Wer braucht noch einen Hacker? Schwerins IT-Schutz kann selbst zum Problem werden.

(stm/red)

Stellen wir uns eine ganz normale Sitzung der Schweriner Stadtvertretung vor. Ein Tagesordnungspunkt wird aufgerufen, es geht um eine wichtige Entscheidung im „nichtöffentlichen Teil“ der Sitzung. Ein Mitglied der Stadtvertretung möchte in seinen Unterlagen nachsehen und meldet sich am System an. Doch statt seiner Dokumente erscheint eine Fehlermeldung: Das Konto ist gesperrt. Kein Zugriff. Die Unterlagen, die er jetzt braucht, bleiben verschlossen. Ein neues Passwort soll angefordert werden…“ Und plötzlich merken mehr und mehr Teilnehmende der Sitzung, dass sie ein neues Passwort anfordern müssen.

Das klingt nach einem Versehen. Es kann aber auch das Ergebnis eines gezielten Angriffs sein – das wir uns von http://www.schwerin.news mal angeschauit haben. Denn um einen Stadtvertreter auf diese Weise auszusperren, muss ein Angreifer weder das Passwort kennen noch in das System eindringen. Es reicht, den richtigen Benutzernamen zu kennen und ein paar Mal ein falsches Passwort einzutippen. Den Rest erledigt eine Sicherheitsfunktion, die eigentlich schützen soll.

Wie das System funktioniert – und warum das riskant ist

In Schwerin arbeiten die Mitglieder der Stadtvertretung mit dem Ratsinformationssystem von „SessionNet“. Über diese Plattform bekommen sie ihre Sitzungsunterlagen, je nach Berechtigung auch vertrauliche, nichtöffentliche Dokumente. Um hineinzukommen, braucht man zweierlei: einen Benutzernamen und ein Passwort. Einen zusätzlichen Sicherheitsschritt, etwa eine Bestätigung per Handy, wie man ihn vom Online-Banking kennt, gibt es in Schwerin bis dato nicht!

Der Benutzername ist dabei alles andere als geheim. Er setzt sich einfach aus dem ersten Buchstaben des Vornamens und dem Nachnamen zusammen. Aus „Pia Sommer“ wird „psommer“. Wer weiß, wer im Stadtrat sitzt – und das ist öffentlich einsehbar –, kann sich die Benutzernamen praktisch selbst zusammenbastlen. Dass dieses Schema kein Zufall ist, zeigt eine Anleitung eines anderen Amtes für dieselbe Software. Dort steht wörtlich: „Ihre Benutzerkennung ist Vorname.Nachname.“

Für sich genommen wäre ein leicht zu erratender Benutzername noch kein Drama. Das Passwort bleibt ja geheim. Genau hier aber liegt der Denkfehler.

Der Schutz, der zur Angriffsfläche werden kann

Damit niemand fremde Passwörter einfach durchprobieren kann, sperrt das System ein Konto, wenn mehrmals ( fünf bis sech mal) hintereinander ein falsches Passwort eingegeben wird. Das ist eine gängige und grundsätzlich sinnvolle Schutzmaßnahme. Sie soll Einbrecher abwehren.

Doch das System kann nicht unterscheiden, wer da tippt. Es weiß nicht, ob am anderen Ende ein berechtigtes Mitglied der Stadtvertretung sietzt oder ein KI Programm, oder ein 14 Jähriger Nachwuchshacker sitzt, welcher gezielt aussperren will. Ein Angreifer muss das echte Passwort deshalb überhaupt nicht kennen. Er gibt einfach absichtlich falsche Passwörter ein, bis das Konto dichtmacht. Das Ziel ist nicht, hineinzukommen. Das Ziel ist, den Richtigen draußen zu halten. Und das im richtigen Moment angewendet könnte Sitzungen und Entscheidungen beeinflussen.

Problem ist bekannt, aber in Schwerin offenbar nicht angekommen

In der IT-Fachwelt hat dieses Problem einen Namen. Man spricht von einem „Denial-of-Service“, also einem Angriff, der ein System nicht knackt, sondern es für seine eigentlichen Nutzer unbrauchbar macht. Die weltweit führende Organisation für die Sicherheit von Web-Anwendungen, OWASP, warnt seit Jahren ausdrücklich vor genau dieser Kombination: leicht erratbare Benutzernamen plus automatische Kontosperre.

Auch die renommierte US-Sicherheitsbehörde NIST rät davon ab, Konten nach ein paar Fehlversuchen einfach hart zu sperren. Das ist also kein exotischer Sonderfall, sondern ein bekanntes Lehrbuchproblem. Seit Jahren – gar Jahrzehnten.

Warum das für die Demokratie mehr ist als ein Computerärgernis

Bei einem gesperrten E-Mail-Postfach ärgert man sich und wartet, bis es wieder geht. Bei einer Stadtvertretung sieht die Sache anders aus. Wenn ein Mandatsträger mitten in der Sitzung nicht an seine Unterlagen kommt, fehlt ihm die Grundlage, um mitzureden und unabhängig abzustimmen. Bei vertraulichen Dokumenten gibt es keinen schnellen Ersatz, den man eben ausdrucken könnte. Im Zweifel müsste ein Tagesordnungspunkt verschoben werden.

