In Schwerin steht eine „Mini Kopie“ der Uni Rostock. Das ist der Grund:

(stm)

Eine Schweriner Chronik nennt das frühere Fridericianum eine „Miniaturausgabe“ der Universität Rostock. Ein ziemlich großer Vergleich für ein Schulhaus am Pfaffenteich – aber kein aus der Luft gegriffener. Beide Gebäude stammen von Hermann Willebrand und wurden fast gleichzeitig gebaut. Und direkt vor dem Schweriner Haus schaut Heinrich Schliemann zu. Meistens jedenfalls.

Der Schweriner Hofbaumeister Willebrand plante das Fridericianum zwischen 1868 und 1870. Zur selben Zeit entstanden in Rostock der Mittelbau und der rechte Flügel des Universitätshauptgebäudes. Wer die Fassaden vergleicht, sieht die Verwandtschaft: betonte Mittelpartien, Renaissance-Anklänge und aufwendig gestaltete Ziegel- und Terrakottaflächen. Willebrand hatte offenbar nicht nur einen Lieblingsstil, sondern wusste auch, wie man mit Backstein Eindruck macht.

„Miniaturausgabe“ heißt allerdings nicht, dass Willebrand das Rostocker Gebäude einfach verkleinert und noch einmal hingestellt hätte. Das Rostocker Hauptgebäude ist selbst ein Ensemble: Der südliche Flügel, das Neue Museum, entstand bereits 1844 nach Plänen von Georg Adolph Demmler. Willebrands Bau folgte später. In Schwerin bekam Willebrand dagegen den Auftrag für ein eigens geplantes Gymnasium. Die Ähnlichkeit ist also eher die einer architektonischen Verwandtschaft als die einer Kopie.

Am Pfaffenteich setzte der Architekt auf rot-gelb gebänderte Ziegel, vorspringende Gebäudeteile und Terrakotta-Schmuck. Über dem Eingang stehen Luther und Melanchthon. Medaillons und Wappen verweisen auf die mecklenburgischen Herrscher. Zum Schulkomplex gehörten auch ein Direktorenwohnhaus und – ab 1887 – eine Turnhalle. Der Grundstein wurde am 13. Mai 1868 gelegt, die Einweihung folgte am 10. Oktober 1870. Laut der abgebildeten Chronik gingen damals 379 Jungen in das Gymnasium. Für Mädchen war diese Schule zunächst nicht gedacht.

Heute ist das Fridericianum Teil des UNESCO-Welterbes Residenzensemble Schwerin. Die Auszeichnung gilt dem Ensemble aus 38 Bestandteilen – nicht dem Schulhaus als eigenständigem Welterbe. Gemeinsam mit Schloss, Verwaltungsbauten, Gärten und Wasserflächen erzählt es, wie eine großherzogliche Residenzstadt funktionierte.

Und Schliemann? Seine Büste wurde 1895 vor dem damaligen Gymnasium aufgestellt. Zu Prüfungszeiten sollen Schüler dem Troja-Ausgräber die Augen verbunden und ihn zum Pfaffenteich gedreht haben. Er sollte das „Elend“ der Prüflinge nicht sehen müssen. 2011 wurde die Originalbüste gestohlen und als Buntmetall verkauft. Seit 2012 steht ein Nachguss am selben Platz. Schliemann schaut also wieder – mit einer kurzen Unterbrechung.

Das Fridericianum ist übrigens wieder ein Ort der Ausbildung: Die Medical School Hamburg nutzt das historische Gebäude als Teil ihres Schweriner Campus. Für den klinischen Studienabschnitt kooperiert sie mit den Helios Kliniken. Aus dem Gymnasium von 1870 ist also kein Museum geworden. Und die „Mini-Uni“ am Pfaffenteich hat eine neue Generation Lernender – während Schliemann draußen weiter ein Auge darauf hat. Der Architeckt hat seine Spuren übrigens noch an vielen weiteren Stellen in Schwerin hinterlassen. Über den nachfolgenden Link geht es zu einer kleinen Übersicht:

Wirken des Architekten und Baumeisters Ober-Hofbaurat Hermann Willebrand.


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