(stm/KOMMENTAR)
Schwerin/Westmecklenburg steht laut einer neuen Auswertung zum sogenannten Dual-Use-Potenzial der IHK`s bundesweit offenbar ganz hinten. Gemeint ist: Unsere Region hat vergleichsweise wenig Industrie, die sich schnell auch für Rüstung, Militärtechnik oder verteidigungsnahe Produktion nutzen ließe.
Man könnte es zugespitzt so sagen: Schwerin ist nicht besonders „kriegstauglich“. Und vielleicht ist das gar keine schlechte Nachricht.
Natürlich kann man daraus sofort eine Standortdebatte machen. Zu wenig Industrie, zu wenig Hightech, zu wenig große Wertschöpfung. Das ist nicht völlig falsch. Westmecklenburg braucht gute Arbeit, sichere Einkommen, bessere Infrastruktur und mehr Zukunftsperspektiven für junge Menschen. Niemandem ist geholfen, wenn eine Region wirtschaftlich abgehängt wird.
Aber ich tue mich schwer damit, ausgerechnet Rüstung als verheißungsvolle Chance zu feiern. In Deutschland wird gerade wieder eine Sprache normal, die mir Unbehagen bereitet. Da ist von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede, von neuen Milliarden, neuen Kapazitäten, neuen Märkten. Plötzlich klingt Aufrüstung wie ein Wirtschaftsförderprogramm. Als müssten Regionen nur schnell genug aufspringen, um vom nächsten Boom zu profitieren.
Doch Krieg ist kein Boom. Krieg ist Leid. Krieg sind zerstörte Städte, tote Menschen, traumatisierte Familien, Flucht, Angst und verlorene Zukunft. Das auch wenn man auf der „richtigen Seite“ steht. Auch dann, wenn er weit weg scheint. Auch dann, wenn man hier nur über Zulieferteile, Software, Logistik oder „Dual Use“ spricht.
Das heißt nicht, dass Sicherheit unwichtig wäre. Natürlich haben Menschen ein Recht darauf, geschützt zu werden. Natürlich ist Frieden nicht einfach da, nur weil man ihn sich wünscht. Aber gerade deshalb sollte man sehr vorsichtig sein, wenn militärische Verwertbarkeit plötzlich zum Standortvorteil erklärt wird.
Schwerin hat andere Stärken. Diese Stadt lebt von ihren Seen, vom Schloss, von Kultur, von Tourismus, von Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Handwerk, kleinen Unternehmen und Menschen, die hier ihren Alltag stemmen. Das klingt nicht so spektakulär wie Rüstungsindustrie. Aber es ist näher am Leben. Zumindest näher am „LÖeben“ als jedes Kriegsgerät es zum Ziel hat.
Vielleicht ist eine Stadt, die nicht auf Kriegslogik ausgerichtet ist, keine rückständige Stadt. Vielleicht ist sie einfach eine Stadt, die andere Aufgaben hat.
Schwerin braucht gute Arbeit. Ja. Schwerin braucht Investitionen. Ja. Schwerin braucht eine ernsthafte Debatte darüber, wie diese Region wirtschaftlich stärker werden kann. Aber diese Debatte muss nicht damit beginnen, wie wir besser an Aufrüstung verdienen können.
Sie könnte auch damit beginnen, wie wir friedensfähiger werden.
Mit ziviler Industrie. Mit erneuerbaren Energien. Mit Pflege und Gesundheit. Mit Bildung. Mit bezahlbarem Wohnen. Mit Kultur. Mit Tourismus, der nicht nur Postkarten produziert, sondern Arbeitsplätze schafft. Mit Handwerk, das Häuser saniert, Schulen repariert und Städte lebenswert macht. Mit Digitalisierung, die Menschen hilft. Mit Infrastruktur, die funktioniert.
Das alles ist nicht naiv. Es ist vielleicht sogar realistischer als die Hoffnung, dass eine Region durch Rüstungsnähe automatisch eine bessere Zukunft bekommt.
Ich möchte nicht in einer Stadt leben, die stolz darauf ist, besonders kriegstauglich zu sein. Ich möchte in einer Stadt leben, die friedlich, sozial, schön, offen und widerständig und sich selbst an sich zerreibt, wenn es notwendig ist. Eine Stadt, die nicht davon träumt, Teil der Kriegswirtschaft zu werden, sondern davon, dass Menschen hier gut leben können.
Wenn Schwerin im Dual-Use-Ranking ganz hinten steht, dann ist das nicht nur eine Schwäche. Es ist auch eine Gelegenheit, über die Richtung zu sprechen. Nicht jede Lücke muss geschlossen werden. Nicht jeder Boom muss mitgenommen werden. Und nicht jede Region muss kriegstauglich werden. Schwerin ist es offenbar nicht, sagt das IHK Ranking.
Vielleicht ist genau das gut.














Was sagen Sie dazu?