Vorab – eine Rettungsgeschichte
(fab) Ein sonniger Tag Ende April gegen 15 Uhr in der Mecklenburgstraße: Die Schülerinnen Benna (14) und Luise (14) entdeckten eine schwer verletzte Taube, die bereits seit mindestens drei Wochen von Anwohnern beobachtet worden war. „Die Mädchen zeigten bemerkenswerten Einsatz“, berichtet Dr. Aileen Wosniak. „Nachdem sie die Taube am Vortag erstmals gesehen hatten, kontaktierten sie uns fachkundig über Taubenhilfe e.V. und blieben ganze vier Stunden beim Tier, bis Hilfe eintraf.“
Die Rettungsaktion gelang durch die spontane Unterstützung des Schweriner Geschäfts Mac Geiz, das einen speziellen Transportkarton bereitstellte. „Paloma“, wie die gerettete Taube getauft wurde, befindet sich nun in fachkundiger Obhut auf einer Pflegestelle in Gadebusch. „Ihr Zustand hat sich deutlich gebessert“, bestätigt Wosniak. „Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie verantwortungsvolles Handeln und gute Vernetzung den Unterschied machen können.“

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Interview mit Lara und Aileen von Taubenhilfe e.V.
Lara und Aileen sind zwei sehr engagierte Taubenretterinnen in Schwerin. Wir haben beide nach ihrer Einschätzung zu der Lage der Stadttauben in Schwerin gefragt.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Frage: Wie bewertet ihr die Lage? Am Schweriner Pfaffenteich leben schätzungsweise über 250 Tauben, die die Südufertreppe stark verschmutzen. Wie beurteilt Ihr Verein diese Situation vor Ort?
Die Situation ist für die Stadttauben auf der Treppe schwierig. Dort werden ständig Brot und andere Lebensmittelreste gefüttert, was „gut gemeint“ ist, aber für die Tiere schädlich ist und sie krank macht. Darüber hinaus werden die Tauben dort regelmäßig durch Hunde und Kinder gejagt. Die Tiere verletzen sich dadurch nicht selten oder können sogar an den Folgen sterben. Es ist noch nicht so lange her, dass dort eine Taube mit einem Pfeil im Körper gesichert worden ist. Tierquälerei spielt hier vor Ort eine große Rolle.
Auch für die Schweriner/innen und die Tourist/innen ist die Situationen nicht schön- die Tiere „betteln“ um Futter, drehen sich auf, weil sie Hunger haben. Der Kot, den die mangelernährten Tauben absetzen, auch Hungerkot genannt, ist grün und wässrig. Wenn sich Personen dort auf der Treppe reinsetzen, ist die Kleidung sofort schmutzig. Eine Taube produziert bis zu 10 kg Kot im Jahr- das ist nicht wenig.
Frage: Fütterungspolitik in Schwerin
Die Stadt plant eine neue Regelung: maximal 100 g Vogelfutter pro Person und Tag statt eines vollständigen Verbots. Welche Auswirkungen erwartet ihr von dieser Maßnahme – und ist sie effektiv aus tierschützerischer Sicht?
Tauben brauchen am Tag 30-50 g Körnerfutter wie z.B. Mais, Weizen, Sonnenblumenkerne oder Gerste. Stadttauben sind auf das Füttern von Menschen angewiesen, denn so sind sie gezüchtet worden. Es werden immer mehr Tauben verhungern und werden noch aufdringlicher.. Sie werden auch zunehmend in der Innenstadt vor Cafés, Restaurants, Bars, Bäckerein und Kneipen „lauern“, in der Hoffnung, dass „irgendwas“ runterfällt. Durch die sich weiter zuspitzende Nahrungssuche, werden die Tauben sich auch noch mehr und höchstwahrscheinlich schwerer verletzten. Die 100g-pro-Person-Politik ist genauso wenig effektiv wie ein reines Fütterungsverbot ohne ein ganzheitliches Stadttaubenmanagement. Ein reines Fütterungsverbot ist darüber hinaus tierschutzwidrig, denn Verhungern lassen bedeutet Tierquälerei. Das macht uns wenigen Ehrenamtlichen dann nur noch mehr Arbeit, denn das Problem wird lediglich verschoben. Stadttauben brühten bis zu 8 mal im Jahr. Die Brut wird um so erfolgreicher, je mehr Platz für Nachwuchs ist, d.h. wenn Tauben verhungern, kommen ganz schnell neue Tauben nach- ein Teufelskreis. Die Population wird dadurch nicht reduziert und erholt sich nach kurzer Zeit wieder.
