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Ausweise, Führungszeugnisse, Spenden, Schweriner -Listen: Wie fahrlässig die AfD ihre eigenen Anhänger ans Internet auslieferte

(red) Bisher dachten viele in Schwerin, beim großen AfD-Datenleck habe es nur die 5.385 gekauften Erstwähler-Adressen aus dem Stadthaus getroffen. Doch die Auswertung von schwerin.news zeigt etwas noch viel Brisanteres: Durch jahrelange Schlamperei mit privaten AOL-, Gmail- und Web.de-Konten hat die AfD-Spitze ihre eigenen treuesten Leute ans offene Internet ausgeliefert – samt Personalausweisen, polizeilichen Führungszeugnissen, Spenden, Handynummern und Anmeldungen für den Parteibus ab Schwerin. Ausgerechnet Landeschef Leif-Erik Holm sicherte sich derweil ein BKA-Merkblatt, wie Politiker ihre eigene Wohnadresse sperren lassen.

Wer einer Partei beitritt, 50 Euro spendet oder in Schwerin in einen gecharterten Bus zu einer Parteiveranstaltung steigt, verlässt sich auf eines: dass die Partei seine privaten Daten schützt. Schließlich kann in aufgeheizten Zeiten schon ein Eintrag auf einer falschen Liste Ärger mit Nachbarn, dem Arbeitgeber oder politischen Gegnern bedeuten.

Für Tausende Unterstützer, Helfer und Mitglieder der AfD ist dieses Vertrauen seit wenigen Tagen bitter bestraft worden. Unbekannte Hacker haben Hunderttausende interne E-Mails der Partei erbeutet und für jedermann durchsuchbar ins Internet gestellt.

Was schwerin.news bei der Auswertung der Postfächer aus Mecklenburg-Vorpommern und Schwerin fand, gleicht einem digitalen Totalschaden – vor allem für die eigenen Anhänger der Partei.

Wer im Schweriner AfD-Bus saß, steht jetzt für jeden im Netz

Man muss in der veröffentlichten Datenbank im Internet nur nach „Schwerin“ suchen – und innerhalb von Sekunden erscheinen Klarnamen, E-Mail-Adressen, Wohnanschriften und Mitgliedsnummern ganz normaler Anhänger:

  • Schweriner Bürger, die per Mail Plätze für die AfD-Busfahrt von Schwerin zum Wahlkampfauftakt nach Halle reservierten
  • Gäste, die sich mit Ehepartner für Parteifeiern und Wahlpartys im Schweriner „Achteck“ oder auch andere Veranstaltungen anmeldeten
  • Unterstützer aus der Region, die sich auf der Wahlkampfseite kommunalwahl-mv.de meldeten („Guten Tag, ich möchte Sie im Wahlkampf unterstützen“) – komplett mit vollem Namen, Wohnort und privater Handynummer
  • Bürger, die ihre Adresse nach einem Umzug in den Kreisverband Schwerin meldeten

Noch tiefer geht der Einblick bei Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern Mitglied werden wollten, für Ämter kandidierten oder für die Partei arbeiteten. Ungeschützt in den Postfächern lagen haufenweise:

  • eingescannte Personalausweise (Vorder- und Rückseite)
  • polizeiliche Führungszeugnisse und Finanzamts-Bescheinigungen
  • Arbeitsverträge und Reisekostenabrechnungen mit Privatanschriften
  • komplette ZIP-Pakete mit Aufnahmeanträgen und vertraulichen Gesprächsprotokollen aus Aufnahmegesprächen neuer Mitglieder

In den gehackten Bundes- und Landespostfächern der Partei finden sich zudem hunderte PayPal-Spendenquittungen mit Klarnamen und Beträgen sowie – von ärmeren Mitgliedern, die um einen ermäßigten Mindestbeitrag baten – sogar eingescannte Rentenbescheide, Bürgergeld-Bescheide und Kontoauszüge.

