(red) Er steht auf dem höchsten Punkt der Stadt, sieht aus wie eine Ritterburg und arbeitet seit 1889 ohne Unterbrechung. Trotzdem kennen ihn viele Schwerinerinnen und Schweriner nur aus dem Augenwinkel: den Wasserturm Neumühle auf dem Weinberg. Jetzt liegt eine Zahl auf dem Tisch, die aufhorchen lässt. Rund 3,0 Millionen Euro soll die Sanierung des Wahrzeichens kosten. Das geht aus der Antwort von Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) auf eine Anfrage der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP hervor.
Gestellt hatte die Anfrage Fraktionschef Manfred Strauß bereits am 9. Juli. Acht Fragen zu Zustand, Gutachten, Kosten, Fördermitteln und Zukunft des Turms. Die Antwort ließ fast drei Monate auf sich warten. Die Stadt bittet um Entschuldigung und verweist auf Urlaubszeiten. Ein Abstimmungstermin mit den verschiedenen Akteuren habe erst am 18. September stattfinden können.
Die Reparatur, die schadet
Der brisanteste Teil der Antwort steckt in einem Nebensatz. Größere Arbeiten am Turm gab es zuletzt in den 1990er Jahren bis Ende 2003. Damals wurden laut Stadt unter anderem die Klinkerfassade ausgebessert und einzelne Mauersteine ausgetauscht, Balkone, Kleeblattfries, Türen und Fenster erneuert sowie Zinnen, Dach, Rohrkeller, Decken und Fußböden instandgesetzt, inklusive „aufwendiger Holzschutzmaßnahmen“.
Das Problem benennt der Oberbürgermeister in seiner Antwort selbst: Das Mauerwerk wurde damals „mit harten und unelastischen zementgebundenen Mörteln“ bearbeitet. Genau das ist nach dem Sanierungskonzept des Architekturbüros Brenncke aus dem Jahr 2019, auf das sich die Antwort des OB stützt, der Knackpunkt. Diese Auswahl des Ersatzmörtels könne „schneller, als die Bewitterung über Jahrhunderte, zu einer Schädigung führen“.

Übersetzt: Der harte Zementmörtel arbeitet nicht mit dem historischen Ziegel. Es entstehen Spannungen, selbst eigentlich frostbeständige Ziegel platzen an den Kanten ab. Wasser dringt hinter die Fassade. Kommen Frost oder Salz hinzu, kann es laut Gutachten „zu plattigen Absprengungen der gesamten Läuferoberfläche“ kommen, also der sichtbaren Steinflächen.
Anders gesagt: Die Sanierung von damals könnte dem Turm mehr zugesetzt haben als ein Jahrhundert Wind und Wetter. Quasi „kaputtrepariert“ wenn man so will.
Gutachten von 2019 – geprüft 2025
Das Gutachten liegt seit 2019 vor. Geprüft wurde es laut Antwort vom städtischen Eigenbetrieb ZGM im Jahr 2025, also rund sechs Jahre später. Ergebnis: Die Feststellungen wurden „im Wesentlichen bestätigt“, das ursprünglich vorgeschlagene Vorgehen sei „weiter umsetzbar“. Die Fassade soll abschnittsweise saniert werden, beginnend mit der Westseite, der Wetterseite.
Deutlich unklarer ist die Lage im Inneren.
Zum Reinwasserbehälter, dem eigentlichen Herzstück des Turms, wurde laut Stadt „keine abschließende Bewertung oder Sanierungsempfehlung vorgenommen“. Gleichzeitig heißt es an anderer Stelle, eine Sanierung des Behälters sei „aus baulichen Gründen in den nächsten Jahren geboten“. Nach weit über 100 Jahren Betrieb sei er „sanierungswürdig und nach Einschätzung der WAG sanierbar“. Welche Verfahren zum Einsatz kommen, könne erst nach Vorlage einer Planung entschieden werden. Außerdem steht die Erneuerung der Fenster an.

