Die AfD fickt ihre eigenen Wähler*innen. Und verkauft ihnen das auch noch als Befreiung

(stm/Kommentar)

So, jetzt ist es raus: Die AfD fickt ihre eigenen Wähler. Ja, fickt. Nicht „enttäuscht“, nicht „veräppelt“, nicht „führt in die Irre“. Fickt. Das klingt hart. Es soll auch hart klingen. Denn wenn eine Partei Menschen mit kleinen Einkommen, wirtschaftlichen Sorgen und Abstiegsängsten erzählt, sie sei ihre große Stimme gegen „die da oben“, dann darf man verdammt noch mal hinschauen, was diese Partei diesen Menschen tatsächlich verkaufen will. Und da wird es interessant. Denn die AfD verkauft sich als Partei des kleinen Mannes, der kleinen Frau, während ihre Wirtschaftspolitik an vielen Stellen ziemlich genau dort ansetzt, wo der kleine Mann eben nicht besonders viel Macht hat: beim Markt, bei Unternehmen und bei der Eigenverantwortung. Dann sollte man wenigstens ehrlich sein und den Leuten nicht gleichzeitig erzählen, man würde ihnen den Arsch retten.

Die AfD hat verstanden, dass in Mecklenburg-Vorpommern viele Menschen die Schnauze voll haben. Vom Gehalt, das kaum reicht. Von Mieten, die steigen. Vom Einkauf, der immer teurer wird. Von einer Rente, bei der man sich nach Jahrzehnten Arbeit fragt, was zur Hölle man eigentlich davon hat. Von Politikern, die ständig erzählen, alles werde besser, während auf dem eigenen Konto davon verdammt wenig ankommt. Diese Wut ist echt. Und genau diese Wut hat die AfD eingesammelt. Sie sagt: Ihr seid die Vergessenen. Ihr seid die Betrogenen. Wir kämpfen für euch. Klingt erstmal geil. Nur kommt danach die entscheidende Frage: Was genau soll denn für diese Leute besser werden?

Denn schaut man ins Regierungsprogramm der AfD, wird ziemlich schnell klar, in welche Richtung die Reise gehen soll: weniger staatliche Eingriffe, mehr unternehmerische Freiheit, weniger Bürokratie, mehr Wettbewerb und Entlastungen für die Wirtschaft. Der Staat soll den Rahmen setzen, die Wirtschaft soll machen. Das ist wirtschaftsliberal. Punkt. Das ist nicht automatisch schlecht. Aber es ist eben auch nicht die große soziale Revolution für den kleinen Mann, als die es teilweise verkauft wird. Wer den Leuten erzählt, er kämpfe gegen „die da oben“, sollte irgendwann auch erklären, warum die wirtschaftliche Macht derjenigen, die Unternehmen, Kapital oder große Vermögen besitzen, plötzlich nicht mehr das Problem sein soll.

Nehmen wir einen ganz normalen Arbeitnehmer. 2.200 Euro netto, vielleicht Schichtdienst, vielleicht Familie, vielleicht 800 oder 900 Euro Miete und am Monatsende wieder die bekannte Frage: Wo ist eigentlich die ganze Kohle hin? Jetzt kommt jemand wie die AfD/CDU/FDP und sagt: Wir entlasten die Wirtschaft.

Schön. Aber was kommt davon bei diesem Arbeitnehmer an? Vielleicht mehr Investitionen. Vielleicht neue Arbeitsplätze. Vielleicht irgendwann ein höherer Lohn. Vielleicht aber auch gar nichts. Der Chef kann das Geld auch anders verwenden. Neues Auto, neue Maschine, Dividende, Rücklage – oder meinetwegen drei Wochen Malle. Dein Gehalt steigt dadurch jedenfalls nicht automatisch. Und genau deshalb ist es Bullshit, wirtschaftliche Entlastung für Unternehmen einfach mit sozialer Entlastung für Arbeitnehmer gleichzusetzen.

Wer wirklich will, dass Arbeitnehmer mehr Geld haben, muss über Löhne reden. Über Tarifbindung. Über Verhandlungsmacht. Darüber, warum jemand acht, neun oder zehn Stunden am Tag arbeitet und trotzdem kaum etwas zurücklegen kann. Darüber, warum manche Menschen mit ihrer Arbeit reich werden und andere mit derselben Arbeit gerade so über die Runden kommen. Das sind die unbequemen Fragen. Und genau die werden ziemlich schnell kompliziert. Viel einfacher ist es, dem Menschen zu sagen: Dein Problem ist der Bürgergeldempfänger. Dein Problem ist der Flüchtling. Dein Problem sind die Grünen. Dein Problem sind die da.

Und da wird es richtig perfide. Der Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen soll auf den Arbeitslosen schauen. Der Mieter, der seine Wohnung kaum noch bezahlen kann, soll auf Migranten schauen. Der Handwerker, der unter steigenden Kosten leidet, soll auf die Grünen schauen. Der Rentner, der nach 40 Jahren Arbeit mit wenig Geld dasteht, soll sich darüber aufregen, wer angeblich alles auf seine Kosten lebt. Für jedes Problem gibt es einen Schuldigen. Und erstaunlich oft steht dieser Schuldige noch weiter unten. Und am Ende ist es dann der Asylbewerber der eh das Land zerstören will, mit seiner Bezahlkarte.

