(stm/red)
Auf Anfrage von schwerin.news bestätigt die Landeshauptstadt: Vor der Adju-Beauftragung gab es keine Prüfung möglicher Interessenkonflikte. Gleichzeitig waren Überschneidungen im Umfeld von Adju, maxpress und hauspost teilweise bekannt.
Die Debatte um die geplante Neubesetzung der Werkleitung des Zentralen Gebäudemanagements Schwerin bekommt eine neue Qualität. Auf Anfrage von schwerin.news bestätigt die Landeshauptstadt Schwerin, dass vor der Beauftragung der Adju Kompetenzentwicklung GmbH keine Prüfung möglicher Interessenkonflikte stattfand.
Auf die Frage, ob vor der Beauftragung geprüft wurde, ob mögliche Interessenkonflikte bestehen könnten — etwa durch Gesellschafterstrukturen, Kooperationspartner oder wirtschaftliche Beziehungen zu kommunalen Unternehmen — antwortete die Stadt knapp: „Nein.“
Gleichzeitig teilt die Stadt mit, dass der Verwaltungsleitung, der Geschäftsführung der Gesellschaft für Beteiligungsverwaltung Schwerin mbH und der Werkleitung des ZGM Überschneidungen zwischen Adju, maxpress, hauspost, Kopf Box Kollektiv oder weiteren verbundenen Strukturen „teilweise bekannt“ waren.
Damit steht ein zentraler Punkt fest: Es wurde nicht geprüft, obwohl Überschneidungen zumindest teilweise bekannt waren.
Compliance wurde nicht aktiv
Auch die Compliance-Stelle der Landeshauptstadt hat den Vorgang bislang nicht geprüft. Der Sachverhalt sei dort „aus der Presse bekannt“. Ein Hinweis im Sinne des Hinweisgeberschutzgesetzes liege jedoch nicht vor. Da kein solcher Hinweis gegeben worden sei, sei auch keine Prüfung erfolgt.
Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Versteht die Stadt Compliance als aktives Frühwarnsystem — oder nur als Reaktion auf formale Hinweise?
Gerade bei kommunalen Unternehmen und Eigenbetrieben geht es nicht nur um nachgewiesene Regelverstöße. Es geht um öffentliche Mittel, Vertrauen in unabhängige Entscheidungen und die Vermeidung des Anscheins sachfremder Einflussnahme.
Ausgangspunkt war die ZGM-Personalie
Auslöser der Debatte war die geplante Neubesetzung der Werkleitung des Zentralen Gebäudemanagements Schwerin. Zunächst hatten die Ostsee-Zeitung und anschließend der Bund der Steuerzahler Mecklenburg-Vorpommern Fragen zu dem Verfahren aufgeworfen. schwerin.news hatte darüber berichtet und bei der Stadt nachgehakt.
Nach der vorliegenden Beschlusslage wurde die Stelle ausschließlich stadtverwaltungsintern ausgeschrieben. Es gingen zwei Bewerbungen ein. Nach Prüfung der fachlichen Voraussetzungen erfüllte nur eine Bewerbung die Anforderungen. Anschließend wurde eine externe Kompetenzdiagnostik eingeholt.
Die Stadt betont, die externe Beratung sei nicht in die Personalentscheidung eingebunden gewesen. Das ändert aber nichts daran, dass das Kompetenzprofil im Verfahren genutzt und als Teil der Begründung herangezogen wurde. Bei nur einer formal geeigneten Bewerbung ist eine solche Einschätzung ein relevanter Baustein des Verfahrens.
Gerade deshalb ist die fehlende Prüfung möglicher Interessenkonflikte erklärungsbedürftig.
Maxpress-Wahlkampf war bekannt — keine Sonderprüfung
schwerin.news fragte die Stadt auch, ob der Compliance-Stelle bekannt sei, dass maxpress im Oberbürgermeisterwahlkampf 2026 für Sebastian Ehlers tätig war.
Die Antwort lautet: „Ja.“
Eine gesonderte Überprüfung sieht die Stadt dennoch nicht als notwendig an.
Auch das ist bemerkenswert. Ein Wahlkampfauftrag ist für sich allein kein Beleg für einen Regelverstoß. Aber wenn eine Agentur im OB-Wahlkampf tätig war und zugleich im Umfeld kommunaler Unternehmen, Medien, Anzeigen, Öffentlichkeitsarbeit und verbundener Beratungsstrukturen eine Rolle spielt, liegt die Frage nach Transparenz und Compliance auf der Hand.
Die Stadt sieht nach eigener Aussage keinen zusätzlichen Prüfbedarf.
Fast alle kommunalen Unternehmen schalten in der hauspost
Zur hauspost bestätigt die Stadt, dass mit Ausnahme von GBV, Zoo, NGS und AQS derzeit alle kommunalen Unternehmen und Eigenbetriebe Anzeigen im Stadtmagazin hauspost schalten. Herausgeber ist die maxpress agentur für kommunikation GmbH & Co. KG.
Eine Ausschreibung hierzu sei zuletzt 2026 erfolgt. Der Aufwand für eine Seite inklusive Druck, Papierlieferung und Vertrieb liege aktuell bei etwa 2.200 Euro.
