Ein Kunstwerk steht ungeschützt: Wie geht es weiter mit dem „Eiskristall“?

Die Stadtvertretung hat am Montag noch nicht entschieden, was mit der Skulptur „Eiskristall“ am Berliner Platz geschieht. Der Antrag der SPD wurde zunächst in die Ausschüsse verwiesen. Dort soll nun beraten werden, ob das Kunstwerk kurzfristig gesichert, eingelagert und später an einem neuen Standort wieder aufgebaut wird.

(stm)

Am Berliner Platz in Neu Zippendorf steht ein Kunstwerk, an dem viele vermutlich vorbeigehen, ohne seine Geschichte zu kennen. Es glänzt, es wirkt technisch, fast kühl, und doch ist es ein Stück Schweriner Stadtgeschichte: der sogenannte „Eiskristall“, im Werkverzeichnis des Künstlers als „Der Kristall“ geführt.

Der Antrag der SPD-Fraktion sieht vor, den Oberbürgermeister zu beauftragen, die Skulptur kurzfristig zu sichern, einzulagern und später am Standort der künftigen öffentlichen gastronomischen Einrichtung neben der neuen Berufsschule Gesundheit und Soziales wieder aufzubauen. Zur Begründung verweist die Fraktion unter anderem darauf, dass sich am heutigen Standort ursprünglich das Eiscafé für Neu Zippendorf befand. Später war dort der gleichnamige Nachbarschaftstreff des Vereins „Platte lebt“ untergebracht. Nach dem Abriss blieb die Skulptur freistehend zurück.

Hinzu kommt eine Sorge, die in Neu Zippendorf nicht aus der Luft gegriffen scheint: Eine benachbarte Kunstskulptur vor der ehemaligen Parteischule wurde bereits gestohlen. Dieser Diebstahl ist laut Antrag bis heute ungeklärt. Auch deshalb hatten Einwohnerinnen und Einwohner auf einem öffentlichen Stadtteilforum im März 2026 angeregt, den „Eiskristall“ kurzfristig zu entfernen und einzulagern.

Entschieden ist damit aber noch nichts. Die Stadtvertretung hat den Antrag am Montag zunächst in die Ausschüsse verwiesen. Dort wird nun beraten, ob die Skulptur tatsächlich kurzfristig gesichert werden soll, wer dafür zuständig wäre, welche Kosten entstehen und wo das Kunstwerk später dauerhaft stehen könnte.

Kein beliebiges Metallobjekt

Beim „Eiskristall“ geht es allerdings nicht nur um irgendeinen Restbestand aus DDR-Zeiten. Das Werk stammt vom Leipziger Bildhauer und Zeichner Harry Müller, geboren 1930 in Leipzig, gestorben 2020 ebenfalls dort. Seine Arbeiten werden der Konkreten Kunst zugeordnet. Müller entwickelte eine abstrakt-geometrische Formensprache, die eng mit Architektur und öffentlichem Raum verbunden war.

Für Schwerin besonders wichtig: Bereits 1978 hatte die Stadt mit Harry Müller einen Vertrag geschlossen. In den folgenden Jahren schuf er für Neu Zippendorf eine rund vier Meter hohe Skulptur aus Chrom-Nickel-Stahl. 1982 erhielt der Dreesch damit ein weiteres Kunstwerk im öffentlichen Raum. Im Werkverzeichnis Müllers ist es als „Der Kristall“, Neu Zippendorf in Schwerin, 1979 bis 1982, Chrom-Nickel-Stahl, Höhe etwa vier Meter, aufgeführt.

Leipzig macht es vor

Müller ist vor allem durch Werke im Leipziger Stadtraum bekannt. Dazu gehören die drei Brunnenplastiken auf dem früheren Sachsenplatz, heute Richard-Wagner-Platz. Im Volksmund werden sie bis heute „Pusteblumen“ genannt. Auch sie bestehen aus Chrom-Nickel-Stahl. Sie wurden 1999 abgebaut und eingelagert, stehen aber seit 2013 wieder im öffentlichen Raum – als Brunnen.

Genau dieser Vergleich macht die Schweriner Debatte interessant. Leipzig hat gezeigt, dass solche Kunstwerke nicht einfach verschwinden müssen. Sie können gesichert, aufgearbeitet und neu aufgestellt werden. Schwerin steht nun vor einer ähnlichen Frage: Wird der „Eiskristall“ rechtzeitig geschützt – oder bleibt er so lange ungesichert stehen, bis Bauarbeiten, Vandalismus oder Diebstahl Fakten schaffen?

Jetzt sind die Ausschüsse am Zug

Der weitere Weg ist damit klar: Erst beraten die Ausschüsse, dann kommt der Antrag wieder zurück in die Stadtvertretung. Dort müsste am Ende entschieden werden, ob die Verwaltung tatsächlich den Auftrag bekommt, die Skulptur zu sichern, einzulagern und später am neuen Standort wieder aufzubauen.

Bis dahin bleibt der „Eiskristall“ ein offener Fall. Aber eines lässt sich schon jetzt sagen: Wer über dieses Kunstwerk entscheidet, entscheidet nicht über Schrott, Dekoration oder ein vergessenes Metallteil. Es geht um ein dokumentiertes Werk eines bekannten Künstlers der ostdeutschen Moderne – und um die Frage, wie ernst Schwerin seine eigene Kunst im öffentlichen Raum nimmt.

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