285 Fälle, fast 20 Millionen Euro: Was Schwerin für Heimerziehung zahlt

(stm/red)

Wie wir im letzten Beitrag berichtet haben, sind die Inobhutnahmen in Schwerin 2025 zwar deutlich zurückgegangen – die Kosten dafür aber trotzdem gestiegen. Es ging dabei um Kinder und Jugendliche, die sofort geschützt werden müssen, weil eine akute Situation es notwendig macht.

Doch Inobhutnahme ist oft nur der erste Schritt. Danach stellt sich die viel größere Frage: Was passiert, wenn ein Kind oder Jugendlicher auch längerfristig nicht zu Hause leben kann?

Genau darum geht es in einem weiteren Teil der aktuellen Informationsvorlage der Landeshauptstadt Schwerin. Dort werden die Hilfen zur Erziehung nach § 34 SGB VIII aufgeführt. Dahinter verbergen sich Heimerziehung, Wohngruppen oder andere betreute Wohnformen. Also Orte, an denen junge Menschen leben, wenn das eigene Zuhause vorerst oder dauerhaft nicht trägt.

Die Zahlen zeigen: Dieser Bereich ist für Schwerin noch deutlich teurer als die Inobhutnahmen.

Im Jahr 2024 gab es in Schwerin 284 Leistungen nach § 34 SGB VIII. Im Jahr 2025 waren es 285. Die Zahl blieb also fast gleich. Trotzdem stiegen die Kosten erheblich. 2024 gab Schwerin für diese Hilfen 18.183.796 Euro aus. 2025 waren es bereits 19.862.031 Euro. Das ist ein Plus von rund 1,68 Millionen Euro innerhalb eines Jahres.

Auch der Durchschnitt pro laufender Hilfe ist gestiegen. 2024 lagen die durchschnittlichen Aufwendungen bei 64.027 Euro. 2025 waren es 69.691 Euro. Damit kostet eine solche Hilfe im Durchschnitt fast 70.000 Euro.

Für viele Menschen sind solche Summen schwer greifbar. Gemeint ist aber nicht einfach ein Platz in irgendeinem Gebäude. Es geht um Betreuung, Alltag, Schutz, pädagogische Begleitung, oft auch um Krisen, schwierige Familienverhältnisse und junge Menschen, die Stabilität brauchen.

Wenn ein Kind nicht mehr in seiner Familie leben kann, ist das kein normaler Verwaltungsvorgang. Dann muss ein Platz gefunden werden. Eine Einrichtung. Eine Wohngruppe. Ein Umfeld, in dem Betreuung möglich ist. Für das Kind bedeutet das meistens einen tiefen Einschnitt: weg aus dem bisherigen Zuhause, manchmal weg aus dem gewohnten Umfeld, hinein in ein Leben mit neuen Regeln, neuen Bezugspersonen und neuer Unsicherheit.

Die Vorlage zeigt auch, dass Schwerin mit vielen unterschiedlichen Trägern und Einrichtungen zusammenarbeitet. Genannt werden unter anderem AWO, SOS Schwerin, Sozius, Malteser Werke, DRK, Evangelische Jugendhilfe Friedenshort und weitere Anbieter. Die Stadt nennt zahlreiche Einrichtungen, aber keine konkreten Entgelte je Träger. Begründet wird das damit, dass es sich um geschützte betriebliche Daten der Träger handele.

Statt genauer Einzelbeträge nennt die Stadt nur einen Kostenrahmen. Für das Jahr 2025 bewegen sich die durchschnittlichen Kostensätze pro Träger in diesem Bereich zwischen 104 Euro und 548 Euro. 2024 lag der Korridor zwischen 75 Euro und 650 Euro.

Ein Teil der Hilfen betrifft unbegleitete minderjährige Ausländer. 2024 gab es in diesem Bereich 24 Leistungen, 2025 waren es 22. Die Aufwendungen dafür stiegen von 1.090.040 Euro im Jahr 2024 auf 1.200.690 Euro im Jahr 2025. Nach Angaben der Stadt werden diese Aufwendungen zu 100 Prozent vom Land Mecklenburg-Vorpommern erstattet.

Zusätzlich entstehen Kosten im Jugendamt selbst. Für das Produkt „Heimerziehung“ weist die Stadt 2024 Personalaufwendungen von 473.336,89 Euro aus. 2025 waren es 485.555 Euro.

Damit wird deutlich: Die Jugendhilfe in Schwerin besteht nicht nur aus kurzfristigem Eingreifen in akuten Notlagen. Nach der Inobhutnahme kann ein langer, teurer und für die Betroffenen einschneidender Hilfeprozess folgen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Kinder und Jugendliche Hilfe bekommen sollen. Wenn ein junger Mensch nicht sicher zu Hause leben kann, muss Hilfe möglich sein. Die Frage ist vielmehr, warum die Kosten so deutlich steigen, obwohl die Zahl der Hilfen fast gleich geblieben ist.

Denn genau das zeigen die Zahlen: 2025 gab es nur eine Leistung mehr als im Vorjahr. Gekostet hat der Bereich aber fast 1,7 Millionen Euro zusätzlich.

Darüber wird die Stadtpolitik sprechen müssen. Nicht mit dem kalten Blick auf „Kostenfälle“, sondern mit dem klaren Blick auf Verantwortung, Steuerung und die Frage, wie Schwerin jungen Menschen in schwierigen Lebenslagen hilft – und wie diese Hilfe langfristig bezahlbar bleibt.

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Hier kan die Informationsvorlage der Stadtverwaltung eingsehen und heruntergeladen werden:


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Eine Antwort zu „285 Fälle, fast 20 Millionen Euro: Was Schwerin für Heimerziehung zahlt“

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