(stm/Kommentar)
Bei Schwerin-Lokal liest man gerade über unsere Innenstadt „im Wandel“. Das klingt erst mal total harmlos. Fast so, als wäre da einfach so etwas passiert. Ein bisschen Onlinehandel, veränderte Gewohnheiten, dazu steigende Kosten – und zack, fertig ist der Wandel.
Ganz ehrlich? Das ist einfach zu bequem gedacht.
Schwerins Innenstadt verändert sich nicht von allein. Sie wird und wurde politisch verändert. Seit Jahren wird unsere Altstadt regelrecht als Schaufenster verkauft: Welterbe, Tourismus, historische Kulisse, schöne Bilder, makellose Fassaden und die immer gleiche, schöne Erzählung. Und da soll es uns jetzt echt überraschen, dass genau diese Innenstadt auf einmal teurer, touristischer und für den normalen Alltag immer unbrauchbarer wird?
Wer seine eigene Stadt zur Bühne umbaut, darf sich halt nicht wundern, wenn am Ende nur noch das bleibt, was auch auf diese Bühne passt. Kulissen und Schaufenster eben, die man sich ansieht – und zwar nur ansieht.
Klar, auf den ersten Blick sieht Schwerins Mitte überhaupt nicht kaputt aus. Aber genau das ist ja die Falle. Sie ist hübsch. Sie ist durchsaniert. Sie ist wahnsinnig fotogen. Wir haben schicke Cafés, Außengastronomie, leuchtende Schaufenster und jede Menge Besucher. Nur: Eine Innenstadt stirbt doch nicht erst in dem Moment, wo die Schaufenster mit Brettern vernagelt werden. Sie stirbt, wenn sie ihren Alltag verliert und die eigentlichen „Beobachter“ – Presse, Opposition wegschauen und jede vopn der Verwaltung als „Leckerbissen“ angebootene Lerckerei willenlos schluckt.
Da verschwindet der kleine, inhabergeführte Laden. Der günstige Imbiss von nebenan macht dicht. Der Späti um die Ecke stört auf einmal das edle Bild. Jugendliche, die sich einfach nur auf der Straße treffen wollen, gelten plötzlich als „Problem“. Und Wohnungen? Die werden lukrativer an Gäste vermietet als an die Leute, die eigentlich hier leben wollen. Die Mieten schießen durch die Decke. Was bleibt, ist eine wunderschöne Innenstadt, die aber immer weniger für uns alle da ist.
Über genau diese Entwicklung haben wir auf schwerin.news schon vor Ewigkeiten berichtet: Egal ob steigende Ladenmieten, Verdrängung und Ferienwohnungen, die endlosen Späti-Debatten oder die Kritik am reinen Welterbe-Glanz.
Das fällt doch jetzt nicht plötzlich vom Himmel. Es wurde nur wahnsinnig gerne überhört – übrigens gerade von den Kollegen beim News-Magazin schwerin-lokal.de. Da wurde vieles einfach nur ungeprüft weitergegeben, statt mal kritisch den Finger in die Wunde zu legen.
Natürlich spielt der Onlinehandel eine Rolle. Natürlich kaufen wir alle heute anders ein, und kleine Händler kämpfen mit extremen Kosten. Aber das erklärt doch nicht, warum Schwerins Zentrum immer mehr zu einer reinen Kulisse verkommt. Es erklärt nicht, warum plötzlich alles unter Druck gerät, was nicht blitzsauber in den Hochglanz-Prospekt des Stadtmarketings passt.
Schwerin will scheinbar beides: Den großen Welterbe-Glanz im Stil von Disney, und den echten, rauen Alltag. Wir wollen Massen an Touristen, aber bitte auch bezahlbare Läden. Wir wollen die schnieke Altstadt, aber auch urbane, echte Lebendigkeit. Immer her mit den Besuchern, aber bitte ganz ohne Nebenwirkungen.
Sorry, aber so funktioniert eine Stadt nun mal nicht.
Wenn man eine Innenstadt (politisch über Jahre gewollt) derart aufwertet, explodieren die Preise. Wenn man sie massiv vermarktet, weckt das Begehrlichkeiten bei Investoren. Wenn man sie zur Kulisse degradiert, wird das echte Leben irgendwann einfach als störend empfunden. Dann passt der Späti nicht mehr ins Konzept. Dann fliegt der schräge, kleine Laden raus. Dann haben Jugendliche dort nichts mehr verloren. Und am Ende passen dann auch viele Schwerinerinnen und Schweriner nicht mehr in ihre eigene Mitte.
Die eigentliche Frage ist doch gar nicht, ob unsere Innenstadt im Wandel ist. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Für wen wurde sie eigentlich umgebaut?
Für die Menschen, die hier leben und arbeiten? Für die kleinen Händler? Für die Jugend? Für Familien aus den Randbezirken? Oder machen wir das alles nur noch für Touristen, für Immobilienbesitzer, die Gastro-Szene, Ferienwohnungs-Betreiber und für ein paar schöne Instagram-Fotos und für ein Feeling alà Disney?
Schwerin-Lokal beschreibt diesen Wandel jetzt. Gut so. Aber leider viel zu spät und viel zu weichgespült.
Denn das, was hier passiert, ist kein unabwendbares Naturereignis. Es ist das bittere Ergebnis einer geplanten Stadtentwicklung, die viel zu lange nur auf Glanz, Vermarktung und Aufwertung gesetzt hat – und uns die logischen Konsequenzen daraus jetzt allen Ernstes als „Überraschung“ verkaufen will. Wer das Welterbe feiert, muss verdammt nochmal auch über Verdrängung reden.
Wer unsere Innenstadt als Bühne verkauft, sollte sich nicht wundern, wenn das echte Leben irgendwann gnadenlos an den Rand gedrückt wird. Dass die Ladenmieten bei uns aktuell so extrem steigen wie im ganzen letzten Jahrzehnt nicht, ist kein Zufall, sondern schlicht die Quittung. Und genau hier zeigt sich doch die ganze absurde Ironie unserer neuen Kulissenstadt: Während das offizielle Schwerin den Späti am liebsten als Schandfleck aus dem Straßenbild tilgen würde, wird er von genau den Touristen, die man unbedingt anlocken wollte, für das schnelle Bier zwischendurch dankend gestürmt.
Diese ganze Entwicklung war sowas von absehbar. Dass nun ausgerechnet die Kolleginnen und Kollegen von schwerin-lokal.de, die diesen Blindflug hin zur reinen Vorzeige-Altstadt in den vergangenen Jahren völlig unkritisch begleitet und abgefeiert haben, sich heute so wahnsinnig überrascht vom Wandel zeigen – das ist schon extrem bezeichnend.
Grüße gehen raus an www.schwerin-lokal.de













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