(stm) Vor nahezu genau sechzig Jahren endete ein Fluchtversuch dreier Schweriner Jugendlicher über die Ostsee tödlich. Reinhold Brückner, Christian Block und Bernd Peter Dibbern waren im Sommer 1965 fest entschlossen, der DDR zu entkommen. Sie wollten schwimmend den Weg in den Westen wagen. Was für sie ein Aufbruch in ein anderes Leben werden sollte, wurde zu einer Tragödie, die heute kaum jemanden in Schwerin in Erinnerung geblieben ist.
Die Jugendlichen hatten ihren Plan über Monate hinweg vorbereitet. In Seen (Faule See, Ostorfer See) rund um Schwerin trainierten die Jugendlichen Fußballer von der Paulshöhe wochenlang ihre Ausdauer und versuchten, sich an die niedrigen Wassertemperaturen zu gewöhnen.
Am 28. August 1965 machten sie sich schließlich auf den Weg. Mit dem Zug fuhren sie in Richtung Ostsee, von dort aus ging es zu Fuß weiter nach Barendorf. Dort wollten sie in der Dunkelheit ins Wasser steigen und der Fahrrinne folgen, um das rettende Westufer zu erreichen. Es war ein riskanter Versuch, doch die Hoffnung auf Freiheit wog für sie schwerer als die Gefahren.
Die Flucht endete tödlich. Am 7. September wurde die Leiche von Bernd Peter Dibbern in der Ostsee gefunden, wenige Tage später, am 11. September, entdeckte man Christian Block. Am 13. September schließlich wurde auch Reinhold Brückner am Strand von Barendorf angespült. Damit war klar, dass keiner der drei Jugendlichen überlebt hatte. Brückner und Block wurden am 25. September 1965 auf dem Alten Friedhof in Schwerin in einem Doppelgrab beigesetzt, Dibbern erhielt in seinem Heimatort Neu Kaliß seine letzte Ruhestätte.
Über die genauen Todesumstände gibt es bis heute unterschiedliche Wahrnehmungen. Die offizielle Dokumentation zu DDR Zeiten, darunter Obduktionsberichte und Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit, sprechen von Tod durch Ertrinken.
Hinweise auf Schusswaffengebrauch fanden sich nach Ansicht des DDR Regimes nicht. Doch in den Erinnerungen der Angehörigen bleibt der Zweifel bestehen. Eltern sprachen damals von Verletzungen, die wie Schusswunden gewirkt haben. Die Schweriner Tageszeitungen diffamierten die Jugendlichen. Langjährige Haftstrafen und Jugendwerkhof für vermeintliche Mitwissende waren die Folge. Jugendgruppen der Stadt wurden in der Folgezeit durch die Stasi in Schwerin verstärkt unter Beobachtung genommen – weitere Zersetungsmaßnahmen folgten.
Der Fall der drei Schweriner Jugendlichen reiht sich ein in eine lange Liste tödlich gescheiterter Fluchten über die Ostsee. Nach Schätzungen von Historikern kamen zwischen 1961 und 1989 mindestens 174 Menschen bei dem Versuch ums Leben, die DDR über das Meer zu verlassen. Auch das zeigt: Die innerdeutsche Grenze bestand nicht nur aus Mauern, Zäunen und Wachtürmen, sondern machte selbst das Meer zu einer tödlichen Barriere.
Sechzig Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod erinnert heute ein Gedenkort auf dem Alten Friedhof in Schwerin an die drei Jugendlichen. Dort haben Besucher die Möglichkeit, über einen QR-Code digitale Inhalte abzurufen, die von Schülern des Gymnasiums Fridericianum gestaltet wurden.
Der Wunsch nach Freiheit, der Mut, alles dafür zu riskieren, und die Härte eines Systems, das selbst junge Leben zerstörte, dürfen nicht vergessen werden. Der 60.te Jahrestag ist daher für http://www.schwerin.news Anlass genug über die drei Jugendlichen Schweriner zu berichten.















