(red) Wer annimmt, die IHK zu Rostock und der Bauernverband Nordvorpommern stünden über der Parteipolitik, kann in einer Excel-Datei nachlesen, wie die AfD sie einsortiert. Als ihr eigenes „politisches Vorfeld“. Für dieses Vorfeld hat die Partei schon Geld vorgemerkt.
Am 10. Juli ging die Datei per Mail an den AfD-Landesvorstand. Absender Ben Nüske von der Landesgeschäftsstelle, im Auftrag von Jan-Phillip Tadsen. Zwei Anlagen: „260703_Übersicht_Kontakte_pol_Vorfeld.xlsx“ und „Politische Vorfeldarbeit (AfD-MV).docx“.
Das Papier erklärt, was die Partei unter Vorfeld versteht, und zitiert dafür den rechten Autor Benedikt Kaiser, „Die Partei und ihr Vorfeld“, Seiten 31 und 37: ein „Schutz-, Unterstützungs- und Rekrutierungsraum“ für Organisationen, die einer Partei ideell nahestehen und deren Begriffe in die Gesellschaft tragen. Mitglied muss niemand sein.
(Kaiser ist ein deutscher Autor und Publizist der Neuen Rechten. Er vertritt eine Kapitalismuskritik von rechts als Teil einer Querfront-Strategie. Seine Bücher erschienen unter anderem im rechtsextremen Regin-Verlag oder bei den neurechten Verlagen Antaios und Jungeuropa)
Die Liste
Zu jedem Eintrag stehen ein Ansprechpartner und ein Betätigungsfeld. Namen sind hier gekürzt, die Zuständigkeiten stehen so in der Datei. Blatt Vorpommern-Rügen:
- Bauernverband Nordvorpommern – Kontakt Jasmin H., Landwirtschaft
- Bürgerforum Ribnitz-Damgarten – Kontakt Maik W., Bürgerbewegung
- IHK zu Rostock – Kontakt Jens R., Wirtschaft
- Bürgermeister Poseritz – Dirk S., kommunale Ebene
- AG Gutsanlagen e. V. – Kontakt Dr. Anja K., Gutshaus- und Heimatpflege
Unter „Sonstige“ stehen die Medien:
- Junge Freiheit – Henning H., leitender Online-Redakteur, mit Telefonnummer und Mailadresse in der Datei; zweiter Kontakt Martina M., Reporterin, mit Telefonnummer
- Compact, Freilich, AUF1 – ohne Ansprechpartner
- Ostdeutsche Allgemeine Zeitung – Katja F., Redakteurin MV
- Gesellschaft für Sicherheitspolitik – Frank P., stellvertretender Landesvorsitzender, Sektion Mecklenburg
Die Blätter für Schwerin, Südwestmecklenburg, Hansestadt Rostock, Nordwestmecklenburg und Landkreis Rostock waren zu dem Zeitpunkt noch leer.
3.500 Euro für vier Wochen
Am 6. Juli tagte der Landesvorstand im Kleingartenverein „Erholung und Frieden“ in Stralsund. Tadsen stellte die Übersicht vor, sie sollte dem Protokoll beigefügt werden, die Umsetzung erfolge „regelmäßig durch die Kampagnen“. Danach sammelte der Vorstand, wer dazukommen soll. Tadsen nannte Influencer. Martin Schmidt wollte Verbände, Kammern und eine Windradinitiative erfassen, dazu die Fragen „Wer hilft wo?“ und „Mädel mit Meinung“. Dario Seifert, Versammlungsleiter des Tages, sprach von Unterstützern aus Verbänden und von Filmkunst. Thore Stein kündigte einen Presseverteiler in acht Wochen an, nicht auf den Schultern der Landtagsfraktion. Schmidt forderte eine Pressemitteilung pro Tag und sagte, die finanziellen Ressourcen seien erschöpft, er brauche Inhalte.
Daniel Fiss (während seiner Jugendzeit war er Mitglied der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten,über Jahre bei der Idenditären Bewegung und heute Beisitzer im Vorstand der Generation Deutschland) Gast der Sitzung, nannte den 8. August als gebuchten Termin „bei Kompakt“ und sagte, Paul Klemm solle kontaktiert werden. Dann kam Punkt 6.5: „Spendenwerbung Junge Freiheit“. Print- und Online-Superbanner, vier Wochen, 3.500 Euro, beauftragt durch Patrik Schneider, zuständig Alexander Tschich.
Geliefert wurde davon nichts. Die Mail vom 28. Juli enthielt neben dem Protokoll eine dreiseitige Präsentation, abgelegt im Postfach von Leif-Erik Holm. Darin dieselben Organisationen und Medien, dieselben Ansprechpartner. Keine Influencer, keine Verbände, keine Windradinitiative. Beschlossen war mehr, als in der Datei steht.
Die Datei ist die Zuordnung der AfD, nicht die der Genannten. Ob die aufgeführten Menschen und Organisationen davon wussten, ob sie einer Zusammenarbeit zustimmten, ob sie frei darüber entscheiden konnten: Dazu sagen die Dokumente nichts.
Bei zwei Vorgängen ist es anders. Der Termin bei Compact und die Werbung in der Junge Freiheit gehen von der Partei aus. Dort ordnet sie nicht mehr nur zu, dort zahlt und dort terminiert sie.
Eine Reaktion der genannten Organisationen, Medien und Personen liegt bislang nicht vor.
Quellen (Mailarchiv AfD-Landesverband): Mail an den Landesvorstand vom 10. Juli 2026, Absender Ben Nüske „im Auftrag von Jan-Phillip Tadsen“, Anlagen „260703_Übersicht_Kontakte_pol_Vorfeld.xlsx“ und „Politische Vorfeldarbeit (AfD-MV).docx“ · Mail mit Sitzungsunterlagen vom 28. Juli 2026 · Protokoll der Landesvorstandssitzung X-08 vom 6. Juli 2026 · Präsentation „Präsentation vom 06-07-2026 politsche Vorfeldarbeit + Kontakte.pdf“, 3 Seiten, Postfach leif.erik.holm@afd-mv.de.
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