(stm)
Ein kleines Team aus Schwerin fährt seit Beginn des russischen Angriffskrieges regelmäßig in die Ukraine. Nicht irgendwohin, sondern immer wieder auch in Orte nahe der Front. Mehr als 200 Tonnen Hilfsgüter sollen so bereits angekommen sein. Anfang Juni steht die 50. Fahrt bevor. Erstmals soll ein großer Lkw mitrollen. Doch kurz vor dem Start fehlt Geld für das Einfachste: Diesel.
Die Nachricht kam an einem Morgen, an dem Daniel Melchert eigentlich mit Buchhaltung beschäftigt war. Zwei Frauen aus der Ukraine, die der Schweriner Verein „Hilfe für Tier und Mensch e.V.“ von seinen Fahrten kannte, seien bei einem Luftangriff in Kostjantyniwka gestorben. „Zwei sehr aufopferungsvolle und liebevolle Ukrainerinnen“, schreibt Melchert. Es sei eine Nachricht, die die Stimmung „natürlich etwas drückt“.
Man könnte über die 50. Fahrt des Vereins nun als Jubiläum schreiben. Über Engagement, Ehrenamt, Spendenbereitschaft, Durchhaltevermögen. Man könnte die üblichen warmen Worte finden. Doch das würde dem, was Melchert schildert, nicht gerecht.
Denn diese 50. Fahrt ist kein Vereinsausflug mit rundem Anlass. Sie ist Teil einer Hilfsarbeit, die seit mehr als vier Jahren an Orte führt, an denen Krieg nicht Nachricht ist, sondern Alltag. Dorthin, wo Menschen in Kellern ausharren. Wo Hunde auf Höfen zurückbleiben. Wo Brücken gesprengt sind. Wo Handys sich plötzlich ins russische Netz einwählen. Wo ein Checkpoint-Soldat sagt: Beeilt euch, wir haben Hinweise auf einen Angriff.
Und nun steht ausgerechnet diese 50. Fahrt auf der Kippe. Nach Angaben des Vereins fehlen aktuell exakt 1.250 Euro für Dieselkosten.
Aus einem halbvollen Transporter wurden mehr als 200 Tonnen Hilfe
Begonnen habe alles im März 2022, kurz nach Beginn des großen Krieges. Es sei damals „eine Fahrt ins Ungewisse“ gewesen, erinnert sich Melchert. Zwar habe der Verein auch vorher schon Fahrten in die Ukraine unternommen. Aber nach dem russischen Angriff war alles anders.
Auf dieser ersten Fahrt habe das Team ein älteres Ehepaar mit neun Hunden mit nach Polen nehmen können. Die beiden seien zuvor ohne Auto aus Tschernihiw bis nach Lemberg gekommen. Mit ihren Tieren. Auf der Flucht. „Sie sagten uns, dass wir ihre letzte Hoffnung waren, da ihnen sonst kaum einer half“, schreibt Melchert.
Dieser Satz erklärt mehr als jede Selbstdarstellung. Für manche Menschen und Tiere ist Hilfe nicht abstrakt. Sie kommt nicht als Konzept. Sie kommt in einem Transporter. Manchmal aus Schwerin.
Seitdem ist aus einem kleinen Anfang eine dauerhafte Hilfsstruktur geworden. Mehr als 200 Tonnen Hilfsgüter für Menschen und Tiere habe der Verein nach eigenen Angaben inzwischen in die Ukraine gebracht. Futter, Sachspenden, Hilfen für Menschen, Unterstützung für Tiere. Getragen von einem sehr kleinen Team, häufig nur zu zweit unterwegs.
„Für uns ist diese 50. Fahrt ein kleines Highlight“, schreibt Melchert. „Mit so einem kleinen Team so viel zu bewegen – manchmal bin ich selbst verwundert, wie das alles klappt.“

Luftalarm nach dem Einschlafen
Die ersten Nächte in der Ukraine nach Kriegsbeginn haben sich eingebrannt. Melchert schildert einen Checkpoint, an dem einem Soldaten ein russischer Stempel in seinem Reisepass auffiel. Es folgten Nachfragen. Später, kaum in der Unterkunft angekommen, kam der Luftalarm.
„Es knallte an der Tür, alle sollten in den Keller“, schreibt Melchert. „Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Es war zu dem Zeitpunkt komplettes Neuland.“
Heute klingt er anders. Nicht unbekümmert. Eher wie jemand, der gelernt hat, dass Angst allein keine Entscheidung ersetzt. „Heute wissen wir, dass wir weiterschlafen können bei Alarm“, schreibt er. Das Motto vieler Ukrainer, dem sich auch der Verein angeschlossen habe, laute: „Lieber gleich tot als lebendig verschüttet.“
Das ist kein Satz für eine Dankesurkunde. Es ist ein Satz aus einem Land, in dem Menschen abwägen müssen, ob sie bei Alarm in den Keller gehen oder im Bett liegen bleiben. Weil auch der Keller zur Falle werden kann.
