Drei Prozent und die große Frage: Wofür braucht Mecklenburg-Vorpommern noch die FDP?

(stm/Kommentar)

Drei Prozent. Mehr gibt die aktuelle INSA-Umfrage der FDP in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Damit droht den Liberalen der nächste Absturz aus dem Landtag. Doch die eigentliche Krise der FDP lässt sich nicht in einer Prozentzahl ausdrücken. Sie beginnt bei einer viel unangenehmeren Frage: Wofür steht diese Partei eigentlich noch?

Die Antwort der FDP klingt zunächst vertraut: Freiheit, Eigenverantwortung, weniger Bürokratie, wirtschaftliche Vernunft, Digitalisierung und ein Staat, der den Menschen nicht ständig erklärt, wie sie ihr Leben zu führen haben. Alles klassische liberale Themen. Nur haben die Liberalen inzwischen ein Problem: Viele dieser Positionen sind längst bei anderen Parteien angekommen.

Wirtschaft und Bürokratieabbau gehören genauso zum Repertoire der CDU, gesellschaftliche Liberalität wird auch von Grünen vertreten, und wer grundsätzlich gegen den Staat wettert, findet inzwischen zahlreiche kleinere politische Angebote. Was bleibt, das nur die FDP glaubwürdig vertreten kann?

Gerade Mecklenburg-Vorpommern wäre eigentlich ein ideales Spielfeld für eine liberale Partei. Fachkräftemangel, komplizierte Genehmigungen, schleppende Digitalisierung, hohe Energiepreise, fehlender Wohnraum, wirtschaftliche Unsicherheit und eine Verwaltung, die Bürger und Unternehmen nicht immer als Partner behandelt: Hier könnte die FDP ihre Kernkompetenz ausspielen. Sie könnte erklären, warum ein Handwerker nicht Wochen auf eine Genehmigung warten sollte, warum ein Unternehmer nicht durch fünf Behörden geschickt werden darf und warum ein Bürger nicht zum Bittsteller werden muss, wenn er mit seinem eigenen Geld etwas aufbauen will. Doch aus diesen konkreten Problemen entsteht bislang keine große liberale Erzählung, die über die eigene Parteiblase hinausreicht.

Stattdessen steckt die FDP zwischen den politischen Stühlen. Wer wirtschaftsliberal denkt, kann CDU wählen. Wer gesellschaftlich liberal denkt, findet bei den Grünen Angebote. Wer gegen Bürokratie und Staat wettert, hat inzwischen ebenfalls Alternativen. Der liberale Markenkern ist also nicht verschwunden – er ist politisch zerfasert. Die FDP war früher die Partei, die man wählte, wenn man Freiheit wollte und gleichzeitig wusste, dass eine Regierung gebraucht wird. Heute muss sie erst wieder erklären, was „liberal“ im Jahr 2026 überhaupt noch bedeutet.

Dabei wäre gerade die Abgrenzung zur eigenen politischen Vergangenheit spannend. Die FDP könnte eine Partei sein, die nicht reflexartig nach immer neuen staatlichen Lösungen ruft, sondern fragt, ob der Staat ein Problem überhaupt lösen muss. Sie könnte bei Datenschutz, Überwachung, Meinungsfreiheit, Eigentum, Bürokratie und individueller Freiheit unbequem werden. Das machen inzwischen gar Kleinparteien wie die Piraten.

Dafür müsste die FDP allerdings auch bereit sein, ihre Freiheit nicht nur wirtschaftlich, sondern konsequent als Bürgerrecht zu verstehen. Genau diese Verbindung aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Freiheit war einmal das besondere Versprechen der Liberalen.

Drei Prozent sind deshalb mehr als eine schlechte Umfrage. Sie sind ein Warnsignal dafür, dass die FDP ihre politische Daseinsberechtigung nicht mehr automatisch aus ihrer Geschichte ableiten kann. Eine Partei kann aus einem Parlament fliegen und später zurückkommen. Was wesentlich schwieriger zurückzugewinnen ist, ist ein unverwechselbares Profil. Und genau daran muss die FDP in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten. Nicht nur an fünf Prozent, sondern an der Antwort auf eine viel grundlegendere Frage: Warum braucht dieses Land im Jahr 2026 überhaupt noch eine FDP?


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