eigentum. Statt den Schlüssel dafür zu suchen, wird über Neubauten fantasiert. Das ist der eigentliche Skandal: Hier wird nicht Kulturpolitik gemacht, hier wird Bullshit-Bingo gespielt. „Überregionale Strahlkraft“, „touristische Entwicklung“, „Nutzungskonzepte“. Das kostet nichts, klingt aber wichtig.
Die Verwaltung hat es in ihrem letzten Satz unfreiwillig komisch auf den Punkt gebracht: Die Prüfung könne „über Ditte zu realisieren“ sein. Ditte? Dritte? Egal. Ditte wird es schon richten. So wie immer: Land, Bund, EU, irgendwer. Vorschlag: Die Stadtvertretung beerdigt beide Anträge. Und beauftragt den Oberbürgermeister mal das Perzinahaus aufzuschließen, das Licht anzumachen und zu schauen, was wir eigentlich schon haben. Das wäre machbar. Und bezahlbar.
Oder man mietet das Staatstheater, das Capitol, den Perzinasaal, den Schlossaal…
Beraten werden soll der Antrag übrigens auf der kommenden Sitzung des Bauausschusses am 3. September. Die Beratung wird öffentlich sein.
Hier können die entsprechenden Dokumente eingesehen und heruntergeladen werden:















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