Damit bestätigt die Stadt, dass ein großer Teil des kommunalen Unternehmensumfeldes regelmäßig entgeltlich in einem Medium präsent ist, das von maxpress herausgegeben wird. Eine vollständige Aufschlüsselung nach Unternehmen, Jahren, Beträgen und Vergabearten liefert die Stadt jedoch nicht.
Die weitergehende Frage von schwerin.news, welche Aufträge die Stadt, ihre Eigenbetriebe und kommunalen Gesellschaften in den vergangenen fünf Geschäftsjahren an Adju, maxpress, hauspost, Kopf Box Kollektiv oder verbundene Strukturen vergeben haben, beantwortet die Stadt nicht im Detail. Begründet wird dies mit dem Aufwand der Recherche und möglichen Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.
Gerade diese Übersicht wäre für die öffentliche Bewertung wichtig. Denn bei möglichen Verflechtungen geht es nicht nur um einzelne Rechnungen, sondern um Summe, Wiederholung, Auftraggeber, Vergabeart und bekannte Überschneidungen.
Mehr als 55.000 Euro für Adju-Leistungen
Für Adju nennt die Stadt mehrere konkrete Leistungen. 2026 führte Adju bei den Stadtwerken einen Coachingprozess auf Geschäftsführungsebene für 2.500 Euro netto durch.
2025 beauftragte die GBV eine zweitägige Schulungsveranstaltung für zehn Geschäftsführungen und Werkleitungen für 4.239 Euro netto. Ebenfalls 2025 wurde für die GBV eine Kompetenzdiagnostik und ein Kompetenzprofil für eine Nachwuchsführungskraft erstellt. Kosten: 1.688 Euro netto.
Beim ZGM führte Adju 2025 eine Kompetenzfeldanalyse für zwölf Führungskräfte durch. Kosten: 18.700 Euro. Nach Darstellung der Stadt ging es dabei um persönliche Kompetenzentwicklung für spätere Entwicklungsgespräche; die Analysen seien nicht Bestandteil von Auswahlverfahren gewesen.
Auch die Kita gGmbH beauftragte Adju. 2025 wurden für 25 Führungskräfte Kompetenzprofile erstellt und Interviews geführt. Daraus sollte eine Weiterbildungsstrategie entwickelt werden. Kosten: rund 18.000 Euro.
Hinzu kommen weitere Leistungen: 2024 ein Teamworkshop in einer Kindertagesstätte für rund 2.800 Euro, 2023 eine zweitägige Schulungsveranstaltung für elf Geschäftsführungen und Werkleitungen für 4.231,90 Euro netto sowie 2022 die Begleitung und Moderation von Mitarbeitergesprächen bei der Kita gGmbH im Zusammenhang mit der Einführung eines Zeiterfassungssystems für rund 3.000 Euro.
Allein die bezifferten Adju-Leistungen summieren sich damit auf mehr als 55.000 Euro. Nicht alle genannten Leistungen sind vollständig beziffert. Die aktuelle Kompetenzdiagnostik zur ZGM-Personalie wird in der Antwort nicht gesondert mit einem Betrag ausgewiesen.
Keine gesonderten Regeln bei Interessenkonflikten
Besonders aufschlussreich ist die Antwort auf die Frage nach Regeln zur Prüfung möglicher Interessenkonflikte vor der Beauftragung externer Beratungs-, Coaching-, Kommunikations-, PR- oder Personaldienstleistungen.
Die Stadt teilt mit: Für die Landeshauptstadt Schwerin existieren keine gesonderten Regelungen zur Prüfung von Interessenkonflikten bei Vergabeentscheidungen. Für kommunale Unternehmen enthalte der Public Corporate Governance Kodex Regelungen für Geschäftsführungen und Aufsichtsräte.
Damit entsteht ein deutlicher Widerspruch zwischen Kontrollanspruch und Kontrollpraxis. Auf dem Papier verfügt Schwerin über ein engmaschiges System: Aufsichtsräte, Werkausschüsse, Stadtvertretung, Beteiligungsverwaltung, Wirtschaftsprüfer, Compliance-Strukturen und Kodex-Regeln. Im konkreten Fall wurde aber nicht geprüft.
Keine Prüfung vor der Adju-Beauftragung. Keine Compliance-Prüfung ohne formalen Hinweis. Teilweise bekannte Überschneidungen. Bekannte Wahlkampfrolle von maxpress. Keine gesonderte Überprüfung. Keine vollständige Auftragsübersicht.
Das ist kein Nachweis für einen Rechtsverstoß. Aber es ist ein klarer Hinweis auf eine Lücke im Kontrollsystem.
Die Stadt muss erklären, was Kontrolle wert ist
Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr nur, ob die ZGM-Personalie formal korrekt vorbereitet wurde. Die entscheidende Frage lautet: Was ist Schwerins Compliance-System wert, wenn es bei teilweise bekannten Überschneidungen nicht automatisch prüft?
Öffentliche Unternehmen arbeiten mit öffentlichem Geld. Sie vergeben Aufträge, buchen Anzeigen, beauftragen Beratungen, lassen Führungskräfte coachen und treffen Personalentscheidungen auf Leitungsebene. Genau deshalb müssen mögliche Interessenkonflikte nicht erst dann relevant werden, wenn ein formaler Hinweis eingeht oder Medien berichten.
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