(stm/KOMMENTAR)
1990 bis 2026. 36 Jahre sind vergangen, seit die DDR aufgehört hat zu existieren. Noch vier Jahre, dann sind die Unterschiede zwischen Ost und West, über die wir heute diskutieren, so alt wie die DDR selbst.
Ja, es gibt sie noch: bei Einkommen, Vermögen, Eigentum, Lebensläufen und politischen Erfahrungen. Das Ende der DDR hat diese Unterschiede nicht einfach verschwinden lassen.
Nur: In Schwerin brauchen wir eigentlich keine große Ost-West-Debatte, um soziale Spaltung zu erkennen.
Das schreibt hier jemand, der zu DDR-Zeiten in die erste Klasse kam, wegen Kinderkrankheiten 1990 noch einmal eingeschult wurde, in der Innenstadt ebenso wie im Mueßer Holz aufgewachsen ist und dort zur Schule ging. Ich kenne diese Stadt nicht nur aus Statistiken. Ich kenne sie aus meinem eigenen Leben.
Und genau deshalb fällt mir eine andere Mauer auf.
Sie steht nicht zwischen Ost und West. Sie verläuft durch Schwerin.
Zwischen Stadtteilen. Zwischen Menschen mit unterschiedlichen Einkommen. Zwischen Lebenswelten, die nur wenige Kilometer auseinanderliegen und sich trotzdem kaum berühren.
Das ist nicht nur ein Gefühl. Eine Untersuchung zur sozialen Segregation kommt zu dem Ergebnis, dass Schwerin unter 96 untersuchten deutschen Städten die stärkste Trennung zwischen Arm und Reich aufweist. Auch der Sozialbericht der Bundeszentrale für politische Bildung führt Schwerin mit einer Armutssegregation von 51 Prozent als besonders stark segregierte Stadt auf.
Und jetzt einmal weg von den Studien.
Wann war das letzte Mal jemand aus den Waisengärten an der Keplerstraße?
Nicht zum Durchfahren. Nicht wegen eines Termins. Einfach so.
Und wann war jemand aus der Paulsstadt im Möwenburgviertel?
Vielleicht gestern. Vielleicht auch nicht.
Denn Schwerin besteht längst aus mehreren kleinen Schwerins.
Die Stadtteile haben ihre eigenen Treffpunkte, Schulen, Geschäfte und sozialen Milieus. Manche Grenzen kann man sehen. Andere entstehen aus Geld, Wohnungsmarkt, Bildungswegen und Lebensumständen.
Kaum jemand sagt: „Ich gehe heute mal rüber in den anderen sozialen Teil der Stadt.“
Man bleibt, wo man lebt. Man kauft dort ein. Die Kinder gehen dort zur Schule. Freundschaften entstehen dort, wo Menschen wohnen und sich begegnen.
Und irgendwann wird aus räumlicher Entfernung soziale Entfernung.
Isoliert? Separiert? Vielleicht.
Auf jeden Fall voneinander entfernt.
Wir reden ständig über große Grenzen: Ost gegen West, Stadt gegen Land, Arm gegen Reich, Alte gegen Junge.
Dabei liegt eine dieser Grenzen mitten in Schwerin.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber sprechen, ob Ost und West nach 36 Jahren zusammengewachsen sind.
Vielleicht sollten wir uns zuerst fragen, wie viel Einheit es eigentlich innerhalb unserer eigenen Stadt gibt. Denn es gibt kein „Schwerin“ – gibt viele Schweriners.
Denn was nützt die Debatte darüber, ob Ost und West inzwischen näher zusammengerückt sind, wenn Menschen in derselben Stadt in völlig unterschiedlichen sozialen Wirklichkeiten leben?
Vielleicht beginnt Einheit nicht erst an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Vielleicht beginnt sie dort, wo wir selbst Grenzen ziehen.












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