Schwerin weiß nicht, wie viele Menschen hier leben. Jedes Amt schätzt anders. Eine Recherche.

(stm/red)

Je nach Dokument leben in Schwerin 92.000 oder gar 102.000 Menschen. Eine Auswertung von 14 städtischen Konzepten und Plänen zeigt ein heilloses Durcheinander – vom falsch deklarierten Haushaltsplan bis zur zehn Jahre alten Klimarechnung. Und es geht um viel Geld: Während 158 Kommunen gegen den Zensus klagten, blieb Schwerin zu Hause. Nun drohen ab 2028 rund acht Millionen Euro weniger im Jahr.

Fragt man in Schwerin nach der Einwohnerzahl, bekommt man keine klare Antwort. Man bekommt ein Sortiment. 96.447 sagt der Zensus, 97.973 sagt die amtliche Statistik, 99.339 sagt das Melderegister. Und das ist erst der Anfang. Je nachdem, in welches städtische Konzept man schaut, leben in der Landeshauptstadt 92.000 Menschen – oder 102.000.

schwerin.news hat 15 städtische Dokumente durchsucht: Stadtentwicklungskonzepte, Klima- und Verkehrskonzepte, Lärmaktionspläne, Gebührenunterlagen, den aktuellen Haushaltsplan und die Pläne der städtischen Gesellschaften. Das Ergebnis ist ein Durcheinander mit Ansage – und mit echten Folgen für Geld, Planung und Politik.

Dreimal gezählt, dreimal etwas anderes

Zum Verständnis vorweg: Es gibt drei amtliche Zahlen, und keine stimmt mit der anderen überein. Der Zensus, die große Volkszählung, stellte im Mai 2022 fest, dass in Schwerin 96.447 Menschen leben. Das waren 1.328 weniger, als die alte Fortschreibung bis dahin angenommen hatte. Die Bevölkerungsfortschreibung rechnet von diesem Wert aus weiter – Geburten dazu, Sterbefälle weg, Umzüge dazu – und liegt derzeit bei 97.973 (Mitte 2025). Genau diese Zahl entscheidet über Geld, denn nach ihr berechnet das Land seine Zuweisungen an die Stadt. Das Melderegister schließlich zählt jeden, der hier seinen Wohnsitz anmeldet: 99.339 (Mitte 2026). Es liegt fast immer oben, weil sich längst nicht jeder abmeldet, der wegzieht.

Der Abstand zwischen Register und amtlicher Zahl beträgt derzeit rund 1.400 bis 1.900 Personen. Nach jedem Zensus wurde das Register nach unten korrigiert – 2011 um knapp 4.000 Menschen, 2022 um 1.328. Danach wächst die Lücke von Neuem. Die Stadt selbst hat das in einer Antwort an die Stadtvertretung im Juli 2026 offengelegt: Zum Stichtag 30. Juni 2022 standen 97.965 Menschen im Register, die neue Fortschreibung kam auf 96.736 – Differenz: 1.229.

Der dickste Bock steht im Haushaltsplan

Der peinlichste Fehler steht ausgerechnet da, wo es am meisten wehtut: im Haushaltsplan 2025/2026. Auf Seite 16 listet die Verwaltung die „vom Statistischen Amt ermittelte amtliche Einwohnerzahl“ auf und nennt für Ende 2024 exakt 99.687. Dazu der Satz, dies sei die „offizielle Einwohnerzahl“.

Das ist falsch. 99.687 ist die Zahl aus dem Melderegister – dieselbe Zahl, die auf der städtischen Webseite unter „Zahlen & Fakten“ als Registerstand steht. Die amtliche Zahl für Ende 2024 lautet aber 98.308. Der Haushalt etikettiert die Registerzahl als amtlich und rechnet auf dieser Grundlage alle Pro-Kopf-Werte: Schulden je Einwohner, Steuerkraft je Einwohner, alles fällt um rund 1,4 Prozent zu günstig aus. Wer durch die größere Zahl teilt, bekommt die kleineren Probleme. Praktisch – aber falsch. Weswegen das noch niemanden aufgefallen ist verwundert.

