Schwerins Großwohnsiedlung im Forschungscheck: Was im Mueßer Holz wirklich funktioniert und was nicht.

(stm) Mueßer Holz und Neu Zippendorf sind seit Jahren Schwerins Versuchslabor für Stadtumbau. Erst verloren die Großwohnsiedlungen nach der Wende massiv Einwohner, dann kamen neue Bewohner aus aller Welt hinzu. Leerstand, Rückbau, Armut und Einwanderung treffen hier aufeinander. Was macht das mit einem Stadtteil – und welche Strukturen funktionieren tatsächlich?

Genau dieser Frage ist das Forschungsprojekt StadtumMig nachgegangen. Neben Schwerin wurden die Südliche Neustadt in Halle (Saale) und Sandow in Cottbus untersucht. Der zweite Teil des Handbuchs liegt vor. Er beschreibt nicht einfach einzelne Projekte, sondern schaut genauer auf die Strukturen dahinter: Wie verändert sich die Bewohnerschaft? Wie funktioniert der Wohnungsmarkt? Was passiert mit Freiräumen und Infrastruktur? Wie gelingt Zusammenleben? Und welche Rolle spielen Verwaltung, soziale Träger und Migrantenselbstorganisationen? Für die Untersuchung wurden Dokumente ausgewertet und zahlreiche Interviews mit Behörden, sozialen Trägern, Ehrenamtlichen und Initiativen geführt. In Schwerin kam eine umfangreiche Bewohnerbefragung hinzu. Bereits in der ersten Forschungsphase beteiligten sich daran fast 1.300 Menschen aus Mueßer Holz und Neu Zippendorf.

Der Vergleich mit Halle und Cottbus zeigt dabei vor allem eines: Schwerin ist nicht einfach Halle oder Cottbus in klein. Alle drei Quartiere haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen – Großwohnsiedlungen, Bevölkerungsverlust, soziale Belastungen und Zuwanderung. Die Bedingungen sind aber unterschiedlich. Mueßer Holz und Neu Zippendorf liegen am Stadtrand und sind gleichzeitig durch Wald und Seen attraktiv und durch ihre Lage schlechter angebunden. Die Südliche Neustadt in Halle ist stärker in das Stadtgefüge eingebunden. Sandow in Cottbus liegt vergleichsweise zentrumsnah und ist zusätzlich vom Strukturwandel der Lausitz geprägt. Deshalb geht es den Forschern auch nicht um die Frage, welches Viertel „besser“ funktioniert. Untersucht wird vielmehr, welche Lösungen unter welchen Bedingungen funktionieren.

Für Schwerin fällt zunächst die Veränderung der Bewohnerschaft auf. Mueßer Holz und Neu Zippendorf haben seit der Wende massiv Einwohner verloren. Gleichzeitig kamen insbesondere seit 2015 viele Geflüchtete hinzu. Das Quartier wurde dadurch jünger und vielfältiger. Die Zuwanderung hat die alten Probleme allerdings nicht verschwinden lassen. Arbeitslosigkeit, Armut, fehlende Angebote und die Folgen des Rückbaus bestehen unabhängig davon weiter.

Gerade bei der Unterstützung der Bewohner zeigt die Untersuchung interessante Unterschiede. Geflüchtete sind stärker auf Organisationen und institutionelle Angebote angewiesen als andere Bewohner. Gleichzeitig spielen persönliche Netzwerke und das Quartier selbst eine wichtige Rolle. Wer solche Netzwerke nicht hat, ist deshalb besonders auf erreichbare Anlaufstellen angewiesen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Migrantenselbstorganisationen. Die Studie beschreibt sie nicht bloß als Ergänzung zur offiziellen Integrationsarbeit. Teilweise übernehmen sie Aufgaben, bei denen Verwaltung und klassische Regeldienste an Grenzen kommen. In einem der dokumentierten Fälle erreichte eine migrantische Organisation so viele Menschen, dass das Jobcenter seine Angebote direkt ins Quartier brachte. Die Organisation wurde damit zur Brücke zwischen Bewohnern und Behörde.

Nur: Diese Brücke steht selbst nicht unbedingt auf sicheren Füßen. Viele migrantische Organisationen arbeiten mit Förderzeiträumen von sechs bis zwölf Monaten. Anträge, Abrechnungen und die Suche nach der nächsten Finanzierung verschlingen Zeit und Kraft. Kleine Vereine haben dafür häufig weder Personal noch die nötigen Strukturen. Die Forscher sprechen deshalb von „Projektitis“: Eine Organisation kann für einen Stadtteil wichtig sein und gleichzeitig ständig darum kämpfen, die nächste halbe Stelle oder das nächste Projekt finanziert zu bekommen.

