250 Tonnen Stahl, Statik und Planung: Radsporthallen-Bauteile landen bei Kleinanzeigen
Das umstrittene Schweriner Millionenprojekt bekommt die nächste kuriose Wendung – gekündigter Stahlbauer bietet Teile öffentlich zum Verkauf an

(stm) Dieses Bauprojekt kommt einfach nicht zur Ruhe. Die neue Radsporthalle im Schweriner Lambrechtsgrund war von Anfang an nicht unumstritten. Kosten, Nutzen, Zeitplan, Standort, Prioritäten – immer wieder gab es politische und öffentliche Debatten um das Millionenprojekt. Nun folgt die nächste, besonders bemerkenswerte Wendung: Teile des Stahlbaus für die Radsporthalle werden öffentlich bei Kleinanzeigen zum Verkauf angeboten.

Anbieter ist das Unternehmen, dessen Vertrag von der Stadt gekündigt wurde: die FSE Fläminger Stahl- & Energieelementebau GmbH. Das Unternehmen bietet unter direktem Bezug auf die Radsporthalle Schwerin unter anderem einen Fachwerkbinder, Fertigungsvorrichtungen, vorgefertigte Rohre sowie eine nach eigener Darstellung geprüfte und freigegebene Anschlussstatik und Werk- und Montageplanung an.

Das Material und die Bauteile haben laut Anzeige ein Gesamtgewicht von rund 250 Tonnen.

Damit wird der Konflikt um die Radsporthalle endgültig sichtbar. Was bislang vor allem in Verwaltungsvorlagen, Ausschreibungen, internen Abläufen und juristischen Auseinandersetzungen steckte, steht nun öffentlich im Internet: Bauteile für ein kommunales Großprojekt, finanziert mit öffentlichen Mitteln, werden auf einer Verkaufsplattform angeboten – während die Stadt parallel einen neuen Stahlbauer sucht.

In der Anzeige heißt es: „Aktuell wird ein neuer Stahlbauer für die Radsporthalle Schwerin gesucht. Der Stahlbau für das Bauvorhaben ist öffentlich ausgeschrieben.“ Zum Verkauf stehen demnach ein Fachwerkbinder der Achse 7, bestehend aus drei Baugruppen, zwei drehbare Fertigungsvorrichtungen, angearbeitete und vorgefertigte Rohre für Achse 8, angearbeitete Rohre für die Achsen 9 und 10 sowie eine geprüfte und freigegebene Anschlussstatik und eine geprüfte und freigegebene Werk- und Montageplanung.

Aus Gründen der Nachhaltigkeit sei es nach Auffassung des Unternehmens „sehr zu begrüßen“, wenn das Material nicht verschrottet werden müsse. Besichtigungen seien bei ernst gemeinten Angeboten nach vorheriger Absprache möglich, Teilverkäufe ebenfalls. Besonders auffällig ist der deutliche Hinweis am Ende der Anzeige: „Kein Verkauf an Schrotthändler oder Wertstoffhändler.“

https://www.kleinanzeigen.de/s-anzeige/stahlbau-material-fuer-dachtragwerk-radsporthalle-schwerin/3449291648-198-23187

Gegenüber schwerin.news teilt FSE mit, man habe bereits Klage eingereicht. Der Bauherr habe nach Darstellung des Unternehmens kein Interesse an den gefertigten Bauteilen sowie an der geprüften und freigegebenen Planung samt Anschlussstatik. Da diese Leistungen aus Sicht von FSE erneut ausgeschrieben worden seien, habe man sich entschlossen, sie öffentlich zum Verkauf anzubieten.

Wörtlich schreibt das Unternehmen: „Das spart dem Steuerzahler Geld und dem Bauherren Zeit! Denn Mängel lagen nicht vor.“

Dieser Satz hat Sprengkraft. Denn die Stadt hatte die Kündigung des Stahlbauvertrags zuvor damit begründet, dass der weitere Bauablauf gefährdet gewesen sei. Nun behauptet das gekündigte Unternehmen das Gegenteil: Die Bauteile seien vermessen und geprüft, die Planung freigegeben, Mängel hätten nicht vorgelegen. Welche Darstellung am Ende zutrifft, dürfte nun auch juristisch geklärt werden müssen.

Politisch aber stehen die Fragen schon jetzt im Raum, die von dem Baudezernat unter NOttebaum zu beantworten wären.

Warum sollen bereits gefertigte Bauteile und freigegebene Planungen nicht genutzt werden? Wurden technische, wirtschaftliche und vergaberechtliche Möglichkeiten einer Übernahme geprüft? Welche Mehrkosten entstehen durch die Neuausschreibung? Welche Verzögerungen kommen hinzu? Und wer trägt am Ende die Verantwortung, wenn ein ohnehin umstrittenes Großprojekt weiter teurer und später fertig wird?

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Nach Darstellung von FSE habe die ursprüngliche Ausführungszeit drei Monate betragen. In der neuen Ausschreibung sei der Zeitraum nun auf zwölf Monate erhöht worden. Sollte das zutreffen, stellt sich auch hier eine naheliegende Frage: War der ursprüngliche Zeitplan realistisch – oder wird nun stillschweigend eingeräumt, dass der Stahlbau von Anfang an deutlich mehr Zeit benötigt hätte?

Die Radsporthalle sollte eines der großen Sportprojekte der Landeshauptstadt werden. Stattdessen entwickelt sie sich immer mehr zu einem Beispiel dafür, wie kompliziert, teuer und konfliktgeladen kommunale Großprojekte werden können. Erst die Kündigung des Stahlbauvertrags, dann die Neuausschreibung, nun das öffentliche Verkaufsangebot für bereits gefertigte Bauteile und Planungsleistungen.

Für die Stadt ist das mindestens erklärungsbedürftig. Für die Öffentlichkeit ist es ein Vorgang, der kaum absurder wirken könnte: Während Schwerin einen neuen Stahlbauer sucht, bietet der alte Stahlbauer Teile des bisherigen Stahlbaus im Netz an – ausdrücklich nicht für den Schrottplatz.

http://www.schwerin.news wird bei der Stadt nachfragen.


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