Gleichzeitig setzt derselbe Haushalt als Ziel: über 100.000 Einwohner bis 2030. In der Kennzahlentabelle steht für die Jahre 2025 bis 2028 schlicht glatt 100.000. Das ist kein Messwert. Das ist ein Wunsch.

Jedes Konzept würfelt neu

Ein Rundgang durch die städtischen Konzepte liest sich wie ein Ratespiel. Das Stadtentwicklungskonzept 2030 nennt 98.596 Einwohner und beruft sich auf das Statistische Landesamt. Was nicht dabeisteht: Der Wert stammt aus der alten Fortschreibung vor dem Zensus und war bei Erscheinen des Konzepts im Mai 2024 bereits überholt. Korrekt wären 97.614 gewesen – fast tausend weniger.

Der Lärmaktionsplan von 2020 rechnet mit rund 99.000 Einwohnern und zitiert dafür die städtische Webseite. Die amtliche Zahl lag damals bei 95.818. Über 3.000 Menschen Unterschied – und alle Prozentwerte für Lärmbetroffene sind auf der zu hohen Zahl gerechnet. Das Radverkehrskonzept von 2023 macht es genauso: „rund 99.000″ im Text, in der Stadtteiltabelle aufsummiert 98.397 aus dem Melderegister, amtlich waren es 95.609. Auch der Abfallratgeber der Stadtwirtschaft nimmt es nicht so genau: 2023 warb er mit „mehr als 96.000″, 2026 mit „mehr als 98.000″ Einwohnern. Die Pro-Kopf-Müllmenge sank im selben Zeitraum scheinbar von 475 auf 437 Kilo – gerechnet auf jeweils andere, nirgends genannte Bezugsgrößen.

Besonders schief liegt das Elektromobilitätskonzept von 2021. Es dimensioniert die Ladeinfrastruktur für eine schrumpfende Stadt: 96.005 Einwohner im Jahr 2020, dann abwärts auf 95.592 im Jahr 2025. Eine Quelle nennt das Konzept nicht. Tatsächlich lebten 2025 rund 98.000 Menschen in Schwerin. Die Ladeplanung steht also auf einer überholten Annahme – und niemand hat sie korrigiert. Das Klimaschutzkonzept von 2012 hatte für 2020 sogar nur 86.400 Einwohner prognostiziert; es wurden über 9.000 mehr. Und das Klimaanpassungskonzept arbeitet bis heute mit 96.161 Menschen vom Februar 2016. Zehn Jahre alt ist diese Zahl – sie ist trotzdem die letzte Demografie-Basis der Klimaanpassung.

Die rühmliche Ausnahme ist der Nahverkehrsplan von 2017. Er nennt beide Zahlen offen: etwa 93.000 im Register, etwa 91.000 amtlich. So einfach geht das. Alle anderen mogeln, runden oder schweigen.

Die Zukunft? Kommt darauf an, wen man fragt

Noch schräger wird es beim Blick nach vorne. Für das Jahr 2040 kursieren in der Stadtverwaltung gleichzeitig (mindestens) drei „offizielle“ Zahlen: Die Landesprognose von 2019 sagt 98.880 voraus – ein Wert, der praktisch schon 2022 fast erreicht war. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sagt 92.000 voraus – Schrumpfung. Und die städtische Pflegesozialplanung sagte 102.073 voraus – Wachstum. Zwischen der niedrigsten und der höchsten Prognose liegen rund 10.000 Menschen!

Die Stadt gibt das Problem sogar schriftlich zu. In einer Vorlage an die Stadtvertretung vom Juli 2025 heißt es wörtlich, es gebe „keine fundierte, ganzheitliche Bevölkerungsprognose, die gleichermaßen für die gesamte Stadtverwaltung gültig ist. Die Planungsstellen der Stadtverwaltung erstellen eigene Einwohnerprognosen für ihre Planungsarbeit (Pflege, Kita, Schule, etc.) und kommen da zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.“ Jedes Amt rechnet mit eigenen Zahlen. Dass dabei nichts Zusammenhängendes herauskommt, wundert niemanden, der die Dokumente gelesen hat.

