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AfD-Leak: Warum ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern so stark betroffen ist
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Rund 421.000 interne E-Mails der AfD stehen seit dem Wochenende öffentlich im Netz, 281 Gigabyte, durchsuchbar über das Portal hexane.cc. Die AfD spricht von Postfächern, „von denen die meisten seit Jahren nicht mehr genutzt waren“. Die Daten sagen etwas anderes: Die jüngste Mail im Bestand ist auf den 12. September 2026 datiert – wenige Tage vor der Landtagswahl, gut fünf Wochen vor heute. Das ist keine Sammlung vergessener Alt-Konten, sondern die laufende Postführung eines Landesverbands mitten im Wahlkampf.

Die Bestätigung des Angriffs zitieren Süddeutsche Zeitung und tagesschau im Wortlaut; heise online zählt nach erster Sichtung rund 420.000 Mails aus zehn Postfächern, dazu mehr als 41.000 PDF-Dateien, 3.480 Textdokumente und mehrere Datenbankabzüge. Der IT-Sicherheitsexperte Mirko Ross schätzt den Schaden laut MDR als sehr groß ein; unter dem Material seien Mitgliederlisten, Finanzdaten und Ausweisdokumente.

Bundesweit drehen sich die ersten Auswertungen um die Inhalte: Berichte nennen rassistische und antisemitische Hetze, Holocaustleugnungen, Beleidigungen und Drohungen aus dem Parteibinnenraum; die taz spricht von einer Blamage. Zu den erfassten Postfächern gehören nach Medienberichten auch die von Bundessprecherin Alice Weidel und Ex-Parteichef Alexander Gauland.

Dieser Text richtet den Blick dorthin, wo schwerin.news zuhause ist. Zu den zehn erfassten Postfächern gehören das von Landeschef Leif-Erik Holm – rund 4.450 Mails, die jüngste vom 12. September 2026, gut eine Woche vor der Landtagswahl – und das Büropostfach des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern. Die Auswertung dieser Mails stützt eine Vermutung: Die Daten der Partei liegen weniger wegen eines ausgeklügelten Angriffs offen als wegen der unkoordinierten, amateurhaften Sicherheits- und Datenschutzpraxis eines Landesverbands, der mit sich selbst zerstritten ist. Und diese Vermutung lässt sich an Datum, Betreff und Absender jedes einzelnen Dokuments nachprüfen.

Zur Methode: hexane.cc veröffentlicht keine Original-Mails, sondern Absender, Empfänger, Datum, Betreff und eine maschinell erzeugte Zusammenfassung. Die AfD kritisiert genau das, das Material sei mit „sehr rudimentärer KI“ ausgewertet worden, Schlagworte statt Kontext. Deshalb steht hier jede inhaltliche Aussage so, wie es die Zusammenfassung hergibt, und unter jeder Station der Kette ein Beleg mit Datum und Betreff, zum Nachprüfen im öffentlich durchsuchbaren Index.

Die Vorgeschichte, Station für Station

Kurz gesagt: Der Landesverband hat seine wichtigsten Postfächer jahrelang auf private Konten umgeleitet und Passwörter offen durch den Mailverkehr geschickt. Die Belege stehen jeweils darunter, jede Station ist im Archiv auffindbar.

Dezember 2020: Das Landesbüro lässt das komplette Postfach des ausgeschiedenen Vorstandsmitglieds Gunter Jess stillschweigend auf Landeschef Leif-Erik Holm umleiten. Der IT-Dienstleister notiert laut Zusammenfassung, er halte das datenschutzrechtlich für sehr fragwürdig – und führt es aus.

Beleg: „Re: Änderung im Mail im Landevorstand MV“, 11. Dezember 2020 – Suche im Index.

November und Dezember 2022: Die Landesgeschäftsstelle bittet mehrfach um neue Zugangsdaten für das Postfach von Landessprecher Enrico Schult, als Wiederherstellungsadresse dient eine private Gmail-Adresse. Die Zugangsdaten gehen unverschlüsselt an den externen Dienstleister; eine der Mails räumt selbst ein, dass die Geschäftsstelle unverschlüsselte Post nutzt.

Beleg: „Mailadresse Landesvorstand“, November und Dezember 2022 – Suche im Index.

März 2025: Der IT-Dienstleister GANZRUND richtet zwei Postfächer so um, dass Buchhaltung und Spenden des Landesverbands an eine private Gmail-Adresse weitergeleitet werden – nach den Unterlagen die einer ehemaligen Mitarbeiterin. Geld, Rechnungen, Quittungen, alles bei einem privaten Freemail-Konto.

Beleg: „AW: Mailadresse“, 14. und 17. März 2025 – Suche im Index.

Juli 2025: Der Verband lässt beim Dienstleister prüfen, ob das Vorstandspostfach noch immer an eine private t-online-Adresse weitergeleitet wird. Die Frage lautet nicht, ob so etwas eingerichtet werden soll – sie lautet, ob es noch läuft. Die Adresse gehört dem Landesvorstandsmitglied Jens Schulze-Wiehenbrauk, der von ihr aus über Jahre an Vorstandsabstimmungen teilnahm.

Beleg: „AW: ältere Mails“, 4. Juli 2025 – Suche im Index.

Anfang 2026 wird es zur Gewohnheit: Im Januar geht ein neues Parteimanager-Passwort im Klartext ans Büro, im März die Zugangsdaten zur internen AfD-Cloud – das Passwort lautet „Landesvorstand.123“. Im Mai verschickt die Bundesgeschäftsstelle Akkreditierungs-Passwörter für den Landesparteitag unverschlüsselt, die Fußzeile der Mail räumt die fehlende Verschlüsselung selbst ein.