Eine Drohne über der Straße
Eine weitere Fahrt führte das Team in die Region Charkiw, kurz nachdem diese befreit worden war. Für die Grenzregion zu Russland habe man Sondergenehmigungen gebraucht. Es wurde dunkel. Das Handy wählte sich bereits ins russische Netz ein. In der Ferne seien die Lichtkegel russischer Städte zu sehen gewesen.
An einem ukrainischen Checkpoint fragte ein Soldat, was sie dort machten. Als Melchert sagte, sie wollten zurück nach Charkiw, habe der Soldat geantwortet, sie sollten sich beeilen. Man habe Informationen, dass die Russen gleich angreifen könnten.
Kurz darauf waren Brücken auf der Straße gesprengt. Das Team suchte nach einer anderen Route. Dann tauchte über ihnen eine Drohne auf.
„Wir setzten uns sofort in Bewegung, die Drohne hinterher“, schreibt Melchert. Irgendwann fanden sie eine Alternative zur zerstörten Brücke. Die Drohne ließ ab. Später habe man ihnen mitgeteilt, es habe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine russische Drohne gehandelt.
Es sind solche Schilderungen, die zeigen, was in dem schlichten Wort „Hilfsfahrt“ alles verschwinden kann. Hilfsfahrt klingt nach Kisten, Ladefläche und Übergabe. In Wahrheit kann es auch heißen: Dunkelheit, gesprengte Straßen, Checkpoints, Drohnen, Weiterfahren.
Tee trinken, während Panzer durchs Dorf rollen
Trotzdem erzählt Melchert nicht nur von Gefahr. Er erzählt von Begegnungen. Von Menschen, die bleiben. Von Menschen, die teilen, obwohl sie selbst kaum noch Sicherheit haben.
In Lypzi, einem Ort nahe der Front, habe der Verein immer wieder Genehmigungen gebraucht, um überhaupt hineinzukommen. Für die Öffentlichkeit sei der Ort gesperrt gewesen. Doch wenn sie dort ankamen, hätten die Menschen sie kaum wieder losfahren lassen.
„Es entwickelten sich Freundschaften“, schreibt Melchert. „Während die Panzer durch das Dorf rollten und die Artillerie Richtung Charkiw über einen flog, saß man dort beim Abendessen.“
Auch die beiden Frauen aus Kostjantyniwka, deren Tod Melchert nun erreichte, beschreibt er als Menschen, die trotz eigener Gefahr Zeit für andere hatten. „Jedes Mal, egal wie schwierig die Lage war, musste die Zeit sein, um einen Tee zu trinken und etwas zu essen.“ Die Frauen hätten sich teilweise mehr Sorgen um sein Leben gemacht als er selbst.
Hier liegt die eigentliche Härte dieser Geschichte. Die Hilfe geht nicht an anonyme Empfänger. Sie geht zu Menschen, mit denen man Tee getrunken hat. Zu Menschen, die man wiedersehen wollte. Zu Menschen, über die irgendwann eine Todesnachricht kommt.
Hunde mit Namen, Hunde ohne Chance
Der Verein heißt „Hilfe für Tier und Mensch“. Das ist nicht schmückend gemeint. Tiere sind ein zentraler Teil der Arbeit. Hunde in verlassenen Dörfern. Verletzte Tiere. Zurückgelassene Haustiere. Ganze Hundefamilien in der Nähe der russischen Grenze.
In einem Dorf traf das Team einen alten Hund. Sie nannten ihn „Charkiw“. Er sei 14 Jahre alt gewesen, habe einen Abszess gehabt und sei von seinen Besitzern sechs Monate auf einem Hof zurückgelassen worden. Nachbarn hätten ihn gefüttert. Der Verein evakuierte ihn und brachte ihn in eine Klinik.
Später begegnete das Team im selben Dorf einer Hündin namens Mira. „Sie kam auf uns zu und fiel einfach um“, schreibt Melchert. Die Helfer brachten sie in eine Tierklinik. Nach der Quarantäne konnte sie reisen. In Deutschland wurde Blutkrebs diagnostiziert. Drei Tage später starb sie.