Falsche Zahlen, echte Folgen: das Geld

Bei den Einwohnerzahlen geht es nicht um Eitelkeit, sondern um handfestes Geld. Das Finanzausgleichsgesetz des Landes verteilt seine Millionen im Kern nach Köpfen: Hauptansatz für die Schlüsselzuweisungen ist die Einwohnerzahl, dazu kommen Zuschläge für Kinder und für Bedarfsgemeinschaften im Bürgergeld-Bezug. Auch die Infrastrukturpauschale fließt teils pro Einwohner.

Zu Vergleichs: in Rostock entsprachen die Schlüsselzuweisungen 2020 rund 550 Euro je Einwohner – übertragen auf Schwerins Lücke von 1.229 Menschen wäre das überschlägig eine Größenordnung von 650.000 Euro pro Jahr. Obendrauf kommt der große Brocken: Weil Mecklenburg-Vorpommern beim Zensus überdurchschnittlich viele Einwohner verlor, bekommt das Land nach Angaben des Finanzministeriums rund 180 Millionen Euro im Jahr weniger aus dem Länderfinanzausgleich. Über den sogenannten Gleichmäßigkeitgrundsatz werden die Kommunen an diesem Verlust beteiligt, Schweriners Anteil daran schätzte die Verwaltung erst kürzlich auf rund acht Millionen Euro pro Jahr ab 2028. Für eine verschuldete Stadt wie Schwerin nicht wenig.

Man könnte meinen, bei solchen Summen kämpfe eine Stadt um jeden einzelnen Einwohner. Tatsächlich zogen landesweit mehr als 158 Kommunen gegen die Zensus-Bescheide vor Gericht, 136 Klagen sind noch anhängig. Drei Städte bekamen nachträglich Hunderte Einwohner gutgeschrieben: Stralsund 1.751, Heringsdorf 1.517, Barth 702. Heringsdorf beziffert seinen jährlichen Schaden auf 1,25 Millionen Euro. Wie absurd die Überprüfung ablief zeigt ein Detail: Die Erhebungsbögen waren längst vernichtet, also prüften die Beamten mit Luftbildern und Streetview-Aufnahmen. Nachgezahlt wird übrigens nichts – das Geld der vergangenen Jahre ist weg.

Und Schwerin? Blieb zu Hause. Der damalige Oberbürgermeister Badenschier hatte 2024 noch lauthals Widerspruch angekündigt und öffentlich gefragt, warum eine hochgerechnete Stichprobe genauer sein solle als das Melderegister. Geworden ist daraus nichts: „Es wurden keine Rechtsmittel gegen den Feststellungsbescheid eingelegt“, heißt es in der Antwort der Verwaltung vom Juli 2026. Die Stadt begründet das damit, dass ihr zunächst kein Nachteil entstand – im ersten Anwendungsjahr bekam sie sogar 1,6 Millionen Euro mehr als geplant, weil sie weniger Einwohner verlor als der Landesdurchschnitt. Doch das war ein Einmaleffekt aus der Umverteilung. Die Rechnung von acht Millionen kommt erst noch.

Falsche Zahlen, echte Folgen: Sitze, Sichtbarkeit, Schönrechnerei

Geld ist nicht alles. Wer die 100.000-Marke amtlich überschreitet, bekommt bei der nächsten Kommunalwahl zwei Stadtvertreter mehr: Nach dem Kommunalwahlrecht wächst die Stadtvertretung dann von 45 auf 47 Sitze. Unsichtbar, aber spürbar sind die Rankings: Der Bitkom-Smart-City-Index untersucht nur Städte ab 100.000 Einwohnern – Schwerin kommt darin schlicht nicht vor. In jeder bundesweiten Tabelle steht die Stadt als „Große Mittelstadt“, während sie sich selbst als Fast-Großstadt verkauft. Auch der Einzelhandel schaut auf die Zahl: Große Ketten steuern Sortiment und Standorte nach Stadtgrößen – wobei die Stadt in ihrer eigenen Vorlage einräumt, dass das Etikett allein noch keine Investition entscheidet. Immerhin ehrlich.