Frage: Gesundheitsrisiken für Tauben – Tauben leiden im Winter unter Hungersnot, ungesunder Ernährung und Infektionsrisiken. Welche häufigen Krankheiten oder Symptome beobachtet ihr bei Tauben in Schwerin – und wie reagiert ihr darauf?
Tauben leiden generell unter Hunger in den Städten, das ist unabhängig von der Jahreszeit. Durch den täglichen Stress, insb. und hauptsächlich durch die Nahrungssuche, sind die Tiere anfälliger für Krankheiten. Es sind eigentlich immer die gleichen Erreger, die den Tauben Probleme bereiten: Kokzidien, Trichomonaden, Spul- und Haarwürmer und viele Bakterien. Feststellen kann man das, in dem man z.B. den Kot einer Taube unter einem Mikroskop anschaut. Behandeln kann man die Krankheiten durch die von Tierärzt_innen verordnete Medikamente, z.B. Antibiotika. Langfristig verringert man diesen Stress und die daraus resultierenden Krankheiten nur durch einen betreuten Taubenschlag in Hotspot nähe.
Frage: Gewalt gegen Tauben – In Schwerin wurden vor einiger Zeit Tauben mit Pfeilen und Luftdruckwaffen verletzt. Was sagt euer Verein zu diesen Vorfällen – und welche Rolle spielen Stadt und Polizei bei Prävention und Aufklärung?
Solche Vorfälle ereignen sich in Deutschland immer wieder. Das ist kein Einzelfall. Die Taube mit dem Pfeil wurde am Pfaffenteich durch Ehrenamtliche gesichert, die Taube mit den Schusslöchern im Kopf auf dem Dreesch. In den Medien spielen diese lokalen tierschutzwidrigen Themen oft keine Rolle, obwohl es sich hierbei um eine Straftat nach § 17 des Tierschutzgesetzes (TierSchG) handelt und mit einer Freiheits- oder Geldstrafe geahndet wird. Die Stadt äußert sich in der Regel nicht dazu oder wurden diese beiden schweren Fälle von Tierquälerei irgendwie benannt oder folgten hier Konsequenzen? Täter_innen treiben weiter ihr Unwesen- es bleibt häufig nicht bei einer Taube.
Frage: Fehlende Taubenschläge – In Schwerin gibt es bislang keine betreuten Taubenschläge wie etwa in Lüneburg, Bremen, Halle, Erfurt, Kiel oder Augsburg. Wie beurteilen Sie diesen Umstand – und was fehlt eurer Meinung nach für ein solches Konzept?
Die Zustimmung der Stadt und der Politik ist das A und O. Nur wenn alle Mitwirkenden in „einem Boot“ sitzen, ist so ein Projekt langfristig effizient, ökonomisch, ökologisch und nachhaltig. Die Stadt muss hier endlich den Mut haben, für diese Tiere die Verantwortung zu übernehmen. Es ist schon ziemlich makaber, dass M-V auch in diesem Punkt die „rote Laterne“ trägt.
Frage: Tiergequälerei durch Besitzverschleppung – Stadttauben stammen von ehemals domestizierten Haustauben ab und gelten rechtlich als „verwilderte Haustiere“ – laut Tierschutzrecht besteht daher eine Fürsorgepflicht der Kommune. Wie konkret äußert sich diese Verantwortung gegenüber Tauben in der Praxis?
Diese Verantwortung ist hergeleitet aus einem bestehenden Rechtsgutachten der Stadt Berlin (Arleth & Hübel, 2021), was aktuell leider lediglich eine Empfehlung für eine konkrete Rechtsauffassung ist. Daher ist eine Umsetzung zwar wünschenswert, aber (noch) nicht durchsetzbar. Die Verantwortung äußert sich ganz klar darin, dass die Tiere von den Straßen geholt werden müssen, denn das Stadttaubenproblem ist ein menschengemachtes Problem. Früher hat man sie z.B. für die Fleisch- und Federgewinnung genutzt oder um Briefe zu versenden, heute nennt man sie zu unrecht „Ratten der Lüfte“, da Tauben aufgrund von zunehmendem Wohlstand keine Rolle mehr spielen, allerdings so gezüchtet worden sind, als ob sie immer noch eine tragende Rolle spielen müssten.