„Ihre Schreie, vor lauter Angst und Schmerzen, werde ich nie vergessen“, schreibt Melchert. „Es war, als hätte sie nur darauf gewartet, in Sicherheit einschlafen zu können.“
Auch aus einem Dorf nahe der russischen Grenze habe der Verein eine Hundefamilie evakuiert, die heute in neuen Familien lebt. In Torezk, unter Beschuss, seien ihnen Hunde begegnet, die trotz allem freundlich und zutraulich gewesen seien. „Um uns rum Beschuss, überall Einschläge. Die Hunde waren so freundlich und nett.“
Solche Sätze sind schwer auszuhalten. Aber sie machen greifbar, warum Menschen weiterfahren, obwohl sie längst Gründe hätten, es nicht mehr zu tun.

„Teilweise sind wir noch die Einzigen, die überhaupt kommen“
Melchert beschreibt die Arbeit seines Vereins nicht als Heldengeschichte. Eher als Verpflichtung, die mit jeder Fahrt größer geworden ist. Vor Ort sei über die Jahre ein Netzwerk entstanden. Menschen wüssten, dass Hilfe kommt. Tiere und Menschen seien darauf angewiesen.
„Tiere und Menschen in der Ukraine verlassen sich auf uns“, schreibt er. „Teilweise sind wir noch die Einzigen, die überhaupt zu ihnen kommen.“
Das ist der Satz, um den sich die 50. Fahrt dreht.
Anfang Juni soll der nächste Konvoi starten. Erstmals will der Verein neben den Transportern auch einen großen Lkw mitrollen lassen. Ziel ist es, tonnenweise Futter und Hilfsgüter mitzunehmen. Mehr Hilfe auf einmal. Mehr Wirkung. Mehr Verantwortung.
Doch im Moment fehlt Geld für Diesel. Nicht für Verwaltung. Nicht für Hochglanz. Nicht für Symbolik. Für Diesel.
1.250 Euro entscheiden über den Start
Die Summe ist klar benannt: 1.250 Euro fehlen nach Angaben des Vereins aktuell, um den Konvoi in Bewegung zu setzen. Die allgemeine Spendenmüdigkeit treffe auch die Arbeit des Schweriner Vereins hart.
Was passiert, wenn das Geld nicht rechtzeitig zusammenkommt?
„Eine gute Frage“, schreibt Melchert. „80 Prozent aller Kosten haben wir bisher selbst stemmen können. Ob wir es in diesem Fall erneut schaffen, ist fraglich. Aber natürlich würden wir nichts unversucht lassen.“
Das klingt nicht nach Drohung. Es klingt nach Erschöpfung. Nach jemandem, der schon viel selbst getragen hat und trotzdem nicht aufhören will. Aber auch nach einem Punkt, an dem es ohne Hilfe schwer wird.
Melchert formuliert vorsichtig. Er wolle von den Schwerinerinnen und Schwerinern nichts „erwarten“. Das klinge zu hart. Aber er hoffe, dass Menschen die Arbeit sehen, verstehen und unterstützen.
„Wir hoffen, dass man uns unterstützt, sich für uns und unsere Arbeit interessiert und vielleicht auch selbst Interesse daran findet“, schreibt er. Neben finanzieller Unterstützung brauche der Verein auch vor Ort Hilfe bei unterschiedlichen Aufgaben. Im Moment aber gehe es vor allem um die Tankkosten.
„In erster Linie hoffen wir aktuell, dass die Schwerinerinnen und Schweriner uns helfen, die Tankkosten gestemmt zu bekommen und einen Teil dazu beitragen, Tieren und Menschen in Not zu helfen.“
So kann geholfen werden
Der Verein sucht kurzfristig sogenannte Sprit-Paten und Unterstützer, damit die 50. Hilfsfahrt Anfang Juni starten kann.
Spenden per PayPal sind möglich über: hilfe-fuer-tier-und-mensch@web.de
Der direkte PayPal-Spendenlink lautet: https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=JQ8CWF7BGA56N
Per Überweisung kann an folgendes Konto gespendet werden:
Hilfe für Tier und Mensch e.V.
IBAN: DE38 8306 5408 0005 3958 60
Für Rückfragen ist Daniel Melchert telefonisch erreichbar unter: 0157 / 51676797
Am Ende steht eine einfache Rechnung. 50 Fahrten. Mehr als 200 Tonnen Hilfe. Ein kleines Team aus Schwerin. Ein Lkw, der Anfang Juni erstmals mitrollen soll. Und 1.250 Euro Dieselgeld, die darüber entscheiden können, ob Hilfe ankommt oder stehen bleibt.
Manchmal ist Solidarität ein großes Wort. In diesem Fall hat sie einen ziemlich konkreten Preis pro Tankfüllung.
Fotos: Hilfe für Tier und Mensch e.V.

















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