(stm/red)
Schwerin gewinnt Studierende, doch eine eigene staatliche Hochschule ist nicht in Sicht. Das fortgeschriebene Entwicklungskonzept setzt auf einen „Science Campus“ aus bestehenden Einrichtungen. Aber auch dafür fehlen Personal, Wohnraum und langfristige Sicherheit.
Die Stadtvertretung hat die Ansiedlung einer staatlichen Hochschule wiederholt gefordert. Die Fortschreibung des Entwicklungskonzepts für den Hochschul- und Wissenschaftsstandort Schwerin fällt allerdings ernüchternd aus: Gesprächen mit dem Land und der Hochschule Wismar bescheinigt das Papier kurzfristig „geringe Erfolgsaussichten“. Die Verfasser begründen das mit der angespannten Haushaltslage und „nicht erkennbarem politischen Willen der Entscheidungsträger“. Das von Stadt und IHK redaktionell verantwortete Konzept verweist auf eine bekannte Position der Landesregierung. Bereits 2023 hatte diese erklärt, keine eigenständige neue staatliche Universität oder Hochschule in Schwerin zu planen. Begrenzte Landesmittel und rückläufige Studierendenzahlen an den Hochschulen Mecklenburg-Vorpommerns erschweren einen Ausbau zusätzlich.
Die Fortschreibung konzentriert sich deshalb auf einen anderen Weg: Schwerin will demnach die vorhandenen Studienangebote und wissenschaftlichen Einrichtungen stärken und besser miteinander verbinden.
Der „Science Campus“ ist kein Universitätsneubau
Das Ziel trägt den Namen „Science Campus Schwerin“. Gemeint ist ausdrücklich keine neue Volluniversität. Der Begriff beschreibt vielmehr die Zusammenarbeit von Hochschulen, Berufsakademien, Kliniken, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Verwaltung. Daraus sollen gemeinsame Studien- und Weiterbildungsangebote sowie anwendungsnahe wissenschaftliche Projekte entstehen. Drei Schwerpunkte sieht das Konzept vor: Gesundheit und Versorgung, öffentliche Verwaltung, Arbeitsmarkt und duale Qualifizierung sowie die Digitalisierung von Unternehmen und Behörden. Die medizinische Ausbildung bei MSH und Helios, die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit und die technischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Technologie- und Gewerbezentrum bilden dafür bereits eine Grundlage.
Denn studiert wird in Schwerin längst. Nach Abfragen des Hochschulfördervereins waren im September 2025 knapp 1.500 Menschen an fünf akademischen Bildungseinrichtungen eingeschrieben. 2021 waren es rund 1.000. Eine amtliche Gesamtstatistik für Schwerin gibt es nicht, weil Studierende teilweise an den auswärtigen Hauptsitzen ihrer Einrichtungen erfasst werden.
Den Zuwachs führt das Konzept vor allem auf die Medical School Hamburg zurück. Für deren klinischen Studienabschnitt in Schwerin nennt es rund 650 Medizinstudierende. Die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit kommt auf etwa 660 Studierende. Schwerin fehlt somit eine eigene Landeshochschule – nicht aber akademische Ausbildung.
Außenstandorte bleiben eine Möglichkeit
Die fehlende Aussicht auf eine eigenständige Neugründung bedeutet allerdings keine Absage an sämtliche staatlichen Hochschulangebote in Schwerin. Das Konzept verweist auf den vorgesehenen Außenstandort der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow. Nach den Landesplänen sollen in Schwerin schrittweise Fort- und Weiterbildung sowie Verwaltungsstudienangebote ausgebaut werden. Der Hauptstandort bleibt in Güstrow.
Außerdem empfiehlt das Papier Gespräche über eine stärkere Präsenz der Hochschule Wismar. Geprüft werden soll ein thematisch ausgerichteter Außenstandort, etwa mit Schwerpunkten in Automatisierung, Künstlicher Intelligenz oder Wasserstofftechnologie. Das Umfeld des Technologie- und Gewerbezentrums bietet dafür Anknüpfungspunkte. Eine Ansiedlungszusage ist dieser Vorschlag jedoch nicht.
Für mittel- und langfristige staatliche Hochschulstrukturen halten die Verfasser Gespräche mit dem Land und der Hochschule Wismar weiterhin für unerlässlich. Der nüchterne Befund lautet also nicht „niemals“, sondern: kurzfristig wenig Aussicht auf Erfolg.
Schon der bestehende Standort braucht mehr Absicherung
Doch auch das Netzwerkmodell lässt sich nicht allein mit einem gemeinsamen Namen verwirklichen. Das Konzept benennt eine fehlende übergreifende Koordination und die Abhängigkeit von einzelnen Trägern, Kooperationen und engagierten Personen.
Gleichzeitig sind personelle Ressourcen weggefallen. Die IHK-Projektstelle, die sich unter anderem um die Hochschulentwicklung kümmerte, lief Ende 2024 aus. Beim ehrenamtlichen Hochschulförderverein stehen ebenfalls weniger Kapazitäten zur Verfügung. Wie konkret sich das auswirkt, zeigt das Willkommensfest für Studierende und Auszubildende: Nach der Premiere 2024 konnte eine Neuauflage laut Konzept mangels Ressourcen bislang nicht umgesetzt werden.
Auch die Zukunft einer wichtigen Einrichtung ist offen. Die derzeitige Förderung des Digitalen Innovationszentrums endet am 30. Juni 2028. Eine Weiterführung der Strukturen ist nach Angaben des Konzepts nicht gesichert. Dabei soll gerade das Zentrum Wissenschaft, Unternehmen und Verwaltung enger zusammenbringen. Hinzu kommt der Wohnungsbedarf. Die Nachfrage nach bezahlbaren, zentral gelegenen kleinen Wohnungen und WG-geeigneten Appartements übersteigt dem Papier zufolge weiterhin das Angebot. Das Vorhaben am Pappelgrund wird wegen emissionsrechtlicher Bedenken derzeit nicht weiterverfolgt. Fortschritte beim Wohnen nennt das Konzept ausdrücklich als Voraussetzung für zusätzliche Studienangebote.
Die Verfasser empfehlen deshalb ein abgestimmtes Arbeitsprogramm von Stadt, Land, Bildungseinrichtungen und Wirtschaft. Bei Wohnraum, Flächen und Vernetzung kann Schwerin selbst handeln. Über eine neue staatliche Hochschule und deren dauerhafte Finanzierung entscheidet dagegen das Land. Eine entsprechende Zusage enthält die Fortschreibung nicht.
Im Kern bleibt die nüchterne Feststellung. Uni, Nein. Ausbau Hochschulen, nein. Eher geht es sogar abwärts.
Quelle: Fortschreibung des Entwicklungskonzeptes für den Hochschul- und Wissenschaftsstandort Schwerin 2026, Stand 3. September 2026.
















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