Parteiführung wie im Kegelverein: Staats- und Mitgliederdaten über AOL, Gmail und Web.de

Wie konnte eine Partei, die in Mecklenburg-Vorpommern regieren wollte, ihre eigenen Leute derart schutzlos ins offene Messer laufen lassen?

Die Antwort steht in den Absenderzeilen der Mails. Über Jahre hinweg wickelte praktisch die gesamte Führungsspitze der AfD Mecklenburg-Vorpommern vertrauliche Parteigeschäfte, Personalfragen, Ausschlussverfahren und Mitgliederlisten über private Gratis-Postfächer ab – und löschte alte Anhänge schlichtweg nie:

Landes- und Schweriner Spitzenkandidat Leif-Erik Holm nutzte neben seinen Parteikonten privat holmle@aol.com, Co-Landeschef Enrico Schult schrieb über enrico.volksdorf@gmail.com, der Schweriner Landtagsabgeordnete und Finanzpolitiker Martin Schmidt über martinschmidtalpha@gmail.com, Fraktionsgeschäftsführer Thore Stein über ThoreStein@web.de, weitere Landesvorstände über gmx.de, gmail.com und t-online.de.

Selbst der Mitarbeiter der Landesgeschäftsstelle verschickte im Wahlkampfjahr 2026 interne Listen, Parteidokumente und sogar direkte Zugangslinks zu Cloud-Speichern und Videokonferenzen samt Passwort einfach vom Handy über die „WEB.DE Mail App“. Und wer sich als Bürger auf kommunalwahl-mv.de als Wahlhelfer eintrug, dessen Name und Handynummer wurden im Hintergrund obendrein automatisch an die Agentur von Daniel Fiß weitergeleitet – dem früheren Bundes-Vizechef der rechtsextremen Identitären Bewegung.

Für den Chef das BKA-Merkblatt zur Adress-Sperre – für alle anderen null Schutz

Besonders bitter stößt vielen Anhängern dabei ein Kontrast auf, der sich ebenfalls direkt in den Postfächern von Leif-Erik Holm findet.

Die Parteispitze wusste nämlich sehr genau, wie gefährlich es ist, wenn die eigene Wohnadresse in falsche Hände gerät. Am 18. September 2023 leitete sich Holm aus seinem Bundestagsbüro eigens eine Datei mit dem Titel Merkblatt Auskunftssperre Meldebehörde.pdf auf sein privates Postfach holmle@aol.com weiter – ein offizielles Merkblatt des Bundeskriminalamts (BKA), wie gefährdete Politiker ihre Privatanschrift beim Einwohnermeldeamt sperren lassen können, damit niemand herausfindet, wo sie wohnen.

Für die eigenen Spender, Wahlhelfer, Neumitglieder, Bus-Mitfahrer aus Schwerin – und für die 5.385 Schweriner Jugendlichen, deren Wohnadressen die AfD im August für fünf Cent pro Kopf im Stadthaus kaufte – galt diese Vorsicht offenbar nicht. Ihre Namen und Adressen stehen seit dem 22. Oktober für jeden Arbeitgeber, jeden Nachbarn und die gesamte Antifa frei Haus im Internet.

Für die AfD Mecklenburg-Vorpommern ist das nicht nur ein politisches Debakel gegenüber den eigenen Wählern, sondern auch ein teurer Fall für den Landesdatenschutzbeauftragten Sebastian Schmidt. Denn nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) haftet eine Partei voll dafür, wenn sie hochsensible Mitglieder-, Ausweis- und Bürgerdaten jahrelang ungeschützt auf Vorrat hortet. Der gesetzliche Bußgeldrahmen reicht bis in Millionenhöhe – zusätzlich zu möglichen Schadensersatzklagen der Betroffenen.

Hinweis der Redaktion: Zum Schutz der betroffenen Bürgerinnen, Bürger, Spender und einfachen Parteimitglieder verlinkt schwerin.news keine Einzeldokumente mit privaten Ausweis-, Sozial- oder Adressdaten, sondern nur die überprüfbaren Suchbelege zur Arbeitsweise der Parteiführung.

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