Gewalt an Schulen, schlechte PISA-Ergebnisse – Ruf nach mehr Schulsozialarbeit

(red/stm) In Schwerin wird seit Monaten über Gewalt an Schulen, Prävention und fehlende Konzepte diskutiert. Jetzt richtet sich der Blick aus der Stadt nach Berlin. Eine Petition fordert, Schulsozialarbeit bundesweit verbindlich abzusichern.

Schulhöfe sind längst nicht mehr nur Orte, an denen es um Mathe, Deutsch und die nächste Klassenarbeit geht. Auch in Schwerin haben mehrere Gewaltvorfälle in den vergangenen Monaten die Frage aufgeworfen, wie Schulen mit Konflikten umgehen, wie Gewalt verhindert werden kann und wer eigentlich zur Stelle ist, wenn Probleme eskalieren.

Die Stadtvertretung hatte deshalb bereits im vergangenen Jahr ein Konzept zur Gewaltprävention und zum Opferschutz an staatlichen Schulen auf den Weg gebracht. Dabei sollten ausdrücklich auch Schulsozialarbeiter, Streetworker, Polizei, Elternvertretungen und weitere Beteiligte eingebunden werden. Wie weit Schwerin damit inzwischen gekommen ist, zeigte eine Abfrage der Stadtverwaltung im Frühjahr. Von 24 staatlichen Schulen verfügten damals lediglich vier über ein vollständiges Anti-Gewalt-Konzept. Acht weitere arbeiteten daran, sieben hatten nach Angaben der Verwaltung noch kein entsprechendes Konzept. Vier Schulen hatten auf die Abfrage zunächst überhaupt nicht reagiert.

Auch darüber hat schwerin.news berichtet. Besonders für Diskussionen sorgte, dass sich unter den vier Schulen ohne Rückmeldung ausgerechnet die IGS Bertolt Brecht befand. Die Schule war bereits zuvor nach einem Gewaltvorfall Gegenstand einer öffentlichen Debatte über Schutz, Verantwortung und Zuständigkeiten geworden.

Jetzt geht der Ruf nach Berlin

Vor diesem Hintergrund bekommt eine aktuelle Petition an den Deutschen Bundestag auch für Schwerin eine besondere Bedeutung. Regine Siré, Bereichsleiterin Jugend- und Jugendsozialarbeit bei der Sozial-Diakonischen Arbeit – Evangelische Jugend gGmbH in Schwerin, ruft dazu auf, die Petition 202863 zu unterstützen und weiterzuverbreiten.

Gefordert wird eine verlässliche gesetzliche Absicherung der Schulsozialarbeit als Pflichtaufgabe im SGB VIII. Denn Schulsozialarbeit ist dort, wo sie stattfindet, längst ein wichtiger Teil des Schulalltags. Sie ist Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler, wenn es Probleme gibt, vermittelt bei Konflikten und kann helfen, wenn Schwierigkeiten zu Hause, in der Klasse oder im sozialen Umfeld auf die Schule durchschlagen.

Die Petition stellt damit eine ziemlich grundsätzliche Frage: Darf es davon abhängen, in welcher Stadt oder welchem Bundesland ein Kind zur Schule geht, ob solche Unterstützung dauerhaft vorhanden ist? Bislang ist Schulsozialarbeit nicht überall in gleicher Weise abgesichert. Vieles hängt von den jeweiligen Strukturen, Zuständigkeiten und finanziellen Möglichkeiten ab. Die Petition will daraus eine verbindliche Aufgabe machen.

PISA macht die Debatte nicht kleiner

Dass der Aufruf aus Schwerin ausgerechnet jetzt kommt, dürfte kaum zufällig wirken. Die aktuellen PISA-Ergebnisse haben erneut offengelegt, wie schwierig die Lage an deutschen Schulen inzwischen ist. Die Leistungen sind eingebrochen, gleichzeitig spielen soziale und familiäre Rahmenbedingungen eine erhebliche Rolle für die Bildungschancen. Schule soll auffangen, fördern, integrieren und gleichzeitig Wissen vermitteln. Wenn Kinder mit familiären Problemen, sozialen Konflikten oder anderen Belastungen in den Unterricht kommen, lässt sich das nicht einfach mit zusätzlichen Arbeitsblättern lösen.

Und auch Gewaltprävention beginnt nicht erst nach dem ersten Schlag.

Sie beginnt dort, wo Konflikte wahrgenommen werden, bevor sie eskalieren. Wo jemand mit einem Schüler spricht, der sich zurückzieht. Wo Mobbing nicht als „Streit unter Kindern“ abgetan wird. Wo Eltern einen Ansprechpartner haben und Lehrkräfte Unterstützung bekommen, wenn sie mit Situationen allein nicht weiterkommen. Schulsozialarbeit kann dabei keine Garantie für eine gewaltfreie Schule sein. Sie ersetzt weder Elternhaus noch Lehrkräfte, Jugendamt oder Polizei. Aber sie kann eine Lücke schließen, die immer dann besonders sichtbar wird, wenn etwas bereits schiefgelaufen ist.

30.000 Unterschriften für eine öffentliche Beratung

Für die Petition mit der Nummer 202863 werden 30.000 Mitzeichnungen benötigt. Erst dann ist die Voraussetzung für eine öffentliche Beratung des Anliegens im Petitionsausschuss des Bundestages erfüllt.

Aus Schwerin wird deshalb jetzt dafür geworben, die Petition nicht nur selbst zu unterzeichnen, sondern sie auch über Arbeitgeber, Hochschulen und andere Verteiler bekannt zu machen. Ob daraus tatsächlich eine gesetzliche Verpflichtung für die öffentliche Hand entsteht, ist offen. Die Debatte darüber dürfte allerdings kaum kleiner werden. Denn Schwerin hat in den vergangenen Monaten selbst erlebt, wie schnell aus Konflikten ein Thema für Polizei, Politik und Öffentlichkeit werden kann. Gleichzeitig steht die Stadt vor der Frage, wie Gewalt an Schulen möglichst verhindert werden kann – und nicht erst, wie danach damit umgegangen wird.

Die Petition aus Schwerin richtet den Blick deshalb auf eine Frage, die weit über die Stadt hinausgeht: Wenn Schulen immer mehr soziale Probleme auffangen sollen, warum ist die dafür notwendige Unterstützung dann nicht überall verbindlich abgesichert?

Die Petition 202863 kann online beim Deutschen Bundestag mitgezeichnet werden.

Zur Petition 202863 beim Deutschen Bundestag


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