Wer zahlt die drei Millionen?
Die Stadt geht derzeit von Gesamtsanierungskosten von 3,0 Millionen Euro aus. Woher das Geld kommen soll, bleibt offen. Fördermöglichkeiten aus Mitteln des Denkmalschutzes seien „bereits geprüft“ worden. Der WAG stünden einzelne Fördertöpfe aber „nur begrenzt zur Verfügung“. Im weiteren Prozess werde dies „detailliert geprüft“.
Klar ist dagegen, wen die Stadt in der Pflicht sieht. Der Turm sei ein Wahrzeichen und stehe unter Denkmalschutz. Seine Erhaltung sei deshalb, „unabhängig von der weiteren Nutzung des Turms, die dauerhafte Aufgabe des Eigentümers“. Und das ist die WAG Schwerin.
Einen Zeitplan nennt die Antwort nicht. Eine gesicherte Finanzierung auch nicht.
Kritische Infrastruktur: Besucher bleiben draußen
Die Fraktion wollte auch wissen, ob der Turm künftig öffentlich, kulturell, touristisch oder denkmalpädagogisch genutzt werden könnte. Die Antwort ist kurz: Der Wasserturm sei als Element der Trinkwasserversorgungsanlagen der WAG „ein Teil der kritischen Infrastruktur. Eine öffentliche Nutzung ist daher derzeit nicht möglich.“
Für viele Neumühlerinnen und Neumühler dürfte das bitter sein. Jahrelang hatte der Förderverein „Freunde und Förderer des Wasserturms Neumühle“ den Turm regelmäßig geöffnet, zuletzt auch bei den „Tagen der Industriekultur am Wasser“. Der Andrang war jedes Mal groß. Besucher durften bis aufs Dach, mit Blick über die ganze Stadt. Schon seit einiger Zeit weist die WAG darauf hin, dass der Turm wegen Bauwerksschäden nicht besichtigt werden kann.
Mehr als ein alter Backsteinklotz
Wer jetzt denkt „Ist doch nur ein Wasserturm“, irrt gewaltig. Das Bauwerk hat mehr Geschichte als manche Welterbegebäude der Stadt:
- Der höchste Punkt der Stadt: Der Weinberg ist mit rund 86 Metern die höchste Erhebung Schwerins. Kein Zufall: Was hier oben gespeichert wird, fließt mit Druck in die Leitungen.
- Der Beginn des Leitungswassers: Turm und Wasserwerk am Neumühler See entstanden ab 1888. Am 8. Juni 1890 floss in den ersten Häusern der Voßstraße Wasser aus dem Hahn.
- Die Schweriner wollten es erst nicht: Gegen die teure zentrale Versorgung regte sich Protest. Nach der Cholera in Hamburg 1892 ließen die Stadtväter öffentliche Brunnen sperren. 1898 wurde der letzte zugeschüttet.
- Außen Burg, innen Hightech: Zinnen, Spitzbögen, glasierte Klinker. Der Turm ist neogotische Architektur, gestaltet von Baumeister Carl Benduhn. Innen steckt ein genieteter Stahlbehälter nach dem System Intze, damals modernste Technik. 350 Kubikmeter passen hinein. Voll gefüllt hängen rund 350 Tonnen Wasser über den Köpfen.
- Das falsche Baujahr: Über dem Eingang steht 1889. Der Haken der letzten Neun ist allerdings so klein geraten, dass viele „1880“ lesen. So geistert die falsche Jahreszahl bis heute durchs Internet.
- Heinrich im Galopp: Über der Tür prangt der Schweriner Reiter. Heinrich der Löwe reitet hier im Galopp, eine seltene Darstellung.
- Wohnen unter 350 Tonnen Wasser: Bis Ende der 1960er Jahre hatte ein Wasserturmwärter seine Dienstwohnung im Turm.
- Die Rodelbahn der Stadt: Ältere Neumühler erinnern sich, wie sie als Kinder vom Turm aus den Berg hinunterrodelten, als ringsum noch keine Häuser standen.
Und das Wichtigste: Anders als die meisten historischen Wassertürme in Deutschland, die heute Wohnungen, Museen oder Ruinen sind, ist dieser noch im Dienst. Er gleicht den Druck im Schweriner Trinkwassernetz aus und ist das älteste technische Bauwerk der öffentlichen Wasserversorgung der Stadt, das noch arbeitet.
Kommentar (stm): Weckt die Burg auf!
Schwerin besitzt eine echte Burg aus der Kaiserzeit, auf dem höchsten Punkt der Stadt, voll funktionsfähig, mit Blick über die ganze Landeshauptstadt. Andere Städte würden damit werben. Hier gibt es ein Gutachten, das sechs Jahre auf seine Prüfung gewartet hat, einen Wasserbehälter ohne abschließende Bewertung, drei Millionen Euro ohne Finanzierung und eine verschlossene Tür.
Dass kritische Infrastruktur geschützt werden muss, versteht jeder. Aber „derzeit nicht möglich“ darf nicht zu „nie wieder“ werden. Jahrelang haben Führungen und Wasserversorgung nebeneinander funktioniert. Der Turm hat Schwerin 136 Jahre lang mit Wasser versorgt. Jetzt ist es an der Stadt und der WAG, ihm einen Plan zu geben: mit Zeitplan, mit Finanzierung und mit einer Perspektive für die Menschen, die an ihm hängen.
schwerin.news bleibt dran.
Quellen: Antwort des Oberbürgermeisters vom 28.09.2026 auf die Anfrage der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP vom 09.07.2026; WAG Schwerin; Metropolregion Hamburg (Industriekultur am Wasser); Kunst-Wasser-Werk e. V.; Schwerin Live (2009).













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