Beleg: „Rücksetzung Passwort“, Januar 2026 – Suche im Index.

Anfang Juni 2026, mitten im Wahlkampf, die entscheidende Umstellung: Der Dienstleister GANZRUND legt die drei zentralen Funktionspostfächer – vorstand@, buero@, mitglieder@afd-mv.de – auf ein einziges Konto zusammen. Das Passwort kommt als unverschlüsselter Link per Mail. Wenige Tage später bestätigt der Hoster Alternita das Arrangement; die Zusammenfassung dieser Mail nennt als Ziel ein privates Google-Konto.

Beleg: „AW: E-Mail Zugänge AfD-MV“, 2. und 3. Juni 2026 – Suche im Index.

Am 8. Juni, in derselben Woche, geht ein rund zehn Megabyte schwerer Umlaufbeschluss durch denselben Verteiler: die Kündigung der Leiterin der Landesgeschäftsstelle, der Frau, die die Postfächer bis dahin verwaltet hat – so die Einordnung des Archivs. Im März war ihre Klageschrift samt Ladung zum Arbeitsgericht bereits durch den Verteiler des Landesvorstands gegangen.

Beleg: „Umlaufbeschluss: Beispiel Dokumentation“, 8. Juni 2026 – Suche im Index.

Am 11. Juni bestätigt der Dienstleister die Weiterleitung aller drei Postfächer erneut, wieder mit Passwort-Link – und mit falsch geschriebenen Adressen mitten im Verteiler.

Beleg: „AW: Problem bei Vorstandsmail AfD-MV“, 11. Juni 2026 – Suche im Index.

Der Sommer setzt die Serie fort: Das Passwort des Mitgliederpostfachs wird auf Nachfrage im Klartext zurückgeschickt (22. Juni), ein Anbieter fragt ein SMTP-Passwort per Mail ab (31. Juli), Zugangsdaten für das Veranstaltungs-Postfach gehen als offener Link raus (10. August), Ende August bestellt das Büro sechs weitere Adressen – die Passwörter wieder im Klartext (26. August).

Beleg: „Re: Passwort Nachfrage“, 22. Juni 2026 – Suche im Index.

Was die Parteierklärung nicht aushält

Für Mecklenburg-Vorpommern ist die Erklärung falsch, und sie ist mehr als falsch: „Offenbar Teile einiger weniger Mail-Postfächer – von denen die meisten seit Jahren nicht mehr genutzt waren“, heißt es dort. Dieselben Postfächer wurden im Juni 2026 auf Anweisung des Landesverbands umgestellt, im August 2026 bestellte das Büro dort neue Passwörter, die jüngste Mail im Bestand ist vom 12. September 2026. In Holms Postfach liegen über 500 Mails allein aus dem Wahljahr, im Büropostfach des Landesverbands fast 200. Das ist keine Ungenauigkeit: Der Verband hat diese Postfächer bis in den Landtagswahlkampf hinein selbst verwaltet – er musste wissen, dass sie in Gebrauch waren. Die AfD hat in ihrer ersten Stellungnahme gelogen.

„Seit Jahren nicht mehr genutzt“, sagt die AfD. Die jüngste Mail im Bestand ist auf den 12. September 2026 datiert, gut eine Woche vor der Landtagswahl. In Holms Postfach liegen über 500 Mails allein aus dem Wahljahr, im Büropostfach des Landesverbands fast 200 – darunter die komplette Postfachumstellung im Juni und die Passwort-Mails des Sommers. Und der Hosting-Dienstleister, über den der Angriff gekommen sein soll, ist kein Unbekannter: Alternita ist dieselbe Firma, die in den Mails des Verbands die Postfächer verwaltete, die Weiterleitungen bestätigte und die Passwort-Links verschickte.

Der Befund

Ein Angriff war kaum nötig, um an die Post heranzukommen. Wie die Täter genau hineinkamen, kann nur jemand mit den Zugriffsprotokollen sagen.

Das E-Mail-Chaos war die Schwachstelle, und das ist kein Eindruck, sondern ein Befund: Passwörter im Klartext, zentrale Post auf privaten Konten, ein einzelnes Konto, über das am Ende alles lief. Wer eine dieser Türen öffnen konnte, brauchte die anderen nicht. Ob die Angreifer tatsächlich durch eine dieser Türen kamen, zeigt das Archiv nicht – die Zugriffsprotokolle liegen bei den Dienstleistern. Aber die Frage, ob es überhaupt eines Angriffs bedurft hätte, beantworten die Dokumente an jeder Station von neuem: nein.

Schon im Dezember 2020 wies der eigene IT-Dienstleister des Landesverbands auf die datenschutzrechtlichen Bedenken hin. Sechs Jahre später stand die Post eines ganzen Landesverbands im Netz.

Auch berichtet bei: Ostsee-Zeitung und Nordkurier.

Quellen: hexane.cc (Index und maschinelle Zusammenfassungen, abgerufen am 20. und 21. Oktober 2026), Süddeutsche Zeitung, tagesschau, heise online, MDR, taz, dpa (via Nordkurier).

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(red)

Titelbild: KI-generierte Illustration – Hintergrund vom Rechner erzeugt, AfD-Logo und Textgrafik redaktionell eingearbeitet.

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