Das ist der Trick: Die AfD nimmt die Wut von unten und dreht sie um. Sie sagt dem Menschen nicht: Schau dir an, wer oben sitzt und wie Geld, Eigentum und Macht verteilt sind. Sie sagt ihm: Schau mal, da unten ist einer, dem geht es angeblich besser als dir. Und schon geht die Scheiße los. Plötzlich diskutieren zwei Menschen, die beide wenig haben, darüber, wer dem anderen etwas wegnimmt. Der eine hasst den Bürgergeldempfänger, der andere den Flüchtling, der nächste die Grünen. Und während unten kräftig aufeinander eingedroschen wird, muss sich oben erstaunlich wenig verändern. Das ist die Strategie der AfD und anderer Kapitaslistengeier.

Dabei ist die Rechnung eigentlich verdammt einfach. Wenn dein Nachbar weniger Bürgergeld bekommt, bekommst du keinen Cent mehr Lohn. Wenn ein Flüchtling abgeschoben wird, wird deine Miete nicht automatisch billiger. Wenn eine staatliche Vorschrift verschwindet, landet nicht plötzlich mehr Geld auf deinem Konto. Und wenn man denjenigen unter dir noch ein Stück weiter nach unten tritt, bist du selbst dadurch keinen Millimeter weiter oben.

Genau deshalb ist die AfD für viele Menschen wirtschaftlich eine ziemlich schräge Wahl. Wer wenig besitzt und jeden Monat von seinem Gehalt lebt, hat nun einmal andere Interessen als jemand, der mehrere Wohnungen besitzt, Unternehmen kontrolliert oder von Kapitalerträgen lebt. Das ist keine linke Theorie. Das ist einfache Mathematik. Wenn du jeden Monat auf dein Gehalt angewiesen bist, brauchst du einen ordentlichen Lohn, bezahlbares Wohnen, gute öffentliche Infrastruktur und eine möglichst starke Position gegenüber deinem Arbeitgeber. Du brauchst nicht zwingend jemanden, der noch weniger hat als du, damit es dir besser geht.

Die CDU ist wirtschaftsfreundlich. Die Spaßpartei FDP ist wirtschaftsliberal und sagt das auch offen. Kann man alles machen. Bei der AfD kommt aber etwas hinzu: Sie verbindet eine in vielen Punkten marktliberale Wirtschaftspolitik mit einer verdammt erfolgreichen Wutmaschine. Sie sagt den Leuten: Ihr seid die Verlierer dieses Systems – und wir sind eure Befreiung. Gleichzeitig soll aber vieles stärker dem Markt überlassen werden. Das ist der Widerspruch, über den man reden muss. Denn wenn der Markt bisher dafür gesorgt hat, dass viele Menschen trotz Arbeit kaum Luft haben, warum soll ausgerechnet noch mehr Markt plötzlich die Erlösung bringen?

Vielleicht ist genau das die Nummer, die bei der AfD so gut funktioniert. Sie muss die soziale Wut nicht beseitigen. Sie muss sie nur bewirtschaften. Sie braucht den Frust. Sie braucht das Gefühl, dass jemand beschissen worden ist. Sie braucht den Menschen, der sagt: „Ich hab die Schnauze voll.“ Und dann liefert sie ihm jemanden, auf den er sauer sein kann. Nur ist dieser Jemand verdammt oft nicht derjenige, der tatsächlich mehr Macht oder mehr Vermögen besitzt, sondern derjenige, der noch weniger hat.

Und deshalb ist die Überschrift dieses Kommentars auch nicht einfach nur eine billige Provokation. AfD lässt ihre eigenen Wähler sich ins eigene Knie ficken. Der Satz bringt einen Widerspruch auf den Punkt: Eine Partei kann dir das Gefühl geben, du würdest endlich zurückschlagen, während ihre Politik an vielen Stellen gar nicht deine wirtschaftliche Macht stärkt. Sie kann dir erzählen, du seist Teil eines Aufstands, während du gleichzeitig dazu gebracht wirst, auf denjenigen einzuschlagen, der noch weniger hat als du.

Das ist der Moment, an dem jeder Wähler einmal kurz stehen bleiben sollte. Nicht für die AfD. Nicht gegen die AfD. Sondern für sich selbst. Was bringt mir diese Politik ganz konkret? Mehr Geld? Eine billigere Wohnung? Einen besseren Lohn? Mehr Sicherheit im Job? Mehr Einfluss gegenüber meinem Arbeitgeber? Oder bekomme ich vor allem jemanden präsentiert, auf den ich sauer sein soll?

Denn wenn du wenig hast, wird dein Leben nicht besser, nur weil jemand unter dir noch weniger bekommt. Wenn du arm bist, macht dich der Arme neben dir nicht reich. Und wenn du jeden Monat ums Geld kämpfen musst, hilft es dir nicht, wenn du deine ganze Wut auf denjenigen richtest, der noch weniger hat.

Die AfD verspricht den Menschen unten den Aufstand. Sie erzählt ihnen, sie würden endlich zurückschlagen. Aber wenn dieser Aufstand am Ende nur darin besteht, dass der eine Arme dem anderen Armen an die Gurgel geht, während über Vermögen, Eigentum und wirtschaftliche Macht kaum gesprochen wird, dann ist das keine Revolution von unten.

Dann ist es genau das, was die Überschrift sagt: Die AfD lässt ihre eigenen Wähler sich ins Knie ficken – und die da oben können sich entspannt zurücklehnen.


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