(stm/Meinung)
Schwerin und Tallinn sind seit 1993 Partnerstädte. Mehr als drei Jahrzehnte Austausch, Besuche und gemeinsame Projekte – eine Erfolgsgeschichte, möchte man meinen. Doch beim Blick auf die gemeinsame Geschichte zeigt sich ein Gegensatz, über den erstaunlich wenig gesprochen wird.
In Schwerin ist unser kollektives Gedächtnis untrennbar mit der Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden.
In Estland ist die Erinnerung von einer anderen, ebenfalls traumatischen Erfahrung geprägt: aufeinanderfolgenden Besatzungen. 1940 die Sowjetunion, 1941 Deutschland, 1944 wieder die Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund kämpften viele Esten 1944 auf deutscher Seite gegen die Rote Armee, einige von ihnen in der 20. Waffen-Grenadier-Division der SS. Ein Teil dieser Männer wird in Estland heute nicht als Täter, sondern als Opfer und Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung und für die estnische Unabhängigkeit wahrgenommen.
Das ist keine ferne Geschichte. Im Großraum Tallinn steht mit dem umstrittenen Lihula-Denkmal ein sichtbares Beispiel dafür. Auch der Gedenkkomplex Maarjamäe erinnert an die Kämpfe von 1944. Gleichzeitig dokumentieren Orte wie das ehemalige KZ Klooga die deutschen Besatzungsverbrechen und den Holocaust. Tallinn lässt sich deshalb nicht auf eine vermeintliche Verherrlichung des Nationalsozialismus reduzieren. Aber die historischen Traumata werden anders gewichtet als in Deutschland.
Wo eine echte Freundschaft beginnt
Und genau hier liegt die eigentliche Herausforderung unserer Städtepartnerschaft: Wie viel Unterschied hält eine Freundschaft aus? Ein Denkmal für einen Soldaten in Waffen-SS-Uniform in Schwerin? Kaum vorstellbar. Umgekehrt wäre es ebenso vermessen, die estnische Erinnerung an die sowjetische Besatzung einfach mit unserer Sicht auf die Geschichte gleichzusetzen. (Gruß geht raus an die Lenin Statue im Mueßer Holz)
Eine Städtepartnerschaft muss nicht bedeuten, dass zwei Städte ihre Vergangenheit gleich erzählen. Vielleicht muss sie sogar das Gegenteil leisten: Unterschiede aushalten und darüber sprechen. Über deutsche Besatzung. Über estnische Beteiligung an der deutschen Besatzungspolitik. Über sowjetische Deportationen. Über den Holocaust.
Aber auch darüber, warum Esten 1944 in deutschen Uniformen gegen die Rote Armee kämpften und weshalb diese Geschichte heute teilweise als Teil des Kampfes um die eigene Unabhängigkeit erinnert wird. Was wiederrum bedeuten würde, dass…
Eine Städtepartnerschaft ist schnell gepflegt, solange man sich bei Empfängen trifft, Kultur austauscht und schöne Bilder produziert. Ihre eigentliche Stärke zeigt sich erst dort, wo es unbequem wird. Schwerin und Tallinn müssen ihre Geschichte nicht gleich erzählen. Aber nach mehr als 30 Jahren Partnerschaft könnten sie anfangen, offener miteinander darüber zu reden.
Und – das ist der Grund für diesen Beitrag – überhaupt das Thema anzusprechen. Erledigt.

















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