Genau darin sehen die Forscher einen zentralen Punkt: Seit 2015 haben Kommunen viel gelernt, dauerhaft abgesichert sind viele Strukturen trotzdem nicht. Empfohlen werden deshalb unter anderem verlässlichere Finanzierungen, bessere Beratung und Unterstützung für migrantische Organisationen, eine stärkere Vernetzung und eine dauerhafte institutionelle Einbindung. Nicht jedes funktionierende Angebot müsse alle paar Jahre neu erfunden und neu beantragt werden.

Auch beim öffentlichen Raum fällt die Bilanz differenziert aus. Mueßer Holz und Neu Zippendorf verfügen über große Freiflächen. Große Flächen allein machen aber noch keinen funktionierenden Treffpunkt. Durch den Rückbau gingen teilweise Strukturen verloren. Der Berliner Platz war ursprünglich ein Quartierszentrum, verlor durch den Abriss angrenzender Gebäude jedoch einen Teil seiner Funktion. Heute wird unter anderem der Bereich um den Keplerplatz als wichtiger Ort des Stadtteillebens beschrieben.

Interessant ist deshalb auch der Nachbarschaftsgarten. Dort treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und Lebenslagen aufeinander. Die Forscher sehen darin einen niedrigschwelligen Begegnungsort. Doch auch hier zeigt sich das grundsätzliche Problem: Solche Strukturen entstehen nicht von allein und verschwinden schnell wieder, wenn Träger, Personal oder Finanzierung fehlen.

Ähnlich betrachtet die Studie die rund um den Keplerplatz entstandene „Dreeschkind“-Struktur. Entscheidend ist für die Forscher weniger, ob es einen Handwagenverleih oder eine Spülküche gibt. Interessant ist vielmehr, was dahintersteht: Beteiligung kann funktionieren, wenn Bewohner tatsächlich Einfluss bekommen und anschließend selbst Dinge organisieren können. Aus einem Beteiligungsprojekt können dann dauerhafte Strukturen im Stadtteil entstehen.

Die Studie dokumentiert allerdings ebenso die Probleme. Sprachbarrieren, Rassismuserfahrungen, soziale Abgrenzungen und Schwierigkeiten beim Zugang zu Behörden und Leistungen gehören ebenfalls zur Realität. Einrichtungen können selbst zur Hürde werden, wenn Menschen mit Migrationserfahrung immer wieder als „die anderen“ behandelt werden. Gleichzeitig können Mehrsprachigkeit und eigene Migrationserfahrungen von Mitarbeitern eine wichtige Ressource sein.

Damit landet die Forschung bei einer Frage, die für Schwerin ziemlich konkret ist: Was muss eine Stadt tun, wenn aus einem ehemaligen Stadtumbaugebiet dauerhaft ein Einwanderungsquartier geworden ist?

Die Antwort der Forscher lautet nicht: das nächste große Leuchtturmprojekt bauen. Vielmehr geht es um die Strukturen, die bereits funktionieren. Stadtentwicklung und Integrationsarbeit sollen stärker zusammengedacht werden. Erfolgreiche Projekte sollen verstetigt statt ständig neu aufgelegt werden. Migrantische Organisationen brauchen Zugang zu Geld, Räumen und Beratung. Beteiligung darf nicht bei einer Veranstaltung mit Stellwänden enden. Und öffentliche Räume müssen so gestaltet sein, dass sie tatsächlich genutzt werden können.

Der interessante Punkt im Vergleich von Schwerin, Halle und Cottbus ist deshalb nicht, wer irgendwo den schönsten Stadtteil gebaut hat. Es geht darum, unter welchen Bedingungen ein Quartier mit Bevölkerungswandel, Zuwanderung und den Folgen des Stadtumbaus klarkommen kann.

Für Mueßer Holz und Neu Zippendorf fällt die Antwort ziemlich nüchtern aus: Es gibt Potenzial, engagierte Bewohner und funktionierende Projekte. Gleichzeitig hängen viele dieser Strukturen an befristeten Förderungen, einzelnen Personen und Verwaltungen, die selbst unter Druck stehen.

Das ist weder eine Erfolgsgeschichte noch die nächste „Problemviertel“-Schlagzeile. Es ist vor allem eine ziemlich konkrete Bestandsaufnahme – und ein Hinweis darauf, wo Schwerin hinschauen müsste, wenn Mueßer Holz und Neu Zippendorf nicht nur verwaltet, sondern tatsächlich weiterentwickelt werden sollen.

Quelle: StadtumMig-Projektteam: „Vom Stadtumbauschwerpunkt zum Einwanderungsquartier. Herausforderungen und Perspektiven für ostdeutsche Großwohnsiedlungen“, Teil II, Juli 2025. Untersucht wurden Schwerin, Halle (Saale) und Cottbus. Das Projekt wurde unter anderem vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung und dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung durchgeführt. Die Projektergebnisse und Veröffentlichungen sind über StadtumMig dokumentiert.


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