Frage: Konflikte zwischen Stadtbild und Tierschutz –
Taubenkot verschmutzt öffentliche Plätze, Gebäude erleiden Schäden. Wie lässt sich aus Sicht des Tierschutzes ein Gleichgewicht erreichen zwischen Schutz der Tiere und Wahrung der städtischen Sauberkeit?
Das ist so nicht ganz korrekt. Taubenkot gesunder Tauben ist nicht ätzend für Oberflächen, lediglich auf bestimmten Blechen kann es zu Korrosionen kommen- der Hungerkot, also der Kot von unter- und fehlernährten Tauben hingegen ist säurehaltiger, somit ätzender und auch schwieriger von Oberflächen zu entfernen. Es gibt bereits 168 betreute Taubenschläge in ganz Deutschland. Das Modellprojekt nach dem Augsburger Modell ist bereits seit mehr als 20 Jahren erprobt und evaluiert. Wie bereits gesagt produziert eine Taube bis zu 10 kg Kot im Jahr. Das sind bei 250 Tauben 2500 kg Kot im Jahr. Dieser würde dann bis zu 80% in der Öffentlichkeit, also z.B. auf der Pfaffenteichtreppe, zurückgehen, da die Tauben ortstreu sind und sich die meiste Zeit im Taubenschlag aufhalten würden. Die Reinigungskosten der Stadt würden sinken. Die Schweriner*innen und Tourist*innen wären weniger belästigt durch Stadttauben, die nach Futter suchen.
Frage: Erfolgsversprechende Alternativen – Welche tierschutzgerechten und nachhaltigen Alternativen empfehlen Sie anstelle von reinen Reinigungen oder Vergrämung? Sehen Sie in Maßnahmen wie Eiersammeln, Eierattrappen, „Ovistop“-Einsatz oder Aufklärung Potenzial für Schwerin?
Am besten untersucht und am effektivsten ist der Eiertausch in betreuten Taubenschlägen. Die Eier der Tauben werden gegen Plastik- oder Gipseier ausgetauscht- es entsteht kein Nachwuchs. Die Population sinkt langfristig und nachhaltig. Der „Ovistop“- Einsatz kann bei den Tieren zu Krebs führen. Kastration werden häufig leider nicht ordnungsgemäß durchgeführt, sind relativ aufwändig und teuer. Die Vergrämung stellt lediglich die Verschiebung des Problems dar, aber keine langfristige und nachhaltige Lösung. Tauben müssen in der Stadt nisten, denn sie wurden so vom Menschen gezüchtet. Sie suchen sich das nicht aus. Sie fliegen jetzt auch nicht auf das Land, denn dort finden sie ja kein Futter. Sie suchen sich also eine andere Nische an einem anderen Haus oder auf einem anderen Balkon zum Brüten aus und so geht das Problem für jemand anderes weiter.
Aufklärung ist das A und O- ohne gehts nicht! Da braucht es alle Mitwirkenden in einem Boot. Die Schweriner_innen und Tourist_innen sollten über Stadttauben angemessen aufgeklärt werden, auch die Polizei und das Ordnungsamt können hierzu natürlich ihren Beitrag leisten. Es ist nicht selten, dass wir im Ehrenamt verbal oder körperlich bedroht werden, wenn wir verletzten Tauben helfen oder diese anfüttern, um sie zu sichern. Es kam auch schon mehr als einmal vor, dass ich körperlich angegriffen wurde, als ich meinem Ehrenamt nachgegangen bin. Hier braucht es auf jeden Fall mehr Aufklärungsarbeit. Ich möchte keine Angst in dieser wertvollen Arbeit für die Tauben haben und dass mein Ehrenamt kriminalisiert wird.
Wären die Menschen in Schwerin aufgeklärt, würden sie ja nicht ständig und andauernd Brot und Lebensmittelreste am Pfaffenteich füttern oder Kinder Tauben jagen und treten lassen- oder sehe ich das falsch? Schlussendlich wäre es doch wünschenswert, wenn Menschen und Tiere gemeinsam friedlich in Schwerin koexistieren könnten.
Sollte es Interessierte für den Taubenschutz hier in Schwerin geben, können diese sich bitte gerne an Taubenhilfe e.V. über FB oder kontakt@taubenhilfe-ev.de wenden.
Wir bedanken uns sehr für das Interview.
Interessante Link:
Unsere Gesamtlösung – Augsburger Modell – Institut für die Stadttauben











