Nimmt Schwerin sein Welterbe ernst? Windräder in 30 km Entfernung werden geprüft – aber der Neubau am Speicher-Hotel nicht?

(stm/red)

Schwerin schaut beim Welterbe aktuell weit über die Stadtgrenzen hinaus. Windenergieanlagen in großer Entfernung werden darauf geprüft, ob sie die Sicht auf das UNESCO-Welterbe verändern können. Gleichzeitig soll direkt am Ziegelsee ein neuer Baukörper entstehen. Jetzt stellt sich die Frage: Gilt derselbe Maßstab auch für Schwerin selbst? Genau das will jetzt die ASK von der Stadtvertretung wissen.

Es geht um den geplanten Nebenbau am Speicher-Hotel. Der Baukörper soll am Ziegelsee entstehen. Noch ist nicht geklärt, welche Auswirkungen er auf die Wahrnehmung des Schweriner Welterbes haben könnte. Genau deshalb fordert der ASK-Stadtvertreter Karsten Jagau mit einem Dringlichkeitsantrag, die weitere Planung zunächst auszusetzen und das Vorhaben prüfen zu lassen.

Der Vergleich mit den Windrädern kommt nicht von ungefähr. Die Stadt beschäftigt sich aktuell tatsächlich mit der Frage, wie weit entfernte Windenergieanlagen auf das UNESCO-Welterbe wirken können. Dabei geht es nicht darum, ob ein Windrad direkt vor dem Schloss steht. Es geht darum, ob es von bestimmten Punkten aus sichtbar ist und dadurch die historische Landschaft und ihre Wirkung verändert. Das soll den Welterbetitel vor einer Aberkennung schützen.

Die Stadt hat dafür selbst umfangreiche Untersuchungen erstellen lassen. In der offiziellen Sichtfeldstudie zum Welterbe wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Sichtachsen und Sichtbeziehungen für den außergewöhnlichen universellen Wert des Residenzensembles relevant sind. Die Studie untersucht deshalb unter anderem Sichtbarkeit, visuelle Dominanz und Raumwirkung. Die Stadt schreibt sogar: „Jede Veränderung im umgebenden Landschaftsbild kann die historische Raumwirkung und die authentische Wahrnehmung dieses einzigartigen Ensembles erheblich beeinflussen.“

Und jetzt kommt der Punkt, um den es beim Speicher-Hotel geht: Wenn das bei Windrädern in vielen Kilometern Entfernung gilt, warum sollte es bei einem neuen Gebäude innerhalb Schwerins plötzlich nicht gelten? Denn, und das wissen die wenigsten. Bei der Ernennung zu Welterbe ist der Pfaffenteich und seine Sichtachse quasi das zweitwichtigste Objekt.

Beim Welterbe geht es nicht nur um einzelne Gebäude. Es geht auch darum, wie diese Gebäude mit ihrer Umgebung, den Wasserflächen und den historischen Blickbeziehungen zusammenwirken. Dazu gehören laut offiziellen Dokumenten neben mehreren Gebäuden die Sichtachsen – des Pfaffenteich, Faulen See und des Schweriner See.

Erstmalig wurde wegen den 30 km entfernten Windrädern, die man über den Schweriner See – sehen könnte der sogenannte „Heritage Impact Assessment“ erarbeitet und gestartet.Neben dem Schweriner See, dem Faule See – ist auch der Pfaffenteich und seine Sichtachse geschützt.

In der offiziellen Welterbe-Dokumentation der Stadt wird der Pfaffenteich ausdrücklich mit „vielfältige[n] Blickbeziehungen und Wechselspiel von Gebäude, Wasser und Freiflächen“ beschrieben. Beim Arsenal und beim Kommandantenhaus nennt die Stadt außerdem die „Blickbeziehungen über den Pfaffenteich“ als wertbestimmendes Merkmal.

Das ist wichtig, weil der Pfaffenteich für die Wahrnehmung des historischen Schwerins nicht einfach nur eine Wasserfläche ist. Wer über das Wasser blickt, nimmt Gebäude, Freiräume und Stadtlandschaft gemeinsam wahr. Das ist offiziell Begründung für das Welterbe Schwerin. Ein neuer Baukörper kann diese Wahrnehmung verändern. Ob der geplante Nebenbau am Speicher-Hotel das tatsächlich in einem für das Welterbe relevanten Umfang tun würde, ist derzeit eine offene Frage. Aber genau deshalb muss man sie prüfen.

Und ausgerechnet jetzt führt die Stadt selbst eine Kulturerbe-Verträglichkeitsprüfung durch. Bürger und andere Beteiligte wurden danach gefragt, welche Sichtachsen, Standorte und Wahrnehmungssituationen für das Welterbe besonders wichtig sind. MIt Blich auf das Schloss. Die Stadt will also gerade wissen, welche Sichtbeziehungen geschützt werden müssen.

Welterbe ist mehr als Schloss

Da wäre es ziemlich merkwürdig, wenn ein konkretes Bauvorhaben, das möglicherweise genau solche Sichtbeziehungen verändert, daneben einfach weitergeplant würde. Jagau fordert deshalb keinen endgültigen Baustopp. Seine Forderung ist zunächst: Planung anhalten, Auswirkungen prüfen und erst danach weiterentscheiden. Sollte eine relevante Beeinträchtigung des außergewöhnlichen universellen Wertes des Welterbes nicht ausgeschlossen werden können, soll auch hier das „Heritage Impact Assessment“, kurz HIA, durchgeführt werden.

Geld sparen

Das ist auch eine Frage des Geldes. Wird jetzt geprüft, solange Höhe, Kubatur und Stellung des Gebäudes noch verändert werden können, können mögliche Probleme direkt in die Planung einfließen. Wird erst später geprüft, können bereits weitere Planungs- und Investitionskosten entstanden sein. Dann wird es deutlich schwieriger und teurer, einen Bau noch zu verändern. Und die „Windräder“ in 30 Kilometer Entfernung werden eh grad geprüft. Das kann man in einem „Waschgang“ erledigen.

Der Grundgedanke ist deshalb ziemlich einfach: Wenn Schwerin bei Windrädern in 30 Kilometern Entfernung genau hinschaut, die erste offizielle Prüfung startet, muss die Stadt bei einem neuen Baukörper mitten im Stadtgebiet erst recht hinschauen.

Es geht nicht darum, den Nebenbau schon heute als schädlich für das Welterbe zu erklären. Das wäre genauso falsch wie eine Freigabe ohne Prüfung. Es geht darum, eine einfache Frage zu beantworten, bevor Fakten geschaffen werden:

Was macht dieser Bau mit dem Welterbe – und was wäre, wenn statt einem Gebäude, dort ein Windrad geplant wäre?


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