Und es bleibt nicht zwangsläufig bei einem Konto. Werden mehrere Stadtvertreter gleichzeitig ausgesperrt, trifft es im schlimmsten Fall alle. Im schlimmsten Fall reagiert ein System auf viele Angriffe damit, den gesamten Anmeldebereich abzuschalten – dann steht niemand mehr drin. Ob das Schweriner System tatsächlich so weit geht, hängt von seiner konkreten Einstellung ab. Aber das Grundproblem ist da.

Kein Einzelfall und keine Kleinigkeit

Hinter SessionNet steckt die Firma SOMACOS aus Salzwedel. Nach eigenen Angaben nutzen rund 2.500 Kunden in Deutschland und Österreich ihre Software. Dabei zählt die Stadt Schwerin übrigens als einzelner Kunde. Es geht hier also nicht um eine kleine Bastellösung in einem Rathaus, sondern um ein System, auf das sich sehr viele Kommunalparlamente verlassen. Dass die Software angreifbar sein kann, ist keine bloße Theorie: Beispielsweise wurde 2021 wurde eine Sicherheitslücke in SessionNet öffentlich, über die man an nichtöffentliche Sitzungsunterlagen gelangen konnte. Der Hersteller bestätigte das Problem damals und lieferte ein Update.

Die Zeiten und Gefahren steigen – Onkel KI steht vor der Tür

Erschwerend kommt hinzu, wie einfach ein Angriff heute ist. Man braucht kein Hacker-Genie und kein Darknet. Die Namen der Schweriner Stadtvertreter stehen öffentlich im Netz. Daraus die Benutzernamen abzuleiten, dauert Sekunden. Ein simples Computerprogramm kann dann die ganze Liste durchgehen und bei jedem Konto ein paar falsche Passwörter eingeben. Was früher mühsame Handarbeit gewesen wäre, läuft heute vollautomatisch.

Und das ist der Grund weswegen wir diese „Sicherheitslücke“ thematisieren – In Zeiten von KI und gerade „KI Agenten“ ist es nur eine Frage der Zeit bis ein derartiger „Angriff“ gestartet wird.

Was helfen würde

Der naheliegende erste Schritt wäre, das durchschaubare Namensschema aufzugeben und stattdessen zufällige Benutzernamen zu vergeben. Dann kann niemand mehr aus einer öffentlichen Liste die Zugangsdaten ableiten. Dazu noch endlich – auch in Schwerin eine 2 Faktor Gedöns – also bestätigung der Anmeldung über Handy – und die Sache wäre geklärt.

Weitere Möglichkeiten

Der eigentliche Hebel liegt beim Sperrmechanismus selbst. Statt ein Konto nach wenigen Fehlversuchen komplett dichtzumachen, gibt es klügere Wege. Man kann nach jedem Fehlversuch die Wartezeit bis zum nächsten Versuch schrittweise verlängern. Man kann die Zahl der Versuche pro Internetanschluss begrenzen, statt das Konto des Nutzers zu bestrafen. Und man kann nach mehreren Fehlschlägen eine dieser bekannten „Ich bin kein Roboter“-Abfragen einbauen. All das bremst automatisierte Massenangriffe aus, ohne den berechtigten Nutzer auszusperren. Diese Lösungen sind seit Jahren bekannt und empfohlen. Sie müssen nur eingesetzt werden.

Nur in Schwerin scheint man seit Jahren das Problem nicht zu kennen, oder es zu ignorieren. Und „nur“ weil es bisher nicht passiert ist – muss man das Thema diese Sicherheitslücke nicht verchweigen.

Die eine Frage, die zählt

Am Ende läuft alles auf eine einzige, sehr konkrete Frage hinaus: Ist SessionNet in Schwerin so eingerichtet, dass niemand mit den öffentlich bekannten Namen der Stadtvertreter deren Zugänge gezielt lahmlegen kann?

Es geht hier nicht um irgendeinen Online-Account. Es geht um das Werkzeug, mit dem gewählte Vertreter ihre Arbeit machen, und um Dokumente, die teils vertraulich sind. Ein Schutzmechanismus hat eine einfache Aufgabe: Unbefugte draußen halten. Sobald man ihn umdrehen und gegen die eigenen Leute richten kann, schützt er nicht mehr, sondern schadet. Und wenn am Schluss, um die Lücke zu stopfen, vorsichtshalber alle ausgesperrt werden, dann hat der Angreifer genau das erreicht, was er wollte.

http://www.schwerin.news muss an dieser Stelle die naheliegende Lösung nicht benennen. Aber – wie wäre es von dieser asbach Uralt Benutzernamen Abstand zu nehmen? Statt Vorname und Nachname, eine Zeichenfolge als Benutzername einzurichten? Statt für „Pia Sommer“ – „psommer“ vielleicht eine zufällige Zahlenfolge wie „FcKafD188814“ oder so.


www.ris.schwerin.de

Stadtvertretung – Landeshauptstadt Schwerin


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