Schönrechnerei mit Ansage

Am tückischsten ist die Schönrechnerei pro Kopf. Schulden je Einwohner, Müll in Kilo je Einwohner, CO₂ in Tonnen je Einwohner, Lärmbetroffene in Prozent: Überall steht die Einwohnerzahl im Nenner. Wer die höhere Registerzahl nimmt, verkleinert auf dem Papier Schulden, Müll, Emissionen und Lärm pro kopf – ohne dass sich auf der Straße irgendetwas ändert.

Der Haushalt 2025/226 macht genau das vor. Bei Kita und Schule sieht die Stadt laut eigener Aussage keine Folgen des Zensus, beim Wohnungsbau auch nicht – dort zählten Haushalte und Wanderung mehr als Köpfe. Mag sein. Aber eine Ladeplanung, die für 95.000 Menschen dimensioniert ist, während 98.000 hier leben, und eine Klimaanpassung mit zehn Jahre alten Zahlen sprechen eine andere Sprache als die Beruhigungssätze der Verwaltung.

Die 100.000 rücken weiter weg statt näher

Lange sah es so aus, als würde Schwerin die 100.000 bald knacken und damit Großstadt werden. Doch seit Mitte 2025 sinken die Zahlen wieder, im Register wie in der amtlichen Statistik, drei mal in Folge. Das Melderegister fiel von 99.882 über 99.721 auf 99.339, die amtliche Zahl von 98.308 über 97.973 auf 97.922. Der neue Lärmaktionsplan stellt nüchtern fest, dass Schwerin „knapp unterhalb“ der Schwelle liegen würd und damit kein Ballungsraum im Sinne der EU-Richtlinie sei. Vom Haushaltsziel – über 100.000 bis 2030 – ist die Stadt nach amtlicher Zählung über 2.000 Einwohner entfernt. Und der Abstand wächst anscheinend immer weiter statt zu schrumpfen. Wer so weitermacht wie bisher, feiert die Großstadt nicht 2030, sondern nie.

Was fehlt

Die Befunde lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen. Die Stadt hat keine einheitliche, für alle Ämter verbindliche Bevölkerungsprognose. Viele Konzepte nennen Zahlen ohne Quelle und ohne Stichtag. Und der Haushalt verwechselt das Melderegister mit der amtlichen Statistik.

Das ließe sich beheben: Einigung auf eine Prognose für alle, Quellenangaben in jedem Konzept, korrekte Zahlen im Haushalt. Das Stadtentwicklungskonzept von 2015 hat eine neue Landesprognose schon einmal als „zwingend erforderlich“ bezeichnet. Passiert ist seitdem: nichts. Zehn Jahre später steht in einer städtischen Vorlage derselbe Befund – nur höflicher formuliert. Schwerin weiß nicht genau, wie viele es sind. Es weiß nur: Es werden gerade weniger. Vielleicht wäre jetzt der Moment, erst einmal sauber zu zählen – und dann zu planen.

INFOKASTEN: Die wichtigsten Zahlen im Überblick

WasStandZahl
Zensus 202215.05.202296.447
Amtliche Fortschreibung31.12.202297.614
Amtliche Fortschreibung31.12.202498.308
Amtliche Fortschreibung30.06.202597.973
Gemeindeverzeichnis31.12.202597.922
Melderegister (Hauptwohnsitz)30.06.202599.882
Melderegister (Hauptwohnsitz)31.12.202599.721
Melderegister (Hauptwohnsitz)30.06.202699.339
Haushalt 2025/26 („amtlich“)31.12.202499.687 (tatsächlich Register!)
Prognosen für 2040/45diverse92.000 bis 102.073
Stadtvertretungaktuell / ab 100.001 EW45 Sitze / 47 Sitze
Zensus-Klagen in MV2026über 158 Kommunen, 136 noch anhängig
Drohendes Minus ab 2028FAGca. 8 Mio. Euro pro Jahr


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